Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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vom Volke trennten" CebenäV. Aber dies ist mit dem hundert-
fach bezeugten Verhalten unvereinbar, das die Propheten gegen-
über ihren Zeitgenossen beobachteten. Oder haben diese Redner
ihr Volk nicht immer von neuem ermahnt und gewarnt? Haben
sie es nicht durch Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit
zu neuer Treue anlocken und durch Androhung von Strafen
es vom Ungehorsam abschrecken wollen? Warum haben die
Propheten sich nicht auf wenige Weissagungen, die das Ver-
hängnis androhten, beschränkt? Warum geben sie sich soviel
Mühe, dem Volke seine Gesetzesübertretung zum Bewusstsein
zu bringen und in ihm den Glauben an bevorstehendes neues
Heil zu erwecken? Warum verschwenden sie so viele Worte,
wenn sie von Anfang an wissen, dass ihr Reden keinen Erfolg
haben wird? So ungefähr fragte mit Recht auch schon Giese-
brecht (Die Berufsbegabung der alttestamentlichen Propheten
1897, S. 82).

An diesen Erwägungen scheitert die erwähnte Behauptung
von Buttenwieser. Zu ihrer Widerlegung braucht also nicht
noch an Sätze, wie diese, erinnert zu werden: „Wenn eure
Sünden karmesinrot wären usw.", „wenn ihr willig sein werdet
und gehorchen, sollt ihr das Gut des Landes verzehren"
(Jes. 1, 18 f.) oder „Auf, lasst uns wandeln im Liebte Jahves!"
(2, 5). Bei der von Buttenwieser ins Extrem gesteigerten
Deueren Auffassung (von Marti, Hans Schmidt u. a.) wären solche
Sätze ganz unnatürlich, ja die reine Spiegelfechterei gewesen.
Nach allem natürlichen Verständnis des Verhaltens der Propheten
gegenüber ihren Zeitgenossen meinten sie auch nicht, dass ihre
Forderungen für ihr Volk zu ideal gewesen seien (Buttenwieser,
S. 296). Nein, im Namen ihres Gottes erwarteten sie Ge-
rechtigkeit, d. h. bundesgemässes Verhalten, von Israel als dem
Weinberge Jahves (Jes. 5, 4—7). Also auch Buttenwieser ist
es nicht gelungen, die älteren Schriftpropheten zu blossen Un-
heilspropheten zu stempeln (vgl. weiter in meiner ihm noch
nicht bekannten Gesch. der alttestl. Religion 1912, 327 f. 31 f.
45—47). Auf dort (S. 316—18) muss ich ihn auch wegen
seiner Vertretung des neueren Dogma vom „ethischen Mono-
theismus" (S. 326) vorweisen. Aber wenn ich auch in diesen
Hauptpunkten vom Inhalt seines Buches ihm nicht beistimmen
kann, so enthält dieses doch viele wichtige und anregende
Untersuchungen. Namentlich betont er sehr gut den religiösen
Idealismus der alttestamentüehen Propheten (S. 301 usw.).

Ed. König.

Feine, D. Paul (Geh. KonBistorialrat, o. Prof. a. d. Univ. Halle-
Wittenberg), Einleitung in das Neue Testament (Evan-
gelisch-Theologische Bibliothek, herausgegeben von Prof.
Lic. B. Bess.) Leipzig 1913, Quelle & Meyer (VII, 217 S.
gr. 8). Geb. 5 Mk.
Ueber eine Einleitung in das Neue Testament erschöpfend
zu berichten, ist auf kurzem Räume kaum möglich, und noch
weniger, den Bericht mit begründeter Zustimmung oder Ab-
lehnung in einzelnen Fragen zu begleiten. Ein Studentenbuch,
wie es die Einleitung von Feine sein will, wird es sich ja
freilich vor allem angelegen sein lassen, die überaus zahlreichen
Probleme, mit denen sich eine Einleitung ins Neue Testament
gegenwärtig abfinden muss, mit ruhiger Sachlichkeit darzustellen,
um dann unparteilich Rede und Gegenrede abzuwägen. Aber
an den Ergebnissen werden wir doch leicht die Physiognomie
des Forschers erkennen, der dahinter steht. Und je eigenartigere
und selbständigere Züge sie trägt, desto höher werden wir den

Wert der Arbeit einschätzen. Bei Feine, der gerade anf dem
Gebiete der neutestamentliohen Einleitungswissenschaft bereits
mit einer Reihe charaktervoller Studien hervorgetreten war,
durften wir die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Urteils,
wodurch sich sein Buch in der Tat auszeichnet, von vornherein
erwarten. Der kundige Leser wird an dieser Beurteilung des
Feineschen Buches auch dadurch sich nicht irre machen lassen,
dass ihm ein jüngerer Fachgenosse „literarische Abhängigkeit
von Jülichers Einleitung ins Neue Testament" nachzuweisen
sich bemüht hat (Lic Bultmann in seinem Referat, Theologische
Rundschau XVII, Heft 1). Durch Bultmanns Darstellung kann
bei dem Leser leicht die Meinung erweckt werden, als befinde
sich Feine vielfach auch in sachlicher Abhängigkeit von Jülicher.
Das Gegenteil ist der Fall. Wie wäre es auch anders zu er-
warten bei einem Forscher, der auf diesem Gebiete der neutesta-
mentlichen Einleitungsfragen zum mindesten ebensoviel Eigenes
und Eigenartiges erarbeitet hat wie Jülicher. Feine hat (Theol.
Rundschau, Heft 3, S. 122f.) die Erklärung für den von Bult-
maen festgestellten Tatbestand, die vorauszusehen war, abgegeben.
Dabei hätte er es bewenden lassen und sein Werk nicht mit der Be-
merkung entwerten sollen, dass seineEinleitungjanurdieBedeutung
einer Einführung in die Einleitungen von B. Weiss, Holtzmann,
Jfllioher, Zahn, Barth usw. haben Bolle. Ich schätze seine Arbeit
höher ein und meine, dass Bie sieh getrost als selbständiges Werk
neben jenen Einleitungen sehen lassen kann. Mit den ein-
schlägigen Problemen wird der Leser, auch wenn er sich allein
an Feine hält, hinreichend bekannt gemacht. Wer sich aber
in eines dieser Probleme tiefer versenken will, wird sich auch
an jenen Einleitungen nicht genügen lassen dürfen, sondern zu
Spezialuntersuchungen greifen müssen. Die Literaturangaben bei
Feine, die hier und da allerdings noch Ergänzungen vertragen
könnten, werden ihm dabei gute WegweiserdienBte leisten. Die
Hinweisungen auf genauere Ausführungen über einzelne, zu-
meist untergeordnete, Fragen in den anderen Einleitungen
könnten ohne erheblichen Aufwand durch eigene Ausführungen
von wenigen Zeilen ersetzt werden, um so auch die einzigen
irreführenden Zeichen der Ergänzungsbedürftigkeit des Buches
zu beseitigen.

Feine unterscheidet die Einleitung in das Neue Testament
mit Recht von der urchristlichen Liter iturgescshichte; sie be-
schränkt sich naoh ihm auf diejenigen urchristlichen Schriften,
welche die Kirche des 2. bis 5. Jahrhunderts alo kanonische
aussonderte und als die für die ganze Christenheit normativen
ansah. „Solange wir im Zusammenhange mit der Kirche und
ihrer Geschichte bleiben wollen, werden wir an diesem Kanon
nicht rütteln und ihn auch für die heutige Kirche als religiöse
Norm bestehen lassen." In drei Teilen behandelt er sodann die
Entstehung der neutestamentliohen Schriften, die Entstehung des
Kanons, des Neuen Testaments und die Geschichte des neu-
testamentlichen Textes. Die drei Teile sind recht verschieden
an Umfang nnd Wert. Das Lob der Vollständigkeit und Gründ-
lichkeit, das wir dem Buche gezollt haben, gilt nur für den
ersten Teil. Namentlich der zweite Teil gewährt kein wirk-
liches Bild von der Entwickelung und von ihren treibenden
Motiven. Das Ganze macht den Eindruck eines nebensächlichen
Anhanges. Das Bild würde sich wahrscheinlich anders gestaltet
haben, wenn der Teil an erste Stelle gerückt wäre. Das halte
ich aber auch sachlich für richtig. Die Geschichte des Kanons
muss durch die Jahrhunderte hinduroh fortgeführt werden und
mündet dann ganz von selbst ein in die Geschichte der neu-
testamentliohen Einleitung.
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