Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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noch dunkel. Die Handschrift der Kapitelsbibliothek in Udine
ist wahrscheinlich für ein norddeutsches Kloster hergestellt. Da
der heilige Willehad ausgezeichnet ist und das Fest der Rheimser
Heiligen Sixtus und Sinicius genannt ist, wird dieses Kloster in
der Gegend zu suchen sein, wo der Einfluss von Bremen-Hamburg
mit dem des wohl von Rheims gegründeten Hildesheim zusammen-
traf, und wird leicht zu bestimmen sein, wenn einmal ein Ver-
zeichnis der Kirchenheiligen Niedersachsens vorliegt. Das Mün-
chener Exemplar gehörte einst zum Domschatz in Verdun.
Leider fehlt dem Buch, das eine willkommene Erklärung der
Bilder gibt, jede Bachliche und sprachliche Erläuterung des
Textes, der doch mancherlei in Gebräuchen und Ausdrücken
bietet, das nicht ohne weiteres verständlich ist. Vgl. z. B.
8. 302 vom Leichnam Iazarizatur, was Du Gange nicht kennt.
Hoffentlich bringt sie eines der folgenden Hefte, welches auch
das Kalendarium des Göttinger Kodex gehen soll.

G. Bossert-Stuttgart.

Seeberg, Reinhold, Reden und Aufsätze von Adolf Stöcker.
Mit einer biographischen Einleitung herausgegeben. Leip-
zig 1913, A. Deichert (276 S. gr. 8). 4. 50.
Die Gestalt Stöckers gehört in die innere Geschichte der
letzten Jahrzehnte, und sie ist zugleich nicht nur eine Grösse der
Vergangenheit. Hatte er auch, als er heimgehen durfte, länger
schon den Höhepunkt seines öffentlichen Wirkens überschritten,
in seinem Streben und Schaffen hat er ein Vermächtnis hinter-
lassen, an dem auch die Gegenwart noch zu lernen hat. Was
aber der vorliegende Band bietet, ist beides: ein Stück Zeit-
geschichte und eine Art Vermächtnis. Wer Stöckers Auftreten
und Wirken seinerzeit mit innerer Anteilnahme begleitet hat,
wird hier wieder mitten in jene Tage der erstehenden christlich-
sozialen Bewegung mit ihren Hoffnungen und Kämpfen, Er-
folgen und Niederlagen hineinversetzt. Aber wenn durch
Stöckers Leben ein tief tragischer Zug geht, so dass, wie die
Einleitung bemerkt, an ihm das Wort von der Tränensaat und
Freudenernte sich in umgekehrtem Sinn erfüllt hat, es darf
von ihm dooh auch heissen: „als die Sterbenden, und siehe, wir
eben." Denn der Mann, der von der Liebe Christi gedrungen,
die soziale Frage aufgriff, in der Hauptstadt des Reichs die
Innere Mission organisierte, der überall, vor der Masse des
Volks, bei allerlei Kongressen, im Reichstag, gegen eine ver-
judete Presse für die Sache des Reiches Gottes und seines
Volks seinen Mann stand, ist eine Art Prophetengestalt. Und
so tritt er uns hier entgegen, so werden wir hier von seinen
eigenen Worten ergriffen und von der Macht seiner Persönlich-
keit berührt. Die verschiedenen Seiten von Stöckers Wirken
werden uns in vortrefflich ausgewählten Reden vorgeführt,
wobei allerdings seine Kämpfe um die chriBtlichsoziale Sache
besonders hervortreten. Die Sammlung ist ein Seitenstück zu
den biographischen Werken von Oertzen und Braun: aber auch
so wäre es zu wünschen gewesen, dass einzelnen Reden und
Aufsätzen eine Bemerkung über die äussere Veranlassung vor-
angesohickt worden wäre. Eine sehr schätzenswerte Zugabe
ist dagegen die Einleitung, in der Seebergs Meisterhand ein
Bild von Stöcker als geschichtlicher Persönlichkeit entworfen hat.

Lic. theol. J. Winter-Dresden.

Bohatec, Josef (Lic. theol. Dr. phil.), Die cartesianische
Scholastik in der Philosophie und reformierten
Dogmatik des 17. Jahrhunderts. I. Teil: Entstehung, !

Eigenart, Geschichte und philosophische Ausprägung der
cartesianischen Scholastik. Leipzig 1912, Deichert (158 S.
gr. 8). 3. 60.

Die Fragestellung, von der dies Werk des eben neu be-
rufenen Wiener Professors ausgeht, ist angeregt durch das Buch
von Tröltsch: „Vernunft und Offenbarung bei Johann Gerhard
und Melanchthon." Wie in diesem Buche das Verhältnis
zwischen Philosophie und Theologie im orthodox-lutherischen
System zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wurde, so
stellt sich Bohatec hier ein ganz ähnliches Problem, nur dass er
die reformierte Dogmatik des 17. Jahrhunderts ins Auge fasst.

Insofern aber handelt es sich bei der ausserordentlich sorg-
fältigen Untersuchung des Verf.s noch um eine besonders
interessante Aufgabe, als er für diese Konfrontierung von
Philosophie und Theologie nicht die Zeit gewählt hat, in der
die Philosophie auch auf reformiertem Kirchengebiet noch die
Züge deB ungebrochenen Aristotelismus trägt, sondern eine etwas
spätere Entwickelungsphase, jene Zeit, als der Aristotelismus
schon durch cartesianische Einflüsse modifiziert war. Dadurch
gewinnt man noch deutlichere Einblicke in die Entstehungs-
geschichte des theologischen Rationalismus, als das bei Tröltsch
naturgemäss der Fall sein konnte. Wenigstens ist zu hoffen,
dass die weiteren Kapitel des Buches diese Seite der Problem-
stellung, die ja besonders interessant ist, energisch ins Auge
fassen werden.

Dem Verf. liegt nicht daran, in geistreicher Weise etwa den Geist
Calvins und die Art der Cartesianer einander gegenüberzustellen,
sondern es handelt sich hier um eine minutiöse philologisch-
historische Quellenuntersuchung über die Frage, wie eich auf
die holländisch-reformierte Theologie der Einfluss einer stark
cartcsianisch beeinflussten Philosophie geltend gemacht hat. Und
zwar beschäftigt sich der vorliegende erste Teil seiner Arbeit
zunächst einmal nur mit der Entstehung und Art dieser Philo-
sophie selbst.

Carteaius gehört zu jenem Geschlecht von Menschen, deren
Geist „zweier Welten Schlachtgebiet" ist. So sehr dem Leser
z. B. aus den Meditationen der moderne Geist seines Denkens
entgegentritt, so sehr merkt man überall in seinen Schriften, dass
das Begriffsmaterial nicht bloss, sondern auch die Denkart viel-
fach noch ganz scholastisch zu sein scheint. Es ist deshalb
begreiflich, dass auch unter seinen Zeitgenossen CarteBius gar nicht
bloss als Gegensatz zur Scholastik, sondern als Fortbildner des
Aristotelismus aufgefasst wurde. Die Tatsache, die man überall
auf dem Gebiet geschichtlichen Lebens beobachten kann, dass
ein genialer Gedanke zunächst nur teilweise in seiner Originalität
begriffen und deshalb zunächst nur gebrochen aufgenommen
wird und weiter wirkt, läset sich also auch hier beobachten:
eine Philosophie kam auf, die in der Assimilation der neuen
cartesianischen an die überkommenen scholastischen Gedanken
ihre Eigenart hat.

Es ist ausserordentlich lehrreich, im zweiten Kapitel unseres
Buches die äusseren Schicksale dieses Cartesianismus auf den
holländischen Universitäten zu verfolgen. Man bekommt einen
sehr lebhaften Eindruck von den Schwierigkeiten, unter denen
sich neue Gedanken überhaupt gegenüber altgewohnten Vor-
stellungsreihen durchzusetzen pflegen. Durch wieviel Kompromisse
musste man hinduroh! Wieviel persönliche Schwierigkeiten waren
zu überwinden! Wie hat auch so oft böser Wille direkt hemmend
gewirkt!

Der Haupt wert des Buches -liegt aber im dritten Kapitel,
in dem der Verf. nun tatsächlich die eigentümliche hier vor-
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