Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

159

160

steht. Theologisch bedentsam ist ihm jedoch nur der fort-
wirkende Einfluss des Werkes und Geistes Jesu. Nie ist zu
fragen, was Jesus für sich, sondern nur, was er für uns be-
deutet. Gut ist in dem Abschnitt die Abweisung des Pantheismus,
weniger gut die Ausführungen über das Gewissen. Das zweite
Kapitel behandelt das religiöse Leben. In ihm tritt die Religion
als Weltanschauung, als religiöse Betrachtungsweise hervor, als
Bewusstsein der Unvollkommenheit, verbunden mit dem Streben
nach Erhöhung und Erneuerung des Lebens. Hier wird die
freie Betätigung des Willens Gottes im Naturlauf postuliert.
Gut ist die Beobachtung, dass die Schwäche des Schuldbewusst-
seins mit der Schwäche des Gottesbewusstseins zusammenhänge.
Der Glaube an das Jenseits, die Bedeutung der Kirche wird
nicht übel begründet. Im dritten Kapitel über religiös-sittliche
und wissenschaftliche Erkenntnis wird der Abschnitt über das
moderne und das biblische Weltbild interessieren. Das vierte
Kapitel vergleicht Alt- und Neuprotestantismus. In ihm wird
der offenbarungsgläubige Christ stellenweise mehr Berührungs-
punkte finden als der Gegner. Aber auch hier vermisst man
die grundsätzliche Klarheit. Das Buch liest sich gut. Der Verf.
zitiert Hermanu statt Herrmann, Rietsehl statt Ritschi.

Zänker-Soest.

Eucken, Rudolf (Prof. in Jena), Zur Sammlung der Geister.
Leipzig 1913, Quelle & Meyer (VII, 151 S. gr. 8).
Geb. 3.60.

Alle Grundgedanken Euckens finden in der Schrift einen
kraftvollen und jugendfrischen Ausdruck, die beredte und be-
rechtigte Klage über die Unsicherheit der Gegenwart hinsicht-
lich der Hauptrichtung ihres Strebens, die Forderung eines
Neuidealismus oder der Neugestaltung des Lebens durch den
bewussten Anschluss an das dem blossen Menschen überlegene
Reich des Geistes, die Abneigung gegen das Christentum
traditionellen Stils, der scharfe Protest gegen den Monismus,
dessen Halbheit Eaeken mit kurzen und treffenden Worten
charakterisiert (S. 131 f.) und gegen die „neue Moral", der er
ein Urteil von grossartiger Prägnanz widmet, das es verdiente,
klassisch zu werden (S. 136). Das Charakteristische des BucheB
liegt darin, dass Eucken in der deutschen Art mit ihrer auf
das Ganze gerichteten Innerlichkeit und ihrer der konkreten
Welt zugewandten Arbeitsamkeit eine Wahlverwandtschaft mit
dem von ihm vertretenen Lebenstypus sieht, so dass dem
Deutschen in seiner natürlichen Anlage ein starker und richtung-
gebender Antrieb zur Wesensvollendung liegt. Man kann gegen
die These vor allem das durchgehende Bedenken haben, ob
nicht dem Deutschtum zugeteilt werde, was dem Christentum
zukommt und was dieses an Angehörigen anderer Nationen
ebenso zuwege bringt. Sollte Eucken nicht in etwas passiert
sein, was Lessing zustiess, als er den Nathan bildete? Aber
das mindert nicht die Dankbarkeit, die gerade dieser Gabe des
Meisters gebührt. Wir stehen nicht an zu urteilen, dass das
Buch mit seiner warmen Vaterlandsliebe und seiner seelsorger-
liehen Treue zu den Volksgenossen zu den wertvollsten Er-
zeugnissen des patriotischen Erinnerungsjahres gehört. Ueber
die Forderung eines auch äusseren Zusammenschlusses der
Freunde des Neuidealismus (S. 143) möchte man gern genaueres
und praktischeres lesen.

Lic. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

Sobczak, Robert, Licht und Schatten. Zwiegespräche
zwischen einem Christen und einem Buddhisten. Leipzig
1914, Walter Markgraf (VIII, 219 S. gr. 8). 4 Mk.
Der Verf. verspricht im Titel und im Vorwort eine ver-
gleichende Gegenüberstellung von Christentum und Buddhismus,
um den Leser zu befähigen, ein objektives Urteil über Wert
und Unwert der beiden Religionen zu fällen. Was er ver-
spricht, hält er nicht. In langen Reden lässt er wohl den
Buddhisten die Lehren des Buddhismus ziemlich eingehend ent-
wickeln — die Reden des Buddhisten machen mehr als fünf
Sechstel des Buches aus —, dem Christen aber versagt er eine
Darlegung des Wesens und des Lehrgehaltes des Christentums.
Damit aber begnügt sich der Verf. noch nicht. Er zeichnet
nicht nur ein höchst unvollständiges Bild vom Christentum,
sondern auch ein durchaus falsches. Für das eigentlich Religiöse
im Christentum fehlt ihm jedes Verständnis. Er blickt auf es
als ein Lehrgebäude, das sich näher anzusehen er scheinbar für
unnötig hält, und betrachtet als seine Hauptforderung, unter
völliger Ausschaltung der Vernunft blindlings alles zu glauben,
was gelehrt wird. Dass für den Verf. der Buddhismus Licht
und das Christentum Schatten ist, ergibt sieh aus dem Gesagten
als etwas Selbstverständliches, aber auch, dass Bein Urteil kein
wissenschaftlich und auch kein religiös fundiertes Urteil ist.
Weder als Ganzes, noch in irgend einem Teile bedeutet das
Buch eine Förderung der gewiss notwendigen Auseinander-
setzung zwischen Christentum und Buddhismus. Es ist eine
buddhistische Propagandaschrift und nichts mehr.

Lic. Schomerus-Leipzig.

Ihmels, D. Ludwig, Siehe, ich mache alles neu! Ein
Jahrgang Predigten, gehalten in der Universitätskirche zu
Leipzig. Leipzig 1913, J. C. Hinrichs (708 S. gr. 8). 6 Mk.;
geb. 7.50.

In dem Bande sind 69 Predigten auf alle Sonn- und Feier-
tage vereinigt; hinzugefügt ist auf besonderen Wunsch die
Predigt bei der Jahrhundertfeier am 19. Oktober 1913. Ueber
den Gesichtspunkt, unter dem die Auswahl der Predigten er-
folgte, sagt das Vorwort, dass neben den Anregungen, die aus
der Gemeinde kamen, vor allem der Wunsch bestimmend war,
den Gedanken, der in dem Titel der Sammlung zum Ausdruck
kommt, auch wirklich die ganze Sammlung beherrschen zu
lassen.

Vielleicht darf ich hier über die Grundsätze, nach denen
die Predigten gearbeitet sind, ein paar Worte hinzufügen. Jede
Predigt versucht ein Doppeltes: sie will texfcgemäss sein und
zugleich etwas Bestimmtes sagen. Wünscht unsere Kirche die
Kirche des Wortes zu sein, dann muss das vor allem doch in
der Predigt zum Ausdruck kommen. Gewiss könnte an sich
eine Predigt durchaus biblischen und kirchlichen Charakter
tragen, selbst wenn sie nicht einen bestimmten Text zugrunde
legte. Aber doch hat es sein gutes Recht, wenn unsere Kirche
die Zugrundelegung eines bestimmten Schriftwortes fordert.
Einmal kommt darin von vornherein zum Ausdruck, dass allein
die Autorität der Offenbarung die Autorität der Predigt sein
kann, und sodann zwingt der Text den Prediger, nicht bei
seinen eigenen armen Gedanken stehen zu bleiben, sondern
wirklich den Reichtum der Gottesgedanken zu predigen. Legt
aber die Predigt einen Text zugrunde, dann darf das auch
nicht bloss in dekorativem Sinn geschehen. Unsere Gemeinden
müssen das sichere Bewusstsein haben, dass das verlesene
loading ...