Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Beibehaltung des Alten Testaments im Schulunterricht, verlangt
Ausscheidung ungeeigneter alt- und neutestamentlicher Stoffe
und gibt allgemeine Richtlinien für eine sacbgemäese Verteilung
des biblischen Lehrstoffes auf die verschiedenen Klassen).

Möge der inhaltreiche Band über den Kreis der zunächst
für ihn Interessierten hinaus die gebührende Aufmerksamkeit
finden. J. Behm-Breslau.

Vorträge zur Einführung in die Kirchliche Kunst. Auf
Veranlassung der XIII. sächsischen Provinzialsynode ver-
anstaltet und herausgegeben vom Königlichen Konsistorium
der Provinz Sachsen. Mit 69 Abb. Halle a. d. S. 1913,
Buchh. d. Waisenhauses (VIII, 136 S. 8). 4 Mk.
Von verschiedenen Seiten ist in letzter Zeit — genannt
seien Brathe und V. Schnitze — die dringende Notwendigkeit
kunstgesehichtlicher Bildungsmittel und -möglichkeiten für Theo-
logen betont worden. Diese Stimmen scheinen nicht ungehört
zu verhallen. Schon 1912 wurde in der Rheinprovinz ein Ein-
führungskursus in die kirchliche Kunst für Geistliche ver-
anstaltet, und 1913 folgte Sachsen. Dass die instruktiven Vor-
träge des letztgenannten Kongresses nun auch im Druck nieder-
gelegt sind, wird — nicht nur von den Teilnehmern — mit
Freude begrüast werden.

DaB Kirchengebäude mit seinen Problemen Bteht im Vorder-
grund. Vom Unterschied zwischen reformierten und lutherischen
Kultbedürfnissen ausgehend gibt Sup. Brathe, der bekannte
Kirchbautheoretiker und Vorkämpfer für Weckung und Pflege
des Kunstinteresses in Theologenkreisen, einen klaren Ueber-
blick über die „Geschichte des evangelischen Kirchenbaues" vom
16. Jahrhundert bis zur Bautätigkeit der Gegenwart, wobei er
seinem Gegner Sülze alle Gerechtigkeit widerfahren läset. Es
folgt die prinzipielle Erörterung „Evangelischer Kirchenbau und
praktische Theologie" von Gen.-Sup. D. Gennrich. Er fasst
das Kirchengebäude als Versammlungshaus der feiernden Ge-
meinde, betont nachdrücklich, dass man den Künstler nicht zu
sehr durch bindende Vorschriften einengen dürfe, hält im ein-
zelnen aus praktischen Gründen einen Chorraum für wünschens-
wert bzw. erforderlich und äussert gegen die Stellung der Orgel
im Angesicht der Gemeinde Bedenken. Interessant ist es da-
neben festzustellen, wie Geb. Oberbaurat Hossfeld in dem
umfangreichsten Vortrag „Evangelischer Kirchenbau und Bau-
kunst" im konkreten Einzelfall eine zu grosse Freiheit keines-
wegs als sonderlich beglückend für den Architekten ansieht:
der Architekt „muss wissen, woran er ist" (S. 45). Prof. Bosselt
behandelt die „Innere Ausstattung des Kirchongebäudes" (nur
Inhaltsangabe), und Landesbaurat Hieoke „Fragen kirchlicher
Denkmalpflege" redet über nüchterne, aber sehr wichtige und
von jedem Pfarrer zu beherzigende Dinge. Auf Einzelfragen
der genannten Vorträge kann hier leider nicht eingegangen
werden — im ganzen zeigen sie, wie wertvolle Verständigungen
trotz ungelöster Fragen des Kirchenbaus schon erzielt sind.

Bedenken prinzipieller Art kann ioh nun nicht unterdrücken
bei dem einen Vortrag: „Neuere religiöse Malerei" von Prof.
Waetzoldt. Im Zeitraum von Vj2 Stunden sind hier ca. 40
„neuere" Künstler des In- und Auslandes behandelt worden
(die „älteren" nicht mitgerechnet; in der Diskussion wurden
noch zwölf vermisst). Das geht natürlich nur in der Form
von knappen Urteilen. Diese sind selbstverständlich beim Vor-
tragenden selber Resultat eingehender Beschäftigung, jedenfalls
hat sich die Sache im Vortrag auch günstiger wie auf dem

Papier gestaltet. Immerhin, solche Kongresse sollen doch nicht
Stoffmengen und Urteile vermitteln — so würden wir ja gerade
Oberflächlichkeit in der Kunstbetrachtung und dilettantisch-
rasches Urteilen über Kunstwerke und ganze Schulen nur be-
fördern, statt zu bekämpfen. Solohe Kongresse sollen nicht
viele, sondern nachhaltige Eindrücke vermitteln, anregen und
namentlich anleiten zum Sehenlernen! Darum (gerade bei
solchem Gebiet!) greife man eine Individualität heraus oder
verfolge ein Motiv durch einen Zeitraum. Diese heilsame
Selbstbegrenzung zeigt der Vortrag von Prof. Aohelis: „Die
Entstehung des Kruzifixes."

Die äussere Ausstattung, namentlich der Bildschmuok, ist
gut. Nur sollte dooh in einer derartigen Publikation der Name
eines Victor Schultze (S. 130) richtig geschrieben sein. Dem Ein-
führungskursus ist eine regelmässige Wiederkehr zu wünschen —
hoffentlich bald auch in anderen Provinzen!

Dr. Erich Beck er-Naumburg am Queis.

Sacramentarium Fuldense saeculi X. Cod. theol. 231 der
königl. Universitätsbibliothek zu Göttingen. Text und Bilder-
kreis (43 Tafeln) als Festgabe zum goldenen Priesterjubiläum
seiner Eminenz des hochwürdigen Herrn Georg Kardinal
Kopp, herausgegeben von Gregor Richter und Albert
Schönfelder. (Quellen und Abhandlungen zur Geschichte
der Abtei und der Diözese Fulda, im Auftrage des histo-
rischen Vereins der Diözese Fulda herausgegeben von
Dr. G. Richter, Professor in Fulda IX.) Fulda 1912,
Fuldaer Aktiendruckerei (XLI, 430 S. gr. 8). 10 Mk.
Trotz des langatmigen Titels ein beachtenswertes Buch,
das einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des Gottesdienstes
und der Kunst im Zeitalter der Karolinger und Ottonen gibt
und zugleich einen Blick in die Tätigkeit der Fuldaer Mönche
eröffnet, die nicht nur Güter erwerben und sie in Urkunden
verzeichnen und Verträge darüber schliessen, sondern mit warmer
Liebe der Pflege des Gottesdienstes sich widmen, indem sie
in ihrer Schreibstube Sacramentarien herstellen, deren Bilder,
schmuck von der Freude an dem Glauben ihrer Kirche und
ihrem Ringen nach einem würdigen Ausdruck dieser Freude
zeugt. Wir erhalten einen Beitrag zur Geschichte des Missale
Romanum, dessen Entwickelung noch nicht ganz geklärt ist,
aber auch zur Geschichte des kirchlichen Rituals für Verwaltung
der öffentlichen und privaten Busse, für Taufscrutinien und
Taufspendung, für kirchliche Trauung, Krankenbesuch, letzte
Oelung und Begräbnis, dessen Ordnung Beachtung verdient-
für Einkleidung von Ordensleuten und ihre Weihen, wie für
die Abtswahl, für Exorzismen und Benediktionen der mannig-
faltigsten Art bis zum Haarschneiden der zarten Kinder. Merk-
würdig ist der Taufunterricht S. 336, namentlich die Erklärung
des Vaterunsers S. 341, die unwillkürlich zum Vergleioh mit
Luthers kleinem Katechismus reizt.

Ausser dem Sakramentar der Göttinger Universitätsbibliothek,
das etwa 975 hergestellt wurde, und das in diesem Band ge-
boten ist, sind noch solche Fuldaer Werke in Bamberg, in
Vercelli, in Rom, in Udine, in München. Das Exemplar in
Vercelli wurde von dem Fuldaer Abt Erkanbald (997—1011)
dem Würzburger Bischof Heinrich (995—1018) auf Lebens-
zeit geliehen, während das Bamberger eine Mitgift des Klosters
Fulda für das neuerrichtete Bistum Bamberg sein dürfte. Woher
der Kardinal Ant.Carafa (1585—1590) Bibliothekar des Vatikans,
das von ihm dieser Bibliothek geschenkte Exemplar hatte, ist
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