Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Umgebung um so gewaltiger hervorträten?" Diesen beiläufigen
Fragesatz möchte ich unterstreichen. Beeinflusste der Altar den
Grundriss (S. 172), so kann er wohl auch für die Sehmuck-
verteilung massgebend gewesen sein und damit ein besonderes
Raffinement vorliegen, den Schmuck und damit die Aufmerksam-
keit auf den Altar zu konzentrieren. Ueber diesen Punkt dürfen
wir uns nicht hinwegtäuschen, mag uns sonst bei diesen „Volks-
kirchen" die grössere Wertschätzung der Kanzel, das Fehlen
des beherrschenden Chorraumes, die Notwendigkeit, dass man
überall gut sehen und hören könne, auch das Bauen im Zeit-
geschmack und das Fehlen kostspieliger Turmbauten an moderne
Forderungen und Probleme erinnern. Nach des Verf.s eigenem
Urteil (S. V) darf die Arbeit „als ein entschiedener Fortschritt
bezeichnet werden".

Dr. Erich Beck er-Naumburg am Queis.

Mentz, Georg, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Refor-
mation, der Gegenreformation und des dreissigjährigen
Krieges 1493—1648. Ein Handbuch für Studierende.
Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) (VIII, 479 S.
gr. 8). 7 Mk.

Nachdem die Zeit von 1493 bis 1648 nacheinander die Theo-
logen Kawerau und Hermelink, K. Müller wenigstens bis 1560
dargestellt haben, ist es gut, dass nun auch ein Historiker diese
Zeit behandelt, und dass es der Biograph Johann Friedrichs
von Sachsen getan hat, ist noch besser. Mit Hermelink berührt
Mentz sich in der Bestimmung seines Werkes zum Handbuch
für Studierende und in der reichlichen Literaturangabe. An-
genehm ist der fortlaufende lesbare Text ohne den Ballast
zahlreicher und umfassender Anmerkungen. Besonders an-
sprechend aber sind die kurzen, scharfen Charakteristiken, wie
die Karls V., und die Ueberblicke über die einzelnen Zeiträume,
z. B. über rlie Zeit des dreissigjährigen Krieges oder die Zu-
stände und Vorgänge im Hause Habsburg und den österreichischen
Erblanden. Zum Besten gehört das vierte Kapitel, das den
dreissigjährigen Krieg in sehr lichtvoller und spannender Weise
mit scharfer Unterscheidung der in den beherrschenden Motiven
verschiedenen Phasen beleuchtet. Für den Theologen ist es
lehrreich, das Urteil des Historikers über die im Kreise der
Theologen verhandelten Streitfragen der Reformationszeit zu
vernehmen. Gleich von vornherein weist Mentz gleich Hermelink
Tröltschs Beurteilung Luthers und der Reformation zurück, die
Tröltsoh nur als Umbildung das Katholizismus betrachten und
noch dem Mittelalter zuweisen will. Mentz sieht hier die Refor-
mation und Luther entthront und in ihrer Bedeutung herab-
gedrückt, die Zeit der Aufklärung aber gehoben. Ebenso ab-
weisend ist sein Urteil über Denifle und Grisar als Luther-
biographen. Die Unterscheidung des älteren und jüngeren
Humanismus im Verhältnis zu den religiös-kirchlichen Fragen
durch Janssen lehnt Mentz ab und stellt in Frage, ob mit
Tröltsch und Wernle der Religion der Humanisten eine
höhere Bedeutung zuzuschreiben ist oder ihnen mit Hermelink
nur eklektischer Moralismus neben einer supranaturalistischen
und dualistischen Weltanschauung zukommen mag. Dabei be-
zweifelt er, ob Hermelink der religionsgeschichtlichen Bedeutung
des Erasmus ganz gerecht wird. Dass Mentz in den Waldensern
keine Vorläufer der Reformation sieht, kann nach dem jetzigen
Stand der Forschung nicht mehr überraschen. Die Auffassung
W. Köhlers, der die Gewissensängste Luthers vor dem Eintritt
ins Kloster bestreitet und den plötzlichen Eintritt ins Kloster

auf den Schrecken und die Angst vor einem plötzlichen Tod
zurückführt, findet Mentz hyperkritisch und psychologisch nicht
sehr wahrscheinlich. Die Anfechtungen im Kloster mit Hausrath
pathologisch aufzufassen, geht nach Mentz nicht an, Brauus
Hinweis auf mystische Exerzitien scheint ihm richtiger, wie er
auch Brauns Deutung der Konkupiszenz wahrscheinlich findet.
In der Auffassung des Verhältnisses von Staupitz und Luther
schliesst sich Mentz Kolde an, aber glaubt, die Ruhe und Ab-
geklärtheit des älteren erfahrenen Mannes habe in erster Linie
auf Luther gewirkt. Tetzel findet Mentz nicht schlimmer als
andere Ablassprediger, aber die Auffassung Friedrichs des Weisen
als ersten protestantischen Laien durch Kalkoff etwas über-
trieben. Barges Wertung Karlstadts gegenüber Luther und sein
puritanisches Laienchristentum samt den Schlüssen aus der
Wittenberger Beutelordnung findet keinen Anklang. Er sieht
eine gewisse Voreingenommenheit für Karlstadt und eine da-
durch hervorgerufene unwillkürliche Ungerechtigkeit gegen
Luther besonders in dessen Verdächtigung als Exekutor der
Befehle des Reiohsregiments. In der vielumstrittenen Frage von
der Entstehung der zwölf Artikel der Bauern findet Mentz
Stolzes erneutes Eintreten für Hubmaiers Autorschaft, die auch
Mau unterstütze, gut begründet. Um auch aus dem letzten
Kapitel einige Proben herauszuheben, so sei auf die ruhige Er-
wägung der Frage, ob der dreissigj ährige Krieg ein Religions-
krieg oder nur ein Kampf gegen die habsburgische Welt-
monarchie gewesen sei, hingewiesen, dann auf das Urteil über
Gustav Adolfs Beweggründe und Ziele, über Tillys Unschuld
am Brand von Magdeburg und Adam von Schwarzenberg als
redlichen Vertreter der brandenburgischen Politik.

Als Schwabe möchte Ref. S. 51 die Gerechtigkeit nicht
gerade als Charakterzug des leidenschaftlichen Herzogs Ulrieh
hervorheben. Auffallend ist, dass S. 53 die Bedeutung der
württembergischen Landstände und ihre Kämpfe nicht hervor-
gehoben sind, wohl aber die der hessischen. Ebenso möchte die
Angabe S. 117 zu bezweifeln sein, dass Herzog Ulrich durch
die Einnahme von Reutlingen seine Herrschaft zu sichern
suchte, denn hier handelte es sich um einen unbesonnenen
Wutausbruch bei scheinbar gekränktem Herrseherrecht. Un-
richtig iBt S. 117, das3 durch die Erwerbung Württembergs
erst eine Verbindung zwischen den Erblanden und dem Elsass
geschaffen wurde. Denn sie war schon durch die Herrschaft
Hohenberg, Villingen und den Breiegau hergestellt, aber sie
wurde jetzt verstärkt. S. 195 wird auf S. 127/128 verwiesen
für die Anfänge der Bewegungen, die man jetzt unter dem
Namen Wiedertäufer zusammenfasste. Das ist nur uneigentlioh
richtig, denn dort ist von Karlstadt und den Zwickauern die
Rede, aber die Wiedertaufe im eigentlichen Sinn hat ihren
Ursprung in Zürich. Mit Recht nannten sich ja die echtesten
Zweige des Täufertums Schweizer Brüder. Die Aufstellungen
Hönigers über die schädigenden Folgen des dreissigjährigen
Krieges dürften noch entschiedener abzuweisen sein, als Mentz
es tut. Wenigstens für Süddeutschland, seine Kultur, seinen
Wohlstand, seine Bevölkerungszahl war der Krieg wie ein
Hagelwetter, das die Ernte vernichtet. Man muss einmal
etliche hundert Kirchenbücher durchgegangen haben, um den
ganzen Jammer der Zeit, für Württemberg nach der Nördlinger
Schlacht, ganz mitzuempfinden. So angenehm die Objektivität
und Ruhe der Darstellung berührt, so vermisst man doch ab
und zu bei einigen einschneidenden Ereignissen, die das ganze
Volk bewegten, die Wärme des Gefühls, die auch dem Historiker
wohl ansteht, etwas, so bei Luthers Auftreten in Worms und
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