Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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den Dienst der christlichen Wahrheit stellt. Hier nun greift
er den innersten und letzten Gedanken des Menschenherzens,
der zugleich der Herzpunkt des Evangeliums ist, auf, um nach-
zuweisen, wie das, wonach jenes in bewusstem und unbewusstem
Verlangen sich streckt, im Christentum, aber nur im Christen-
tum zur Tat und Wahrheit geworden ist, während alles Eonst
versagt. Das Schriftchen trägt den Charakter eines Zeugnisses,
eines persönlichen Bekenntnisses, darf aber gerade darum auf
die ihm gebührende Beachtung rechnen, darf es um so mehr,
wenn, wie der Verf. mit Recht bemerkt, gerade durch die
Gegenwart mit ihrer hochgespannten Kultur ein tiefes und
starkes Sehnen nach Erlösung geht. J.Winter-Dresden.

Hegenwald, Dr. H., Gegenwartsphilosophie und christ-
liche Religion. Eine kurze Erörterung der philosophischen
und religionsphilosophischen Hauptprobleme der Gegen-
wart, besonders im Anschluss an Vaihinger, Rehmke,
Eucken. (Wissen und Forschen II.) Leipzig 1913,
Felix Meiner (IX, 196 S. gr. 8). 3. 60.
Das Buch erschien als 2. Band der Sammlung „Wissen
und Forschen", in der der u. a. durch Neuausgabe der Werke
Fichtes verdiente Verlag in zwangloser Folge Schriften zur
Einführung in die Philosophie darbieten will. In einer philo-
sophischen Grundlegung erörtert der Verf. den Gegensatz des
Psychologiziemus, bei dem das Gegebene von der Seele her
bestimmt wird, und des Logizismus, bei dem es durch anderes
Gegebenes bestimmt wird. Während die Wissenschaft der
letzteren Betrachtungsweise folgt, ergibt die erstere die ob-
jektive und bleibende Begründung der Religion im mensch-
lichen Bereich. Um nun die derzeitige Lage der Religion
bzw. des Christentums zu erläutern, wird die Gegenwarts-
philosophie an drei charakteristischen Vertretern vorgeführt:
Vaihinger (Philosophie des Als-ob), Rehmke (Philosophie als
Grundwissenschaft), Eucken (Philosophie des Geisteslebens).
Lässt man Rehmke als den Vertreter des reinen Logizismus
ausser acht, so glaubt der Verf. von Vaihinger aus auf eine
(fiktive) Weltindividualität und von Eucken aus auf eine (reale)
Weltpereonalität schlieBsen zu dürfen. Dies der Anknüpfungs-
punkt der Religion im Bewusstsein des modernen Menschen.
Damit eine Synthese desselben mit dem Christentum erreicht
werde, muss es einerseits zur Ausbildung einer die Geister ver-
bindenden Metaphysik kommen, andererseits zu einer Er-
weiterung des Christentums über die kirchliche Form hinaus.
Vorbild des anzustrebenden Synkretismus ist das Johannes-
evangelium, in dem das konkrete Jesusbild auf die philonische
Philosophie aufgetragen ist. Sollte diese Skizze die Tendenz
des Buches verfehlen oder verkürzen, so muss die auf Diktion
und Gedankengang sich erstreckende Schwierigkeit des Buches
dem Irrtum zur Entschuldigung dienen. Des Verf. eigener
Standpunkt (vergl. S. 45 Anm.), der sich von der Meinung seiner
Gewährsmänner nicht immer deutlich abhebt, scheint mit einer
gelinden Weiterbildung nach rechts ganz der Vaihingers zu sein.
Demgegenüber müssen wir bekennen, dass wir in der Tat zu
denen gehören, die mit einem Gottesgedanken, von dem jeder
weiss, dass dahinter keine objektive Wirklichkeit lebendig ist,
nichts anfangen können (S. 91). Ist die Begründung der Religion
auf Offenbarung schon so abgetan, dass sie neben der Her-
leitung der Religion aus den urgründliohen Wurzeln des naiven
Menschentums, d. h. aus dem fiktiven Denken, nicht einmal
mehr der Erwähnung bedarf? Auoh wie man Rehmke und

Eucken anders als unter dem Zeichen des absoluten Gegensatzes
betrachten könne, ist uns unverständlich. Diese und ähnliche
Bemerkungen sollen jedoch das Urteil nicht hindern, dass sich
in dem Buch ein reiches Wissen und ein ernstes Forschen aus-
spricht, ein Forschen, das freilich an der Arbeit der theologischen
Systematik fast ganz vorübergegangen ist, nicht zu seinem
Vorteil. Lic. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

Wüohner, Dr. Joh. Georg, Frohschammers Stellung zum
Theismus. Ein Beitrag zur Religionsphilosophie im
19. Jahrhundert. (Studien zur Philos. u. Religion, herausgeg.
v.Dr.RemigiusStölzle. 14.Heft.) Paderborn 1913, Ferdinand
Schöningh (XII, 219 S. gr. 8). 5 Mk.
Jacob Frohschammer (1821 — 1893) ist mit den meisten
Verfechtern einer „christlichen Philosophie" im 19. Jahrhundert
der Gefahr unterlegen, seine Aufgabe in der Vermittelung zu
suchen („objektiv-subjektiv", „idealistisch-realistisch") und da-
durch das Gegenteil des Erstrebten zu erreichen: nicht all-
seitige Zustimmung, sondern allseitige Isolierung. Seine Schriften
kamen auf den Index, und er konnte sich nicht zur Iaudabilis
subjectio entschliessen. Er opponierte gegen das Unfehlbarkeits-
dogma, blieb aber dem Altkatholizismus fern (wie Wüchner
gegen E. v. Hartmann richtigstellt). Wüchner untersucht mit
offenbar warmer Sympathie für die Person, aber kirchlich
orientierter Kritik an der Lehre Frohschammers Stellung zum
Gottesproblem. Er unterscheidet drei Etappen. In der ersten
Epoche ist Frohschammer entschiedener Theist. In der zweiten
kommt er dem Entwickelungsgedanken näher. In der dritten
führt er mit der Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses
ein antitheistisches Motiv in die Philosophie ein (ähnlich wie
Weisse und J. H. Fichte). Bleibend wertvoll erscheint uns
Frohschammers Kritik der naturalistisch-rationalen (scholastischen)
und apriorisch-idealistischen Metaphysik, denen er eine historisch-
psychologische entgegenstellt. Vielleicht hätte die Untersuchung
noch etwas mehr den Zusammenhängen mit der übrigen Philo-
sophie nachgehen können, deren Wirksamkeit gerade in diesem
Punkt wahrscheinlich ist (z. B. Hegel). Aber in Frohsohammers
Lebensarbeit selbst vermittelt Wüohners Analyse eine vortreff-
liche Einführung, die an Klarheit und Beherrschung des grossen
und zerstreuten Materials kaum zu überbieten ist.

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Gore, Charles (Bishop of Oxford), Property, its duties and
rights, historically, philosophicaily and religiously re-
garded; Essays by various writers. London 1913, Mao-
millan & Co. (XX, 198 S. 8). Geb. 5 Mk.
In England und Wales wurden im Jahre 1911 rund
800000 Arme gezählt, so dass auf je 45 Seelen ein Armer
kommt. Die Fürsorge für die Armen erfordert jährlich die
Hälfte der für die Armee ausgegebenen Summe. — Von der
gesamten Grundfläche in England, Wales, Schottland und Ir-
land, rund 78 Millionen englische „Acker", besitzen 11000
Eigentümer über 52 Millionen Acker in Gütern, die je 1000
und mehr Acker umfassen. Etwa der fünfte Teil der gesamten
Grundfläche, 15 Millionen Acker gehören 525 Personen zu
eigen. — Während im Deutschen Reiche 10 Millionen, in
Frankreich 9 Millionen Landarbeiter gezählt werden, hat Eng-
j land nur anderthalb Millionen. — 80 Prozent der Einwohner
I Englands leben in Städten, in Belgien nur 44 Prozent. — Im
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