Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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LXX geartet, im Neuen Testament, so scheint es, „afrikanisch".
Leider zitiert der Verf. oft sehr frei, nnd der Textkritiker hat
Mühe, zu entscheiden, wohin der Text weist. Verfolgungen
stehen dem Verf. unmittelbar vor Augen, sie brennen der
Kirche sozusagen auf den Leib. Eine überschwengliche Wert-
schätzung des Martyriums macht sich geltend, ohne Fhrase,
ohne Rhetorik. Es scheint, als wenn die Ansprache gerichtet
sei an Christen, die, in der Untersuchungshaft befindlich, ihrem
Urteilsspruch entgegensehen (ora, ut in partioipationem reciteris,
Z. 400). Die Sprache ist sicher von vornherein lateinisch ge-
wesen; vgl. was über mel und fei gesagt ist. Charakteristisch
sind die Ausführungen über das gegensätzliche Verhältnis eines
gottgefälligen Asketen zu einem spado, Verschnittenen, der es
ist aus Notwendigkeit, propter voluntatem hominum. Die Stelle
(Z. 249 ff.) erinnert in eigentümlicher Weise an das, was
Clem. AI. Strom. III, 1 init. (Stähl. II, 195) uns als Ausspruch
Isidors, des Sohnes und Schülers des Basilides, anführt. Schon
der Herausgeber (S. 83) hat darauf hingewiesen. Siehe auch
Zahn GK. I, 769, 2. Liegt in unserer Schrift a. a. 0. eine
Bezugnahme auf die Selbstentmannung des Origenes vor?

Andererseits finden wir Berührungen mit Hippolyt (Christo
logie; tägliches Abendmahl; aber auch Esuhatologie), auch mit
dem Verf. der von Mercati in Studi e Testi 11 erstmalig heraus-
gegebenen Erörterungen zu Matth. 24 (Victor, v. Pettau? Dieser
hat Werke des Hippol. benutzt). Sollten diese Berührungen
nicht mehr als zufällig sein? Die Verfolgung, mit der unser
Verf. es zu tun hat, kann dann nicht mehr wohl in die
cyprianische Zeit hinaufreichen, sondern dürfte die diokletianische
sein. Viel früher sind auch wohl die Acta Pauli im Abend-
lande kaum bekannt geworden, die unser Verf. kennt und
hochschätzt (s. Zahn, GK. II, 2, 881 ff.). Darf man vielleicht
an den Verfasser der pseudooyprianischen Schrift ad Vigilium
de Judaica incredutitate (Härtel III, 119 ff.), den Uebersetzer
des uralten Dialogs Jasonis Hbr. Christiani et Papisci Alex.
Jud., denken? Dass diese dem Anfang des 4. Jahrhunderts
zugehört, ist ja wohl möglich. Ich verweise auf folgendes:
1. die Christologie darin ist höchst altertümlich; 2. es verrät
sich darin ausserkanonische evangelische Ueberlieferung (Simeons
Blindheit); 3. die Sprache zeigt ein recht inkorrektes Latein;
4. charakteristische Einzelheiten des Sprachgebrauchs (z. B.
Paulus heisst im Subjekt vas electionis); 5. beide Verfasser
appellieren an den bzw. die Märtyrer, dass sie ihrer vor dem
Herrn gedenken mögen, wenn sie der himmlischen Seligkeit
teilhaftig werden. Freilich kommt dieser Zug auch sonst vor
(Cypr. de hab. virg. 24. Ps.-Cypr. [Novatian?] de laude martyrii
c. 30. TracL de libr. s. scr. 18, ed. Batiffol 199).

Was den Ort der Abfassung betrifft, so dürfte nur Rom
oder Nordafrika in Betracht kommen. Die Entscheidung ist
schwer oder vielmehr unmöglich.* Beziehungen zwischen beiden
Kirchen fluteten bekanntlich stark hin und her. Es liegt nahe,
an den Kreis der Tertullianisten sich zu erinnern, deren
August, de haeres. c. 86 Erwähnung tut. Aber auch daran
mag man gedenken, dass Damasus (366— 384) dem Hippolyt
Novatianismus zugeschrieben hat. Ist Hippolyt um das Jahr
236/37 gestorben, so kann er nicht eigentlich Anhänger des
sehisma Novati gewesen sein. Wohl aber mögen nach seinem
Tode manche Novatianer (in Novatian den Verfasser unserer
Schiift zu sehen, verbietet schon die Sprache) auf den rigorosen
Hippolyt sich berufen haben. Dass aber ein stark novatia-

* Dass die Schrift ad Vigil. de Jud. incr. in Afrika verfasst ist, ist
nicht ganz sicher.

nischer Zug durch unsere Schrift hindurchgeht, wer will das
leugnen?

Zum Schluss sei dem Herausgeber für seine editio princepB
Dank gesagt. G. Wohlenberg.

Murillo, L. (Prof. del Instituto Biblico), El Genesis. Roma
1914, Pontificio Inst. Bibl. (XXIV, 872 S. gr. 8). 9. 60.
Ein in spanischer Sprache geschriebener Genesiskommentar
von über 700 Seiten in Lexikonoktav, das ist gewiss sohon
des Umfangs wegen eine anssergewöhnliche Erscheinung. Aber
auch des gelehrten Apparates wegen, den der Verf. vor seinen
Lesern entfaltet, ist das Buch bemerkenswert. Er führt dem
spanisohen Pablikum ungefähr alle die wissenschaftlichen Hilfs-
mittel vor, die auch bei uns in einem gelehrten Kommentar
zur Genesis verwendet werden. Er bespricht Lesarten und
diskutiert die Meinungen der alten und neuen Exegeten bis
auf Procksch 1913. Sprachliche Erörterungen, Iiterarkritische
Untersuchungen, komparative Beurteilungen usw. füllen seine
Blätter. Von mancher jetzt Mode gewordenen Auslegung hält
er sich mit Recht fern, wie z. B. von der Auffassung des 'cd
2, 6 als „Flut". Seinem umfassenden Kommentar schickt er
aber auch noch eine Einleitung in den Pentateuch auf 170 Seiten
voran. Da sucht er mit allen Mitteln die neuere Literarkritik
des Pentateuch zu widerlegen. Eine Begutachtung würde
wieder ein Buch erfordern. Aber scheiden kann ich doch
nicht von dem Werke, ohne seinem Verf. wegen seiner Ge-
lehrsamkeit und Belesenheit meine Hochachtung auszusprechen.

Ed. König.

Buttenwieser, Dr. Moses, The Prophets of Israel from
the eighth to the fifth Century, their faith and their
message. New York 1914, The Macmillau Comp. (XXII,
350 S.). Geb. 2 doli.

Eine nicht unerklärliche Tatsache ist diese, dass jüdische
Gelehrte in bezug auf den Pentateuch konservativer zu sein
pflegen als in betreff des prophetischen Schrifttums. Denn an
der neueren Pentateuchkritik haben sich wenige jüdische Ge-
lehrte beteiligt, in bezug auf die Literarkritik der Propheten-
sohriften aber schliessen sie sich leichter den modernsten An-
schauungen an. Dies zeigt sich wieder bei Buttenwieser, Pro-
fessor am „Hebräischen Union-College" in Cincinnati. Denn er
spricht nicht nur den verheizenden Schluss dem Arnos ab
(S. 212), sondern steht auch auf der Seite derer, welche die
grossen Heilsweissagungen Jes. 2, 2 —4; 4, 2—6; 11, 1 ff. fttr
unecht erklären. Dies hängt damit zusammen, dass er die
neuerdings weit verbreitete Meinung teilt, diese älteren Pro-
pheten seien bloss Sturmvögel des Gerichts gewesen.

Er vertritt diese Ansicht sogar in besonders entschiedener
Weise. Denn z. B. Cornill (Das Buch Jeremia 1905, S. XXVIII)
und Staerk (Das assyrische Weltreich im Urteil der Propheten
1908, S. 38 ff.) meinen, dass diese Propheten wenigstens im
Beginn ihrer Tätigkeit hofften, ihre Zeitgenossen durch ihre
Predigt zur Busse bewegen zu können. Aber Buttenwieser be-
hauptet, dass diese Propheten in keiner Zeit ihrer Wirksam-
keit eine solche Hoffnung hegten. Dieselben seien von vorn-
herein sich bewusst gewesen, „tauben Ohren zu predigen"
(S. 177). Und wie will er dies beweisen? Nur durch die neue
Behauptung, die Propheten hätten die „unübersteigliche Ver-
schiedenheit der religiösen Gesichtspunkte voll erkannt, die sie
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