Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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keit eines optimistischen, sozial-eudämonistischen Evolutionismus
echt amerikanischer Art einen geschichtlichen Beweis führen. Der
Glanbe an die Möglichkeit eines Reiches Gottes anf Erden, und
zwar in Form eines idealen goldenen Zeitalters, eines Reiches
ewigen Friedens, sei immer mehr gewachsen. Wenn man nun
Augustin mit Luther und Schopenhauer z. B. vergleichen würde,
würde man' da nicht zu einer ganz anderen Entwickelungslinie
geführt^werden? Ist wirklich das Entstehen unseres modernen
weltseligen Evolutionismus nur als Fortschritt anzusehen, nicht
auch ala'ein Symptom der Oberflächlichkeit unserer Tage, die
sich die Nachtseiten des Lebens verbirgt ? Gesetzt selbst den un-
wahrscheinlichen Fall, im Lauf der menschheitlichen Entwickelung
würden mit der Zeit alle sozialen Missstände verschwinden, würde
es gelingen, auch sonst das Nichtseinsollende immer mehr zu
überwinden, ich meine, das, was der Menschheit höchstes Ziel
ist, liegt höher als diese vergängliche Welt. Der Mangel dieser
Arbeit liegt demgemäss in dem Mangel an einem wirklich die
Tiefen des Lebens erfassenden Massstab.

Lic. Hupfeld-Barmen.

Sauter, Dr. phil. Constantin, Avieennas Bearbeitung der
Aristotelischen Metaphysik. Freiburg i. Br. 1912,
Herder (IX, 112 S. gr. 8). 3 Mk.
Wenn sich der Verf. zum Ziel gesetzt hat, eine Darstellung
der Metaphysik des Avicenna zu geben, so hat er sich damit
ein Thema gewählt, das nicht nur interessant ist, weil es eine
der merkwürdigsten Erscheinungen der Philosophiegeschichte,
jene eigentümliche Wanderung des Aristotelismus durch Syrien,
Arabien und die ganze mohammedanische Welt nach Spanien
und von da aus in die christlich-abendländische Eulturwelt, be-
handelt, sondern das auch eine wirkliche Lücke ausfüllt. Die
Kenntnis der eigentümlichen Auffassung des Aristotelismus durch
die mohammedanische Philosophie ist ja immer noch ziemlich
lückenhaft. Monographien, die, sei es in Längs- oder Quer-
schnitten, diese Zusammenhänge aufhellen, sind mit Freuden zu
begrüssen.

Der Verf. behandelt seinen Gegenstand sinngemäss in zwei
Abschnitten. Zunächst gibt er — nach einer allgemein
orientierenden Einleitung — ein Lebensbild des Avicanna und
einige Nachrichten über das Schicksal seiner Werke, sodann
eine Wiedergabe seiner Bearbeitung der aristotelischen Meta-
physik. Diese Wiedergabe gewinnt dadurch ein den Leser
fesselndes Interesse, dass der Verf. zuuächtst einmal Aristoteles'
Auffassangsweise selbst darstellt, um auf diesem geschichtlichen
Hintergrund ein klares Verständnis für die eigentümlichen
Abweichungen Avieennas zu vermitteln. Es stellt sich heraus,
dass Avicenna im allgemeinen mit wirklichem Verständnis seinen
Meister reproduziert hat; insbesondere in der metaphysischen
Grundfrage, der VerhältniBbestimmung zwischen Materie und
Form, zeigt er sich nicht nur als geschickter Nachbeter, sondern
als verständnisvoller Vorarbeiter der Anregungen seines Meisters.
Dabei verbirgt der Verf. nicht die Tatsache, dass dem Avicenna
nur ein durch neuplatonische Einflüsse hindurchgegangener
Aristotelismus bekannt war. Insbesondere seine Stellung zur
Fiage der Realität der Allgemeinbegriffe und seine emanatisüseke
Cotteslehre beweisen diesen EinflusB. Dazu kommen aber noch
starke Einflüsse mohammedanischer Problemstellungen auf seine
Gedankenbildung. Avicenna hat Bich allerdings nicht gescheut,
zum Teil sehr ketzerische Gedankengänge zu verfolgen (ins-
besondere die Ablehnung jeden Interesses der Gottheit an den

Einzeldingen gehört dazu), trotzdem aber zeigt er sich in den
Grundgedanken seiner Gotteslehre durchaus beeinflusst durch
den starken Theismus seiner Religion, und er interpretiert
Aristoteles so, als ob dieser selber auf demselben Standpunkt
gestanden hätte.

Leider kann ich jedoch ein Bedenken gegenüber diesem
Buch nicht zurückhalten: mir ist es doch zu sehr eine — ich
möchte beinahe sagen — Uebersetzung. Das Ziel historischer
Darstellung ist doch nicht bloss dies, philologisch getreu die
Gedanken der Vergangenheit wiederzugeben, sondern ein Ver-
ständnis des inneren Zusammenhangs dieser Gedanken zu ver-
mitteln, mit der Frage, warum hat man das so gesagt, worin
besteht die Notwendigkeit dieser Gedanken, an sie heran-
zugehen. Statt dessen enthält das Buch mehr eine Statistik der
Gedanken des Avicenna. Auch eine solche Arbeit ist nötig,
aber als Vorarbeit für die eigentliche Aufgabe, ein wirklich
inneres Verständnis für die Ansichten jener längst vergangenen
j Zeiten zu erwecken. Besonders auffallend ist es, dass nicht
j einmal zum Schluss eine Art zusammenfassender Charakteri-
| sierung der Eigenart des Denkens Avieennas gegeben wird.
] Diese rein philologische Betrachtungsweise scheint mir doch
! gerade bei einem so feinen und scharfsinnigen Philosophen,
i wie Avicenna es war, am wenigsten am Platze zu sein.

Im übrigen ist aber das Buch Reissig und sorgfältig ge-
arbeitet und vermag in zuverlässiger Weise über den be-
handelten Gegenstand zu orientieren. Lic. Hupfeld-Barmen.

Lehmann, Prof. D. Dr. Edvard (ord. Prof. in Lund), Sören
Kierkegaard. (Bd. 8—9 der „Klassiker der Religion".)
Berlin-Schöneberg 1913, Protestantischer Schriften vertrieb
(293 S. gr. 8). 3 Mk.

Die interessante Serie „Klassiker der Religion" enthält nun
auch ein Doppelheft über Kiorkegaard, von Edvard Leh-
mann (Lund) unter Mitwirkung von Hans Reuter (Berlin) ge-
schrieben. Noch mehr, als es der Fall ist in den früheren
Bänden der Serie, redet aber der „Klassiker" selbst. Nur
15 Seiten des Buches sprechen von Kierkegaard, sonst spricht
er selbst. Es ist hier versucht, nicht eine „Blütenlese" aus
Kierkegaard, sondern eine umfassende Auswahl aus seinen vielen
und oft recht grossen Schriften zu bringen.

Die 15 Seiten der Einleitung stellen recht summarisch die
Hauptünien der Persönlichkeit und des Verfassers Kierkegaard
dar. Eine Biographie wird nicht gegeben. Lebhaft und an-
schaulich wird dagegen seine eigentümliche Persönlichkeit ge-
schildert. Nur fehlt die Zusammenfassung der vielen Züge, das
Bild wird etwas unruhig; auch das Verhältnis Kierkegaards
zu seinen Verwandten hätte einen Platz finden sollen.

Vorzüglich ist nun aber die Auswahl aus den Werken
Kierkegaards. Das Material ist systematisch geordnet in folgenden
Abteilungen: Erlebtes in Stimmung und Dichtung, der ästhetische
Mensch, die Seele, das Denken und zuletzt der Glaube. Um
eine Probe des Inhalts der einzelnen Abteilungen zu geben
enthält die erste Abteilung folgendes: Der Vater, die Geliebte,»
die Schuld und Waldeinsamkeit, und diese vier Themata werden
durch Auszüge aus den „Stadien auf dem Lebenswege" (1845)
erläutert. Man kann natürlich darüber streiten, ob dieses oder
jenes mit aufgenommen werden sollte, und man wird jedenfalls
verschiedenes vermissen, besonders die Tagebücher: „Der Gesichts-
punkt für meine schriftstellerische Wirksamkeit" und „Der Augen-
blick", aber im grossen und ganzen i&t die Auswahl nur zu loben.
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