Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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wesen. Dass in der synoptischen Frage nicht zwei Theologen
zn finden sein werden, die ganz gleicher Meinnng sind, und
dass gerade hier, wenn zwei anch dasselbe sagen, sie doch
unter Umständen Verschiedenes meinen, ist ja allbekannt. Des-
halb unterlasse ich es, auf Einzelheiten einzugehen. Bei der
Erörterung über das Johannesevangelium wird ganz mit Recht
die Tatsache in den Vordergrund gerückt, dass es im Unter-
schiede von den drei Synoptikern den Anspruch erhebt, von
einem Augenzeugen des Lebens Jesu geschrieben zu sein. Dieser
kleine Abschnitt (§ 32, 3) hätte wohl eine weit eingehendere
und liebevollere Behandlung verdient, wohingegen die breiten
Ausführungen über die nach meinem Urteil untergeordnete
Frage nach der Persönlichkeit des Verfassers ohne Schaden
für die Sache wesentlich gekürzt werden konnten.

Bei dem Abschnitt über die Apokalypse habe ich wieder
die lebhafte Empfindung gehabt, dass die Domitianhypothese
dem Text Gewalt antut. 17, 10 macht doch auch auf Feine
den Eindruck, dass „der Verfasser unter Vespasian zu schreiben
scheine". Allerdings weise schon der Sohluss des Verses wieder
darauf hin, dass der Apokalyptiker bereits von der kurzen
Regierung des Titus wisse. Und das Folgende (V. 11) weise
deutlich auf Domitian hin, der hier abermals (wie Kap. 13)
als „zweiter Nero" erscheine. Aber das Sei p-eivai blickt nicht
auf bereits vorliegende, bekannte Tatsachen zurück, sondern
spricht von dem Muss des göttlichen Weltregierungswillens.
Und der „achte", der nach den sieben kommen wird, ist dem
Apokalyptiker ganz gewiss keine bestimmte historische Persön-
lichkeit, also nicht ein römischer Kaiser, der wegen seiner
Grausamkeit gleichsam ein zweiter Nero genannt werden könnte,
sondern die apokalyptische Figur des wiederkehrenden Nero
selbst. Das ist auch der allein natürliche Sinn des xal ex
xtLv iura eoxiv in V. 11. Trotz seiner Bemerkungen über die
letzten Worte von V. 10 und über V. 11, die auf spätere
Zeiten weisen sollen, spricht Feine schliesslich doch die über-
raschende Vermutung aus, dass das ganze Kap. 17, dem V. 10
zufolge, wahrscheinlich unter Vespasian entstanden sei. Aber
V. 10a und b kann füglich doch nicht von V. 10c und V. 11
getrennt werden. Und die Sätze des 13. Kapitels stehen bei
richtiger Exegese mit denen des Kap. 17 in vollem Einklang.
Im übrigen hat die These Feines, dass „es sich nicht empfehle,
an dem johanneischen Charakter der Apokalypse auf Grund
der Abweichungen von den anderen johanneischen Schriften
zu zweifeln", meinen vollen Beifall. Aber wie man mit den
Abweichungen fertig werden will, wenn man, wie bei der
Domitianhypothese geschieht, zwischen Apokalypse und den
übrigen Schriften einen Zeitraum von nur wenigen Jahren an-
setzt, ist mir unverständlich. Denn der Btarke Eindruck des
Unterschiedes beruht nicht allein „auf der Verschiedenheit des
Stoffes und der dadurch bedingten Betrachtung", sondern auch
und vor allem auf der Verschiedenheit der Sprache. In § 29, 4
hat Feine die Eigentümlichkeiten des Sprachcharakters der
Apokalypse vortrefflich zusammengestellt. Ich möchte wohl
wissen, ob er es wagen würde, alle diese Sätze auch nnr an-
nähernd unverändert auf johanneische Briefe und Evangelium
zu übertragen. Gewiss: hebraisierender Stil und Sprach-
erscheinungen hier wie dort, aber hier doch noch vielfach in
ganz roher, ungeschlachter, ungelenker Form, dort geglättet, ab-
geschliffen, verfeinert Nur durch jahrzehntelange Beeinflussung
durch griechisch redende Umgebung konnte der Sprachcharakter
der Apokalypse sich zur Redeweise der übrigen johanneischen
Schriften aus- und umgestalten. D. Kühl-Göttingen.

Bibliothek der Kirchenväter. Eine Auswahl patristischer
Werke in deutscher Uebersetzung, hrsg. v. 0. Bardenhewer,
Th. Schermanu, K. Weyman. Kempten u. München, Kösels
Buchhandlung.

Bd. XIII: Des hl. Athanasius ausgewählte Schriften aus
dem Griechischen übersetzt. I.Band. 1913 (XL, 520 S.),
4. 30.

Bd. XII u. XIV: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten
aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt. 2 Bände.
1913 (VIII, 375 S. u. 369 S.) 3. 60 u. 3. 60.

Ein erster Athanasiusband der Bibliothek der Kirchenväter
bringt zunächst aus der Feder von Joseph Lippl, Subregens
am Passauer Klerikalseminar, eine allgemeine Einleitung in
Leben und Schriften des Athanasius. Es folgt die von Anton
Stegmann, Repetenten am kgl. Wilhelmstift in Tübingen, ge-
fertigte Uebersetzung der vier Reden gegen die Arianer. Hier
werden zunächst die drei sicher echten Reden (Nr. 1—3) zu-
sammengefaast nnd mit einer Einleitung versehen, die den In-
halt darstellt nnd die Echtheits- und die chronologischen Fragen
behandelt. Stegmann datiert die Reden wieder auf 357/8,
lehnt also die frühere Datierung von Cavallera und von Loofs
ab. Davon gesondert wird dann ebenfalls in Stegmanns Ueber-
setzung die vierte Rede geboten; hinsichtlich der Echtheitsfrage
kommt der Uebersetzer zn keinem völlig sicheren Ergebnis und
meint den mancherlei Schwierigkeiten dadurch am besten zu
entgehen, dass er sie fasst als das Werk eines dem Athanasius
sehr nahestehenden Alexandriners, der in der Zeit 362 bis 374
schrieb. — Die Uebersetzung der vier Briefe an Serapion und
des an Epiktet hat der oben schon genannte J. Lippl geliefert;
für den Brief an Epiktet konnte Lippl die neue Rezension von
G. Ludwig benutzen.

Eine ganz knappe Einleitung zu den Apologeten liefert der
Bonner Professor Gerhard Rauschen. Es folgt sodann die
Uebersetzung der Apologie des Aristides, die Dr. Kaspar JuliuB,
Hofstiftskanonikus in München, in der Weise liefert, dass er
den vollständigen syrischen Text übersetzte, dabei aber die
griechischen und armenischen Bruchstücke berücksichtigte. Dass
das eine schwierige Anfgabe ist bei den drei oft so stark ver-
schiedenen Textzeugen, ist ja bekannt; Julius folgt im wesent-
lichen R. Seebergs Bahnen in der Bevorzugung des Syrers und
macht natürlich den Versuch, zu dem eigentlichen Original vor-
zudringen, indem er aber stets das durch den Syrer gebotene
jedenfalls in der Anmerkung bietet, so dass die Uebersetzung
des Syrers ganz geboten wird. — Die Uebersetzung der beiden
Apologien Justins liefert Gerhard Rauschen, der auch den
kleinen Brief an Diognet übersetzte. — Tatians Rede an die
„Bekenner des Griechentums" zu übersetzen hat der Grazer
klassische Philologe R. C. Kukula übernommen, der seinerzeit
schon 1900 und 1902 in zwei Arbeiten sich mit Tatian erfolg-
reich beschäftigt hat. In Kukulas Einleitung steht viel Interes-
santes; er wendet sich gegen Geffokens abschätzige Beurteilung
des Menschen und Schriftstellers Tatian, er bietet einen neuen
Versuch einer bei Tatian freilich recht schwierigen Disposition,
er tritt dafür ein, dass die Rede nicht fingiert sei, sondern eine
wirklich gehaltene Rede darstelle, und dass die Rede erst nach
Tatians Rückkehr nach Syrien nach 172/3 gehalten sei; auch
Kukulas Uebersetzung erregt im einzelnen das Interesse, da ihr
eine gründliche kritische Beschäftigung mit dem Text voran-
geht. — Als letztes Stück bietet der erste Band der „Apologien"
noch eine Uebersetzung der Schriften des Athenagoras, also
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