Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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scheinen lassen, worin er, wie in seinen vorausgegangenen
Schriften, das Problem vom Verhältnis der Mischna (Babli) zur
Tosefta (Jeruschalmi) behandelt und seine These von der Priorität
der letzteren, welches die eigentliche palästinensische Mischna
sei, eingehend gegenüber den neuesten Bestreitungen derselben
verteidigt. Sein diesmaliger Hauptgegner, Rektor Schwarz an
der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, ist im wissen-
schaftlichen Programm* zum Jahresbericht dieser Anstalt 1911/12
der Zuckermandelsohen These mit wuchtigen Argumenten von
ihrer Unhaltbarkeit auf den Leib gerückt, wogegen der An-
gegriffene seinerseits, in einigen Punkten seinem Gegner
recht lassend, im ganzen die Unhaltbarkeit von dessen Beweisen
zu illustrieren und die Wichtigkeit seiner angefochtenen
These zu behaupten und weiter zu begründen bemüht ist.
Beides Kämpfer in schwerer Waffenrüstung. Es kann nicht
die Aufgabe einer kurzen Anzeige sein, näher auf die be-
sprochenen Fragen einzugehen. Wohl aber mögen alle die-
jenigen, denen daran gelegen ist, sich über das Problem zu
orientieren, eingeladen sein, sich mit den beiden Schriften zu
befassen. Weder die Abhandlung von Schwarz, noch die Schrift
Zuckermandels bilden eine leichte Salonlektüre, wie das ja bei
halachischen Untersuchungen nicht anders möglich ist. Man
kann aber nur dankbar sein, wenn ein so wichtiges Problem
so gründlich nach allen Seiten untersucht wird. Jeder, der sich
müht" — sagt Zuckermandel am Schluss seiner Vorrede —
„ohne selbstisches Interesse in die talmudisohe Literatur ein-
zudringen, trägt einen Baustein zum Tempel der Wahrheit bei."

Heinr. Laible-Rothenburg o/Tbr.

Knopf, D. Rud. (Prof. d. Theol. in Wien), Ausgewählte
Märtyrerakten. 2., neu bearb. Aufl. (Sammlung aus-
gewählter kirchen- u. dogmengeschichtl. Quellenschriften,
hrsg. v. Prof. D. G. Krüger. 2. Reihe, 2. Heft.) Tübingen
1913, Mohr (VIII, 114 S. gr. 8). 2. 50.
Die erste Auflage von 1901 enthielt IX und 120 Seiten.
Trotz geringerer Seitenzahl bietet, infolge kleineren Druckes,
die zweite Auflage gleichwohl manches mehr, zwar nicht andere
und mehr Märtyrerakten, wohl aber vermehrte Literaturaugaben,
Schriftzitate und Besserungsvorschläge zum Text. Das Martyrium
der Agape, Eirene, Chione und Genossen, in der ersten Auflage
nur lateinisch vertreten, konnte nach Veröffentlichung des
griechischen Originals in den Studi e Testi 9, 1902, nun
griechisch gebracht werden. Für die Texte aus Euseb ist die
Schwartzsche Rezension zugrunde gelegt worden. Ob die auf-
genommenen Textänderungen immer einleuchten, ist mir zweifel-
haft. Z. B. würde ich S. 11, 20 das avOpöjTrcuv der Handschrift
beibehalten (= zu Menschen gehörig), ebenso S. 12, 1 das
^pdv(j), S. 11, 12 würde ich das xoö? 5otip.ova; nicht einschieben:
das Objekt zu rtapaCrjköJoavTO? bleibt unausgesprochen, es ist
aber das erste Mensohenpaar gemeint. Der Teufel hat eifer-
süchtig gemacht, nämlich die Menschen durch die Lockung:
ihr werdet sein wie Gott (Rauschen, Bibl. d. Kirchenväter,
Frühchristl. Apol. usw. II. Bd., S. 313 f., übersetzt irrig: „der
den Menschen beneidet hat"). S. 12, 2. 3 ohne xat dürfte be-
deuten: „Denn er (der Teufel) besitzt infolge der Erklärung
Gottes das Wissen des Unrechts." — Sollte nicht S. 89, 23
das axaoiaCö'vxiov, das allerdings schon in der Edit. princ. in

* Die Tosifta des Traktates Nesikin, Baba kämmt, geordnet und
kommentiert. Mit einer Einleitung: Das Verhältnis der Tosifta zur
Mischna.

oTaxitoviCovxtov geändert erscheint, doch echt sein? S. 91, 16
würde ich in der Anmerkung hinzufügen: eu.TC7jF,eu>c, verderbt
aus iu.Ttat$su>; (ed. pr.). — Zu S. 99, 29 adde: Röm. 15, 19.
S. 103, 18 lies: -r] (statt tj) xtpo? xxl. (auch schon irrig in Bon-
wetsch' Text). Im ganzen haben wir eine vorzügliche Ausgabe.
Bei einer weiteren Auflage bitte ich den verehrten Herausgeber
im Interesse mancher Leser, bei jedem Stück kurz angeben zu
wollen, in welche Zeit und wohin dasselbe gehört. Dazu be-
darf es jedesmal nicht mehr als etwa drei bis vier Zeilen, das
macht bei den 21 anfgenommenen Stücken nur etwa eine Seite
mehr. G. Wohlenberg-Erlangen.

Braun, Joseph, S. J., Spaniens alte Jesuitenkirchen. Ein
Beitrag zur Geschichte der naohmittelalterliohen kirchlichen
Architektur in Spanien. Mit 14 Tafeln und 27 Abbildungen
im Text. Freiburg i. Br. 1913, Herder (XII, 208 S. gr. 8).
4. 80.

Der Verf., dem wir bereits Arbeiten über die deutschen
sowie über die belgischen Jesuitenkirchen verdanken, hat nun-
mehr auch die Ordenskirchen im Heimatsland des Ignatius
einer wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen: „Sie sind
nicht das, was man vielleicht von ihnen glaubte, weil man sie
I nicht kannte" (S. 200). So zieht sich durch das ganze Buch
ein apologetisches Leitmotiv. Der Verf. wird nicht müde, eine
landläufige Auffassung zu bekämpfen, als habe der „Jesuiten-
stil" in Spanien Beine wildesten Orgien gefeiert. Braun weist
demgegenüber nach, dass es in Spanien nooh sinnloser als
anderwärts sei, von einem Sonderstil der Jesuiten zu reden.
Der Orden folgte vielmehr jeweils dem gerade herrschenden
Stil und Geschmack seiner Umgebung, ohne sich der angeb-
lichen Ausschreitungen schuldig zu machen und ohne Luxus-
bauten zu schaffen. Das sei auch nicht weiter zu verwundern,
denn die angeblichen Reichtümer der spanischen Jesuiten seien
durchaus ins Gebiet der Fabel zu verweisen. Im Gegenteil
hätten die spanischen Jesuiten vielfältig mit finanziellen Nöten
zu kämpfen gehabt, wie schon die übermässig lange Bauzeit
so vieler Kirchen beweist. „Es verlohnt sich wohl, aufmerksam
darauf zu machen, dass nicht weniger denn sechs der deutschen
Jesnitenkirchen architektonisch wie räumlich sogar die drei
grössten spanischen Jesuitenkircheu übertreffen, dank vornehm-
lich den fürstlichen Gönnern und Wohltätern . . . ." (S. 14).
Sehr lehrreich!

In der Tat ist bei dem hier vorgelegten Material, besonders
den früheren Bauten, Nüchternheit und Strenge nicht zu ver-
kennen: Einfachheit der Grundrisse, Schmucklosigkeit besonders
des Aeusseren. Freilioh nicht durchweg. Eine Sonderstellung
gibt Braun für die Kollegskirohe von Loyola zu, wo eben be-
sondere Gründe vorlagen, und wo er selbst z. B. die kunst-
vollen Reliefintarsien der Kuppel als eine „allzu anspruchsvolle
Dekoration" bezeichnet und zugibt, dass hier sich „entschieden
zu viel des Guten findet" (S. 156). Die ehemalige Kollegs-
kirche zu Saragossa (ein gotischer Bau) ist erst nach 1723 im
Geschmack des Churriguerismus ausgestattet, aber solche Fälle
zeigen doch, dass jene vulgäre Vorstellung, die Verf. bekämpft,
nioht so völlig ohne jeglichen Anhaltspunkt ist. Gelegentlich
wird (S. 188) auf den gewaltigen Kontrast hingewiesen, der
sich häufig „zwischen dem fast kahlen Bau und den überaus
prunkvollen, mit Dekor überladenen und meist wie ganz in
Gold getauchten Altären" findet. „Ob man das Innere absicht-
lich nur wenig ornamentierte, damit die Altäre in ihrer kahlen
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