Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Jahre 1850 berechnete man die Zahl der Wildhüter in Eng-
land auf 9000 Männer, im Jahre 1910 auf 23000. — Der
Wochenlohn des Landarbeiters beläuft sich in England an
vielen Orten auf 13 bis 15 Mark, während bei niedrigstem
Anschlage er 22 Mark zum Auskommen bedarf. — Im Jahre
1876 zählte man auf 1000 Einwohner in England 35 Ge-
burten, im Jahre 1911 nur 24. —

Diese wenigen Notizen, die übrigens nicht dem vor-
liegenden Buche, sondern anderen Quellen entnommen sind,
mögen etwas davon veranschaulichen, dass auch in England
sehr ernste soziale Probleme in Verbindung mit dem tatsächlich
vorhandenen Privateigentum sich geltend machen und zu einer
Revision der Stellnng nötigen, die man als Historiker, als Philo-
soph, als Christ zum Privateigentum einnimmt. —

Diese einzelnen, durchweg auf gründlichen Studien beruhenden
nnd im Stil klar und gut geschriebenen Essays behandeln
1. Geschichtliche Entwickelnng der Tatsache des Eigentums
und der Idee vom Eigentum (L. T. Hobhouse); 2. Philo-
sophische Theorie vom Eigentum (Hastings Rashdall); 3. Prinzip
des Privateigentums (A. D. Lindsay); 4. Biblische und alt-
christliche Idee vom Eigentum (Vernon Bartlet); 5. Die Theorie
vom Eigentum in der mittelalterlichen Theologie (I. Carlyle);
6. Der Einfluss der Reformation auf die Vorstellung von Reich-
tum und Eigentum (H. G. Wood); 7. Das Verhältnis zwischen
Persönlichkeit und Eigentum (Scott Holland). —

Bei der bekannten grossen Schwierigkeit, den Begriff des
Eigentums einwandfrei zu bestimmen und sittliche Normen für
die Verwaltung desselben festzulegen, wird man sich nicht
wundern, dass diese in ihrer Weise vorzüglichen Darstellungen
öfters sich scheuen, das letzte Wort über dies Problem aus-
zusprechen. Jedenfalls gebührt den Verfassern aufrichtiger
Dank für ihre vielfach von neuen und aktuellen Gesichts-
punkten aus durchgeführte Arbeit, die auch in Deutschland in
weiten Kreisen gebührenden Widerhall finden wird. Einen
besonderen Dank schulden wir dem Herausgeber für seine
Einleitung, die dem Leser sofort die grosse, ernste Bedeutung
des Themas ebeuBO übersichtlich wie in lebendiger, packender
Sprache vor Augen stellt. Fr. Hashagen-Rostock.

Franz, Adolph, Das Rituale des Bischofs Heinrich I. von
Breslau. Mit Erläuterungen herausgegeben und 7 Tafeln
in Farbendruck. Freiburg i. Br. 1912, Herder (VIII, 91 S.
Lex.-8). 8 Mk.
Mit dem Namen Rituale werden kirchliche Büoher be-
zeichnet, welche die Art und Weise angeben, wie die kirch-
lichen Handlungen, im besonderen Sinne des Wortes, vollzogen
werden sollen. Sie sind das katholische Seitenstück zn dem
zweiten Teil unserer Agenden, weloher betitelt ist: Die kirch-
lichen Handlungen, od. ähnl. In der heutigen römischen Kirche
liegt das Rituale Romanum, herausgegeben von Paul IV. 1614,
vermehrt durch Benedikt XIV. 1752, den anderen in den katho-
lischen Kirchen gebrauchten Ritualbflohem zugrunde. Während
des Mittelalters waren in den verschiedenen Kirohengebieten
ebenfalls solche Ritualbücher im Gebrauch. Man hat neuer-
dings einige derselben wieder herausgegeben. Zu diesen gehört
das obengenannte Ritualbueh Heinrichs L von Breslau, 1302
bis 1319; soviel dem Unterzeichneten bekannt ist, gehört dieses
Rituale im Vergleich mit ähnlichen neu herausgegebenen Büchern
einer verhältnismässig frühen Zeit an. Die Heransgabe macht
den Eindruck, dass sie von dem Herausgeber, Adolph Franz, I

auf das sorgfältigste ausgeführt worden ist. Fünf Tafeldrucke,
auf denen einige sehr schöne Initialen hervortreten, geben eine
Anschauung von der ursprünglichen künstlerischen Gestalt des
Buches. Der Text hat natürlich zunächst Wert für den ge-
lehrten römischen Liturgiker. Dann aber auch für den pro-
testantischen Kirchenhistoriker; denn er findet darin die Be-
schreibung eines StüokeB kirchlichen Lebens, wie es in der
damaligen Zeit in einer Diözese wirklich war oder hätte sein
sollen. Aber das Buch ist interessant für jeden, der Bich um
kirchliches Volksleben vergangener Zeiten interessiert. Darum
anoh für den Kulturhistoriker und jeden theologischen und
wissenschaftlichen Laien, wenn er Sinn für Volksleben hat.
Ein solcher liest heute noch mit Teilnahme die Gebete bei der
Ritterweihe, die Segnung der Pilgertasche und des Pilgerstabes,
der Aepfelbäume mit dem Hinweise auf den verhängnisvollen
Apfelgenuss der Voreltern. Insonderheit sei noch auf die ge-
lehrten Erläuterungen hingewiesen, welche der Herausgeber zu
dem Texte in dankenswerter Weise hinzugefügt hat. Wer Sinn
hat für Kirchenkunde, religiöse Volkskunde, wird sie mit grossem
Gewinn zu seiner eigenen Belehrung lesen.

D. Walter Caspari-Erlangen.

Endriss, Julius (Stadtpfarrer in Ulm), Zwanzig Reden.
Mit Geleitswort von Prof. D. von Häring. Stuttgart 1913,
Verlag d. Evangel. Gesellschaft (155 S. gr. 8). 1.50.
Auch in der Predigt verleugnen sich die Stammeseigen-
tümlichkeiten nicht. So kann man heute noch von einer
württembergischen Predigtweise reden, die z. B. durch Th. Traub
und Häring charakterisiert wird. Dahin gehört auch dies
Bändchen. Die sorgfältige Sohriftbenutzung, die freilich weniger
den Text im ganzen ausschöpft, als ihm, ungezwungen und
feinsinnig, einzelne Züge entnimmt und diese ohne Kunst an-
einanderreiht, die schlichte, doch warme, volkstümliche Sprache,
die aller Phraseologie und auch der Sprache Kanaans abhold
ist, die gedankenreiche, gedrungene Art, die von breiter Aus-
malung und Schilderung völlig absieht und oft wohl in ge-
drängter Fülle für die Zwecke der Predigt zu weit geht, die
nüchterne, bisweilen fast hausbackene, dooh stets ernste und
seelsorgerliche Betrachtung der Alltagsdinge, die kunstlose Art
des Disponierens, die gelegentlich auch vor vielen Teilen nicht
zurückschreckt, sind Eigenschaften, die die vorliegenden Pre-
digten mit dem Genus teilen, zu dem sie gehören. Sie stellen
einen durchaus wertvollen, echten und gesunden Typus dar,
dessen kräftiges Blühen angesichts mancher Gefahren der
modernen Predigt nur zu wünsohen ist. Der Verf. hat inhalt-
lich seine Sammlung unter ein Motto gebracht, das auch auf
dem Titel steht: „Entweder das Christentum als Sitte oder als
ziellose Aufgeregtheit", und er sagt selbst zur Verständigung
darüber: „Wir haben bisher das Christentum als Sitte gehabt,
das gilt jetzt als zu wenig. Dafür sollen wir es nun als ziel-
lose Aufgeregtheit bekommen. Das ist dann gleich gar nichts.
Bisher haben wir die Volkskirohe gehabt und geschätzt, wir
haben die reformatorische Art unserer Frömmigkeit, überhaupt
den Zusammenhang mit der Geschichte hochgehalten, wir haben
an die stille Kraft des Wortes und an den Geist im Wort ge-
glaubt: das alles ist heute in Frage gestellt damit, dass das
Christentum als Sitte, d. h. aber als Macht des wirklichen
Lebens in Frage gesteht ist." Man sollte danach erwarten,
dass hier besonders gegen die Praxis gewisser Gemeinschafts-
kreise angegangen und die kirchliche Haltung Btark betont
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