Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Zuständen kulturloser Tyrannei. Dagegen wird die Vorherr-
schaft der Individuen konsequent zu der Anarchie führen, auf
die letztlich der Liberalismus hinsteuert. Der Weg aber, auf
dem sich der Individualismus in der Gesellschaft durchsetzt, ist
immer der Weg des plutokratischen Kapitalismus, wie der Verf.
gut beobachtet hat. Dieser Weg nun führt immer tiefer hinein
in die Verwirtschaftlichung und Materialisierung unseres
gesamten Lebens.

Gegenüber diesen Abwegen meint der Verf., dass der ge-
sunde Zustand das Gleichgewicht beider Faktoren oder die Ver-
gesellschaftung nur erreicht werden kann, wenn die Gesell-
schaft über das sittliche Patrimonium der Tradition verfügt.
Der Kern hiervon ist aber die Religion. Sie allein hat schliess-
lich die Gewalt, integrierend einzuwirken auf die zentrifugalen
Tendenzen der einzelnen Individuen. Der Verf. meint aber,
dass in der Zeit seit der Reformation diese vergesellschaftende
Kraft der Religion mehr und mehr verloren gegangen sei. Als
Ersatz brauche die Neuzeit den nationalen Patriotismus. Dieser
leistet also der Gesellschaft der Gegenwart, was die Religiosität
im Mittelalter geleistet habe. Indessen verhehlt sich der Verf.
nicht, dass dieser Ersatz kein vollgültiger ist. Er glaubt und
hofft, dasB die Religion wieder belebt wird, und dass dadurch
dann die Stockungen im Aequilibrium von Individuum und Ge-
sellschaft überwunden werden.

Das ist der wesentliche Inhalt des anregenden Buches.
Der Verf. illustriert seine Gedanken durch vielseitige historische
Belege und wirft interessante Streiflichter auf das Leben der
Gegenwart. Er ist ein scharfer Kritiker der internationalen
Hochfinanz wie auch der politischen Prinzipien des Libera-
lismus. Es ist eine feine Beobachtung, wenn der Verf. aus-
führt, dass diese Prinzipien in der Gegenwart schon deshalb
nicht gelten dürfen, weil sie notorisch die Entwickelung in der
Vergangenheit nicht hervorgebracht haben. Nun seien aber
alle diese Grundverhältnisse des sozialen Lebens so sehr von
den natürlichen Bedingungen des Menschen abhängig, dass hin-
siohtlich ihrer an durchgreifende Aenderungen überhaupt nioht
zu denken sei (S. 189). Der Verf. ist, wie dies Beispiel zeigt,
nicht unwesentlich beeinflnsst von der modernen biologischen
Betrachtungsweise. Aber er hat sich dadurch nie zu einer Ver-
gewaltigung der historischen und soziologischen Verhältnisse ver-
leiten lassen. Ich kann daher in der Hauptsache seinen sozio-
logischen Ideen ganz beitreten, ja die sozialethisohen Grund-
linien, die ich in meinem „System der Ethik" dargelegt habe,
berühren sich zu meiner Freude sachlich vielfach mit der Theorie
von Chatterton-Hill. Auf Einzelheiten einzugehen, ist hier nioht
der Ort. Nur das möchte ich bemerken, dass der Verf. zwar
in stärkster Schärfe die soziologische Bedeutung der Religion
betont, dass aber nicht recht deutlich wird, wie er sioh diesen
Einfluss denkt. Doch hat er sich vielleicht hierüber ausgelassen
in seiner Schrift „The social value of the Christianity", London
1912, die mir aber noch nicht zn Gesicht gekommen ist.
Jedenfalls aber kann ich auch den theologischeu Fachgenossen
das mir vorliegende Buch warm empfehlen als eine der klarsten
und lehrreichsten Erörterungen über ein wichtiges sozial-
ethisches Problem, die wir besitzen.

R. Seeberg-Berlin-Halensee.

Die Religion. Frankfurter Vorträge. 7. Reihe. 1. Foerster,
D., Ist Gott eine Wirklichkeit? 2. Bornemann, D., Wie
kommt es zu persönlicher Frömmigkeit? 3. Lueken,

Lic, Ist Religion etwas Krankhaftes? 4. Veit, Pfr., Hat
Beten Sinn? Frankfurt a. M. 1914, Diesterweg (92 S. 8).
1. 60.

Die Vorträge sind mit Absicht in der Verteidigerstellung
gehalten. In ihnen handelt es sich um „die Behauptung des
guten Rechtes evangelischer Frömmigkeit inmitten der geistigen
Bewegung der Gegenwart". Und es ist zu begrüssen, dass
gerade in Frankfurt die Fragen nicht verstummen, auf die hier
die Antwort gegeben wird. Allen Vorträgen ist das Zeugnis
zu geben, dass sie mit grossem Ernst an ihre Frage gehen und
zum Nachdenken stark anregen. Foerster spricht vom Rätsel
der Verborgenheit Gottes, stellt das Problem an der Hand
L. Feuerbachs und führt bis zur Gottesahnung, nicht ohne Er-
wähnung des Gewissens. Der GlaubenBbegriff spielt auf dem
Wege zur „Gewissheit" kaum eine Rolle. Bornemann geht,
nicht ganz ohne Karikatur der Gegner, die möglichen Wege
zur Frömmigkeit durch und kommt zunächst zu dem allgemein
zugestandenen Satz: „Gesunde, persönliche Frömmigkeit läset
sioh weder berechnen, noch machen, noch irgendwie künstlich
hervorrufen." Sein Weg ist der der Gemeinschaft und der
persönlichen Beteiligung und Betätigung. Lueken geht von
tatsächlich krankhafter Frömmigkeit aus und weist dann die
Religion als Grundlage höheren geistigen Lebens nach. Veit
kommt durch vier Erzählungen zu einer scharf zugespitzten
Frage und enttäuscht dann durch seine Antwort „Gott hat
auf alle unmittelbaren Einwirkungen aufs äussere Geschehen
verzichtet, und zwar in dem Moment, als er Menschen sohuf."
„Das Gebet Jesu in Gethsemane war ein im gewöhnlichen
Wortsinn nicht-erhörtes Gebet. Die Ereignisse gingen ihren
Gang weiter, unbekümmert um den einsamen Beter da draussen."

Zänker-Soest.

Stokes, Ella Harrison, The coneeption of a kingdom of
ends in Augustine, Aquinas and Leibniz. A disser-
tation submitted to the faculty of the gradaate school of
arts and literature in candidaey for the degree of doctor
of philosophy. Chicago, The university of Chicago Press
(IV, 129 S. gr. 8).
Die vorliegende Dissertation behandelt in sehr geschickter
Form ein ausserordentlich interessantes Thema. In knappen,
klaren Sätzen, mit guten Rekapitulationen am Ende jeden Ab-
schnittes entwickelt die Verf. die Anschauungen Augustins,
Thomas von Aquinos und Leibniz' vom Ziel der Menschheits-
geschichte, um dann schliesslich durch einen Vergleich mit Kant
das Verhältnis dieser alten Anschauungen zu unserer modernen
Auffassung festzustellen.

Der umfassende Gegenstand, den Bich die Verf. gewählt hat,
bringt es mit sich, dass jeder einzelne Abschnitt nicht durchweg
auf genaueren Quellenstudien beruhen kann, sondern zum Teil
mit übernommenen Urteilen arbeiten muss. Insbesondere die
Schlusskritiken machen infolgedessen zum Teil einen recht will-
kürlichen Eindruck. Von einem festen, modernen optimistisch-
weltfrohen Standpunkt aus wird über die oft demgegenüber
ganz disparaten Anschauungen der Vergangenheit kurz und
meist überscharf abgeurteilt. Ob wirklich der Eindruck, den
die Verf. vom Gang der Entwickelung geben will, der Wirk-
lichkeit entspricht? Sie will zeigen — das liegt auf der
Hand —, dass sich allmählich die Anschauungen der führenden
Geister vom Ziel der Menschheit immer mehr nach der Riehtung
der Immanenz hin entwickelt hätten, Bio will für die Notwendig-
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