Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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beiden Pläne von dem Golgatha des Kaisers Konstantin aus-
dehnen. Nach Dalmans Forschung gehören die Felsbrooken,
die man in der Grabeskirche durch enge Oeffnungen wahr-
nimmt, „aller Voraussicht nach dem Golgatha an, das irgendwo
in dieser Gegend das Kreuz des Welterlösers trug und sein
Grab in sich barg". Viel Loben und Farbe bringt P. Sprenger
in die Säe- und Erntegleichnisse Jesu (Matth. 13; Mark. 4),
indem er sie von den Ackerbauverhältuissen Palästinas aus dar-
stellt. Die Altertümersammlung des Instituts, deren Entwickelung
leider nur zu Bchwer durch die unzureichenden Raumverhältnisse
gehemmt wird, beschreibt Dr. Thomson und gibt damit ein
Muster, das an den theologischen Fakultäten unserer Hoch-
schulen im Dienst der Bibelkunde mehr Nachahmung finden
sollte, als es geschieht. Die sehwindende Erzählkunst der
arabischen Bauern veranschaulicht und klassifiziert Lic. Schmidt
durch einzelne Proben, die einem dreiwöchigen Aufenthalt
unter den Fellachen entstammen. III. „Von unseren Reisen"
plaudert zum Schluss Pastor Gustavs lehrreich und unterhaltend,
indem er durch die Schilderung genossener Gastfreundschaft
bei Beduinen in dem Leser uralte Patriarchenerinnerungen und
in dem Ref. eigene Erlebnisse aus dem Ostjordanlande lebendig
werden läset Der 3. bis 8. Jahrgang werden von dem Stiftunga-
vorstand jetzt zu dem Gesamtpreise von 17 Mk. (statt 23.10)
angeboten, und weder wissenschaftliche noch Gymnaaialbiblio-
theken sollten sich diese Stoffsammlung zu einem völligeren
Verständnis der biblischen Geschichte entgehen lassen, die in
anziehendster Form die Früchte ernster wissenschaftlicher
Forschung darbietet. Eberhard-Greiz.

Clemerj, Dr. theol. et phil. Carl (a. o. Professor der Religions-
geschichte in Bonn), Der Einfluss der Mysterien-
religionen auf das älteste Christentum. (Religions-
geschichtl. Versuche u. Vorarbeiten, hrsg. von R. Wünsch
u. L. Deubner. XIII. Band, 1. Heft.) Giessen 1913, A.
Töpeimann (IV, 88 S. gr. 8). 3. 40.
Dor Verfasser der „Religionsgeschichtlichen Erklärung des
Neuen Testaments" (1909) erörtert hier, sein früheres Werk
ergänzend, eine besonders aktuelle Frage aus dem Problem-
bereicii Urchristentum und ReligionBgeschichte, die Frage nach
den Einwirkungen der Religion der Mysterien auf das Christen-
tum des Neuen Testaments. Er gibt zuerst in der Einleitung
(g. 1—14) eine kurze, aber gründliche Uebersicht über die ein-
zelner' Mysterienreligionen, ihre Entstehungszeit, Verbreitung usw.
Die vorsichtigen Urteile über die Existenz und Verbreitung der
verschiedenen Mysterien im ersten nachchristlichen Jahrhundert
verraten sofort den gewiegten Kenner der Schwierigkeiten, die
dem Historiker die Beschaffenheit der vielfach jüngeren oder
schwer datierbaren Quellen bereitet. Das erste Kapitel „Die
Entstehung und Entwickelung des ältesten Christentums"
(8 15_22) führt zu dem Ergebnis, dass hier keinerlei Ein-
fluss der Mysterienreligionen sich nachweisen lässt, insbesondere
dass Taufe und Abendmahl ohne die Einwirkung der Mysterien
entstanden sind. In dem ausführlichsten zweiten Kapitel
(S. 23—öl) wird die aufgeworfene Frage für „die paulinische
Theologie und die Religion der paulinisohen Gemeinden" be-
antwortet. Berührung des Paulus in einzelnen Ausdrücken wie
«;(uxt3u.o;, appr(xa p^pata, a oix s£öv dvÖpcünu) XaXrjoai
(2 Kor. 12, 4), ypisiv, oeppcq£; (a<ppaYÜ.eiv) u. a. mit der
Mysteriensprache gesteht Clemen zu, bestreitet aber entschieden,
dass die damit verbundenen Vorstellungen, überhaupt die An-

schauungen der Mysterienreligionen irgend einen nennenswerten
Einfluss auf die paulinische Theologie gewonnen haben. Auch
die Ausführungen des Paulus über Taufe und Abendmahl sind
frei von jedem bestimmenden Einfluss von dieser Seite. In
der korinthischen Gemeinde mögen vielleicht die Sitte, sich für
Tote taufen zu lassen, und die Ausartung der Abendmahlsfeier
in Schwelgerei rub mysteriösen Vorstellungen erwachsen sein.
Aber positiv zu erweisen ist auch das nicht, und dass Paulus
diese Vorstellungen nicht geteilt hat, ist sieher. Auch für „die
nachpaulinische Entwickelung" (Kap. 3, S. 62—80), soweit sie
durch die übrigen neutestamentlichen Schriften belegt wird,
zeigt Clemen die Abwesenheit jeder durchschlagenden Ein-
wirkung der Mysterien. So kann er im „Schluss" (S. 81—83)
resümieren: die Mysterienreligionen haben auf das älteste
Christentum nur geringen Einfluss ausgeübt; ein tief ergehender
Einfluss beginnt erst im Gnostizismus, und auch dann verging
noch geraume Zeit, bis das Christentum selbst zur Mysterien-
religion wurde, vornehmlich in der griechisch-katholischen Kirche.

Clemens überzeugende, mit gewohnter Sachkenntnis und
Zuverlässigkeit geführten Nachweise werden hoffentlich dazu
mithelfen, Oel auf die Wogen der heute weithin beliebten toll-
kühnen religionsgeschichtlichen Betrachtung des ältesten Christen-
tums zu giessen und wieder wirkliche historische Methode auf
dem Gebiete der urchristlichen Milieuforschung zur Herrschaft
zu bringen. Auch wer, wie ich, mit dem Verf. in Einzelheiten
nicht immer einverstanden ist (z. B. in der Beurteilung der
paulinischen Tauf- und Abendmahlsgedanken, hinter denen
meines Erachtens doch eine sakramentale Auffassung steht, nur
nicht eine magisch-sakramentale), wird mit Freuden anerkennen,
dass Clemen sich die neutestamentliche Wissenschaft zu grossem
Danke verpflichtet hat durch die ebenso tüchtige wie klare
Herausarbeitung der Erkenntnis, dass das Urchristentum den
Mysterienreligionen gegenüber absolut selbständig dasteht.

J. B eh m-Breslau.

Dörfler, Dr. Peter, Die Anfänge der Heiligenverehrung
nach den römischen Inschriften und Bildwerken.
Mit 5 Abbildungen. (Veröffentlichungen aus dem k.rchen-
historischen Seminar München. IV. Reihe, Nr. 2.) München
1913, J. J. Lentner (VI, 210 S. gr. 8). 4. 80.
Diese fleissigea und wohlbedachten Untersuchungen bilden
eine willkommene Ergänzung zu E. Lucius, Die Anfänge des
Heiligonkultus (Tübingen 1904) und H. Delehaye, Les origines
du culte des martyrs (Brüssel 1912) nach der archäologischen
Seite hin. Der Verf. ist unbefangen genug, die antiken
Parallelen zu verwerten, und archäologisch geschult genug,
selbständige Entscheidungen zu treffen. Die Einleitung geht
von dem Totenkult im Altertum aus, betont aber, dass die
Wechselbeziehungen zwischen Toten und Lebenden in der
christlichen Vorstellung auf dem Gemeinschaftsgefühl — „Ge-
meinschaft der Heiligen" — beruhen. Das ist richtig, aber die
antiken Nachwirkungen sind doch stärker, als hier angenommen
wird. Die S. 15 ff. angeführten Inschriften gehören übrigens
fast sämtlich der konstantinischen oder nachkonstantinisohen
Zeit an. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Märtyrer-
gräbern mit dem unanfechtbaren Ergebnis, dass in den ersten
Jahrhunderten bei Anlage derselben „niemals auf irgendwelchen
Kult Rücksicht genommen wurde". Die Oranten waren nichts
anderes als anbetende Verstorbene. Es gibt keine Märtyrer-
inschrift aus vorkonstantinischer Zeit. Diese Sätze, die ich
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