Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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immer vertreten habe, werden in glücklicher Polemik u. a.
gegen Wilpert, in dessen grossem, in mancher Hinsicht über-
schätztem Werke über die Malereien der römischen Katakomben
die Heiligenverehrung eine wichtige Rolle spielt, überzeugend er-
wiesen. Im 4. Jahrhundert entwickelt sich der Märtyrerkult in
raschem Gange; der Verf. zeigt diese Entwickelnng und ihren
Inhalt an den Grabstätten und ihren Denkmälern, besonders
den Inschriften, auch hier in begründeter Abwehr von Auf-
stellungen Wilperts. Ich hebe vor allem die Ausführungen
über die Epitheta dominus, sanctus, beatus, martyr hervor. So
wird uns ein abgerundetes Ganze geboten, das eine wirkliche
Förderung in unserer Kenntnis und Beurteilung des Heiligen-
kultus bedeutet. Der katholische Standpunkt des Verf.s ver-
leugnet sich nicht gänzlich, doch bleibt dies für die Haupt-
sachen ebenso gleichgültig wie einige kleine Ungenauigkeiten
und Druckfehler (z. B. S. 2 Cypen für Cippen bes. Cippi). Für
die angebliche Echtheit der Grabschrift des Hyacinthus genügt
mir die Verteidigung S. 65 f. doch nicht. Mit der „Himmels-
leiter" Wilperts ist auch in der Einschränkung, die der Verf.
S. 203 ff. vorschlägt, nichts anzufangen.

Victor Schnitze.

Matthiae de Janov (dicti Magister Parisiensis), Hegulae
Veteris et Novi Testamenti. Primum in lucem edidit
Vlastimil Kybal. Volumen IV. Tractatus de abominatione
desolationis in Ioco sancto. Oeniponte. 1913. Sumptibns
librariae universitatis Wagnerianae (XXXII, 499 S. gr. 8).
17 Mk.

Wir erhalten hier in einer modernen Neuherausgabe einen
Teil der berühmten „Regulae Veteris et Novi Testamenti" des
Domherrn von Prag, Matthias von Janov (f 1394), der zu den
Vorläufern des Joh. Huss gezählt wird. Seine vorliegende
Schrift zeigt ihn besonders als einen Reformator, der um die
Erneuerung der Kirche durch eine sittliche Neugebart eifert.
Es ist auch darum eine der bekanntesten Schriften Janovs, weil
sie lange als ein Werk Hussens galt und so auch in der Nürn-
berger Ausgabe seiner Werke im Druck erschienen ist (1558).
Sie ist zugleich eine wichtige Schilderung der Verhältnisse ihrer
Zeit (um 1392, wo das Buch nach unserem Herausgeber ent-
standen ist).

Unsere Schrift ist der letzte tractatus des 3. Buches der
„Regulae". Sein Titel ist: über die Greuel der Verwüstung
an heiliger Stätte. Während die vorhergehenden Bände die
früheren Teile der „Regulae" gebracht haben, verspricht der
Herausgeber in einem V. und VI. Band noch das V. und VI. Buch
derselben herauszugeben.

Da die Nürnberger Ausgabe nicht ohne Mängel ist, ja auch
Verderbnisse des Textes enthält, so ist es eine dankbare Auf-
gabe gewesen, der sich Kybal durch die Neuherausgabe des
tractatus de abominatione usw. nach einem Kodex des böhmischen
königlichen Museums (cod. A) unterzogen hat. Nicht nur die
böhmischen Geschichtsforscher, sondern auch die Kirchen-
historiker sind ihm zu Dank verpflichtet.

Georg Daxer-Pressbnrg.

Schwabe, Ernst, Das Gelehrtenschulwesen Kursachsens
von seinen Anfängen bis zur Schulordnung von 1580.
(Ans Sachsens Vergangenheit. Heft 2.) Leipzig 1914,
B. G. Teubner (VI, 160 S. gr. 8). 3. 20.

Eine „kurze Uebersioht über die Hauptzüge der Entwicklung"
nennt der Verf. bescheiden dieses treffliche Werk, das in scharfen
Umrissen ein deutliches Bild der Entwickelung der Gelehrten-
schule in Kursachsen bis 1500 gibt. Die Darstellung, die auf
vorzüglicher Kenntnis der oft an recht verborgenen Stellen zu
findenden Literatur beruht, ist so spannend, dass der Leser es
vergisst, ein streng wissenschaftliches Werk vor sich zu haben —
das Muster einer Darstellung „dem Volk geboten". Ein sorg-
fältiges Register erhöht wesentlich die Brauchbarkeit.

Nur einige Bemerkungen seien gestattet. Zu der S. 5 er-
wähnten Meissner Domschule ist noch zu verweisen auf „Mit-
teilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meissen" Bd. 6,
185. 196; zu Christoph Baldauf (S. 63. 79) auf die ausge-
zeichnete Darstellung der „Wiederaufriohtung der Zwickauer
Schule nach dem Schmalkaldischen Kriege" (Mitteilungen des
Altertumsvereins für Zwickau u. Umgegend, Heft 2, 1 ff.) aus
der Feder des Kenners des Zwickauer Schulwesens, Ernst Fabian.
Vermisst habe ich die Erwähnung einer ganz eigenartigen,
höchst interessanten Einrichtung, der Fraternitas scholarinm in
Zwickau, über die Fabian ausführlich in den „Mitteilungen des
Altertumsvereins für Zwickau u. Umg." Heft 3, 50 ff. gehandelt
hat. „Um das Interesse für die Schnla immer mehr zu steigern
und ihre Blüte noch mehr zu fördern, kam man, in der Er
kenntnis, wie erspriesslich für das Kirchenwesen die Kaland-
brudereohaft wirkte, wie durch sie namentlich auch der Wohl-
tätigkeitssinn in weiten Kreisen geweckt wurde, auf die an
und für sich ganz zeitgemässe Idee, zur Besserstellung der
Lehrer sowie zur Unterstützung armer und nicht einheimischer
Schüler ebenfalls ganz nach Art der Kalandbrnderschaft einen
aus Männern und Frauen aller Stände bestehenden Verein zu
bilden, die sog. Schulbruderschaft." Fabian teilt a. a. 0. die
Satzungen, die Stifter, die Wohltäter, die Schüler (domestici
und extranci) mit. Die betreffende Handschi ift hat vielseitiges
Interesse. Zum Schluss sei es dem Rezensenten als einem, der
fast 30 Jahre an der Weimarer Lutherausgabe mitgearbeitet
hat, die Bitte gestattet, es bei diesem Namen belassen zu wollen.

G. Buchwald-Leipzig.

Chatterton-Hill, Dr. Georges (Privatdozent der Soziologie
an der Universität Genf), Individuum und Staat. Unter-
suchungen über die Grundlage der Kultur. Tübingen 1913,
Mohr (Siebeok) (XVII, 207 S. gr. 8). 5 Mk.
Das Buch von Chatterton-Hill bietet eine überaus interes-
sante Studie über die Grundlage der Gesellschaft und der Kultur,
die auch für die Sozialethik von Bedeutung ist. Die Haupt-
gedanken des Verf.s sind folgende: Die Gesellschaft und das
Individuum stehen immer in einem Verhältnis der Spannung
zueinander. Jene wirkt integrierend und für das Bewusstsein
des Individuums irrational, dieses dagegen wirkt differenzierend
und rational. Keiner der beiden Faktoren darf aber den
anderen vergewaltigen, ohne dass der Bestand der Kultur in
Frage gestellt würde. Vielmehr soll jeder Faktor als Limi-
tierangsprinzip des anderen in Betracht kommen, oder das
Ideal besteht in einem Aequilibrium beider. Prävaliert dagegen
einer der beiden Faktoren, so treten sofort „Zweokmässigkeits-
variationen" an beiden ein, d, h. Degenerationserscheinungen
machen sich bemerkbar. So wird bei einer einseitigen Vor-
herrschaft der Gesellschaft das Individuum unterdrückt und
aller Fortschritt lahmgelegt. Ein konsequent durchgeführter
Sozialismus würde also zurückführen zu den prähistorischen
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