Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Schriftwort die Predigt auch wirklich beherrscht. Aber doch
soll sie andererseits nicht etwa eine Bibelstunde sein. Daraus
ergibt sich die andere Forderung, dass jede Predigt etwas ganz
Bestimmtes muss sagen wollen. Es gibt freilich Texte, die
durch ihre ganze Art dazu aufzufordern scheinen, dass die
Predigt ihrem Gange einfach folge und Vers für Vers für die
Gemeinde fruchtbar mache. Selbst dann noch muss die Predigt
dafür sorgen, dass die Einheit des Textes wirklich auch die
Einheit der Predigt sei. Als Regel aber muss die Forderung
gelten, dass jedesmal der Text dazu verwendet werde, einen
ganz bestimmten Gedanken der Gemeinde nahezubringen. Kurz,
noch einmal: Jede Predigt muss etwas wollen.

Was aber diese Predigten sein wollen, ist nichts anderes,
als ein ernster Versach, das alte Evangelium unverkürzt der
Gemeinde darzubieten, aber freilich so, dass dies Evangelium
ganz in die Bedürfnisse der Gegenwart hineingestellt wird.
Es gibt nach meiner Ueberzeugung nur ein Evangelium, und
dies eine Evangelium vermag allen Gemeinden etwas zu sagen.
Aber freilich, es ist eine unendlich ernste Aufgabe und zugleich
eine grosse Kunst, dies Evangelium jeder Gemeinde gerade das
sagen zu lassen, was sie nötig hat. Der Verfasser dieser
Predigten darf in Anspruch nehmen, dass er ernstlich mit der
Aufgabe gerungen hat, den Inhalt des Evangeliums seinen Zu-
hörern psychologisch zu vermitteln. Möchte er ein Wort der
Beurteilung hören, so wünschte er die Predigten vor allem daraufhin
untersucht, ob und inwieweit bio dieser Aufgabe gerecht werden.
Hat man in verschiedenen Besprechungen an den Predigten
ihren seelsorgerlichen Charakter herausgehoben, so ist da3 dem
Verf. unter dem angegebenen Gesichtspunkt besonders erfreulich
gewesen. Und auch das Zeugnis hat er gern gelosen, dass die
Predigten für eine ganz bestimmte Gemeinde berechnet seien.
Er kann dabei freilich zugleich nur wiederholen, was im Vor-
wort ausgesprochen wurde, dass die Gemeinde, die in unserer
Kirche sich versammelt, sich wohl mannigfach genug zu-
sammensetzt, um als ein Spiegelbild der grösseren Gemeinde
gelten zu können, au die die gedruckten Predigten sich wenden.

Sehr gefasst bin ich darauf, dass die Predigten vor der
neueren Forderung spezieller Themata unvollkommen genug
bestehen. So sehr auch jede einzelne Predigt etwas ganz Be-
stimmtes will, so wenig trägt sie durchweg wohl in dem Sinne
speziellen Charakter, wie jene Forderung meistens gemeint ist.
Nun habe ich in der Tat gegen jene Forderung Bedenken.
Aber es kann mir nicht in den Sinn kommen, hier im Vorüber-
gehen über sie urteilen zu wollen. Nur scheint mir, dass jeden-
falls daneben auch Predigten mit zentralem Charakter ihr Recht
behaupten müssen. Vielleicht wird man auch ja zngeben, dass
solche Predigten vor allem auch da angebracht sind, wo der
Prediger mit einer schnell wechselnden Zuhörerschaft zu rechnen
hat. In einer Univereitätskirohe haben wir aber immer ja eine
Reihe von Hörern vor uns, zu denen wir vielleicht nur in einem
kurzen Semester an einigen Sonntagen sprechen können.

Am wenigsten entschuldige ich mich, dass die Predigten
stark den Charakter des „sub specie aeternitatis" an sich tragen.
In etwas hängt das ja damit zusammen, dass, wie gesagt, der
Titel der Sammlung auch wirklich den Grundgedanken in ihr
abgeben sollte. Aber wenn vielleicht auf diese Weise jener
Charakter selbst einseitig hervortreten sollte, so hätte auch das,
dünkt mich, gerade in der Gegenwait sein Recht. Die anderen
Stimmen, welche den Jenseitigkeitschavakter dos Christentums
mehr zurücktreten lassen wollen, werden ja gegenwärtig laut
genug gehört. Ihr gegenüber dürfte die nachdrückliche Be-

tonung der anderen Seite nicht überflüssig sein. Nach meiner
Ueberzeugung gibt es nun einmal kein wirkhehes Christentum,
das nicht mit seinem tiefsten Wesensgrunde in der Ewigkeit
wurzelte. Ich hoffe, dass die Predigten auch das zeigen, dass
das Christentum um deswillen nicht ungeeignet zu sein braucht,
zugleich das Leben in der Zeit kraftvoll zu bestimmen.

Vielleicht muss ich um Entschuldigung bitten, dass die An-
zeige der Predigten verhältnismässig so ausführlich ausgefallen
ist. Aber man wird verstehen, dass es nicht auf eine Selbst-
empfehlung abgesehen ist, sondern lediglich, soweit in unserer
Zeitschrift dazu Raum ist, um einen ganz bescheidenen Beitrag
zur Verständigung über die Frage, wie heute zu predigen ist.
Inwieweit es dem Verf. gelungen ist, da3, was als Predigtideal
ihm vorschwebt, auch nur in etwas zu verwirklichen, muss er
ganz dem Urteil anderer überlassen. Ihmels.

von Hol3t, Prof. H., „Glückliche Leute". Ein Freundes
gruss für jeden Tag, gerichtet an die Schüler der oberen
Klassen unserer höheren Schulen. Gütersloh 19 t 4, Bertels-
mann (XVI, 366 S. 8). Geb. 3 Mk.
Der Verfasser der Abendgespräohe „Fröhliche Leute" bietet
hier in feinem Verständnis für die Gedankengänge und Nöte
der jugendlichen Seele den werdenden Weggenossen für jeden
Tag des Jahres eine Anregung zum Nachdenken, mehr noch
zum Nachempfinden, die Willen und Gemüt auf einen höheren
Ton stimmt. Dabei ist an die Steile längerer Zwiegespräche
die knappe, in handlichem Format sich darbietende Fassung
eines einzigen Gedankens getreten, der nun schlicht und klar,
besinnlich und ernst, aber nicht schulmeisterlich oder aufdring-
lich betrachtet und durchgeführt wird. So spricht der Verf.
als reifer Freund z. B. über „das helle Sehen", über Rausoh
ohne Wein, über das Glück, über Ritterlichkeit, Idealismus,
Herzeasreinheit, über Eigenart und Eigensinn und am nächsten
Tage über Eigenart und Prägung, über Leichtsinn, Stimmung,
Ziele und Richtung, Liebe und Leid usw., und stets werden
sittliche und religiöse, zu einem ernsten, starken Leben und
einem fröhlichen, christlichen Glauben führende Gedanken in
edler Sprache, oft unter treffsicherer Verwertung der Zeit-
geschichte und der neueren Literatur zutage gefördert. Die
Form der „Andachten" ist für dieses Alter zweckmässig ver-
mieden, aber auf Innerlichkeit und Seelenführung ist alles an-
gelegt, und die frische, wachstümliche Art, die anziehende, oft
sinnige, oft packende Formulierung der Geleitworte werden
dem Büchlein sicher in unserer deutschen Jugend, soweit sie
eine fragende und ringende ist, ein Echo wecken helfen. Viel-
leicht kommt diese Anzeige noch für den Konfirmationstisch
zurecht. Eberhard-Greiz.

Kurze Anzeigen.

Wörrlein, Johann (Missionssuperintendent a. D.), Vierzig Jahre in
Indien. Erinnerungen eines alten Missionars. Hermannsburg 1913,
Missionshandlung (263 S. gr. 8). Geb. 3 Mk.
Verf. hat im Dienst der Hermannsburger Mission gestanden und
im Telugulande nördlich von Madras gearbeitet. Was er in diesem
Buche bietet, sind Erlebnisse, die er gehabt und in sein Tagebuch auf-
gezeichnet hat. Als solche tragen sie stark persönliches Gepräge. Das
gibt dem Buche eine gewisse Frische. Verschiedene Bilder — wie
der junge Missionar auf dem Missionsschiff Candaze hinreist, wie er
die Telugusprache lernt, wie er auf Heidenpredigt geht — ziehen an
dem Leser vorüber. In dem Zusammentreffen mit den Heiden und
der Verkündigung vor den Heiden geht Verf. gern von den Anklängen
an das Christliche aus, die sich auch in der Literatur und den Ge-
danken der Heiden finden, und verknüpft damit die zentralen Ge-
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