Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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die der Verf. daraus zieht, sind also unzulässig usw. Wir er-
kennen gern an, dass der Verf. wohl bemüht gewesen ist,
etwas Fördersames für die Menschheit zu tun, aber müssen
durchaus bezweifeln, dass diese neue Religion noch Christen-
tum genannt werden dürfe, und ebenso, dass Bio geeignet sei,
das von ihm erhoffte einigende Band zwischen Katholiken und
Evangelischen zu bilden; vor allem aber müssen wir dagegen
protestieren, dass die Naturforschung mit solcher Religion sich
zufrieden geben könnte, denn die Naturforschung ist in erster
Linie logisch. Hoppe-Hamburg.

Petras, Lic. Otto, Der Begriff des Bösen in Kants
Kritizismus und seine Bedeutung für die Theologie.
Leipzig 1913, J. C. Hinriohs (85 S. gr. 8). 2.80.
Zur Neuordnung des Verhältnisses von Religion und Sitt-
lichkeit im KantiBohen Sinne beizutragen, ist der letzte Zweck
dieser Untersuchung. Im Schlusskapitel, das sioh mehrfach an
Ad. Harnack und Arthur Bonus („Vom neuen Mythus") anlehnt,
wird gezeigt, dass gerade der Begriff des Bösen die innere
Struktur dieses Verhältnisses zum Ausdruck bringe. Wertvoll
sind vor allem die ersten vier Kapitel, die Kants Begriff vom
Bösen abgesehen von seiner Religion innerhalb der Grenzen der
blossen Vernunft analysieren. Petras zeigt, dass der Begriff
des Bösen weder in der „reinen Ethik" Kants einen Platz hat,
weil ja die ethischen Grundbegriffe nur auf das Gute gerichtet
sind, noch unter den bloss psychologischen Begriffen unter-
zubringen ist, weil der hier massgebende Begriff der Willkür
noch diesseits von Gut und Böse bleibt. Das Böse kommt erst
da zur Geltung, wo die Welt der reinen Vernunft mit der
empirischen zusammenstösst. Das Böse erscheint dann als un-
begreifliches Nicht-zur Geltung-kommen des Intolligiblen, des
absolut Vernünftigen. Es entfaltet sich immer erst am Guten
und erhält erst so eine wirklich positiv wertvolle Seite. Aber auch
die Untersuchung der Religion innerhalb der Grenzen der blossen
Vernunft über das radikale Böse, der Petras mit Recht Ver-
mengung der psychologischen und (im kritischen Sinne) sittlichen
Betrachtungsweise vorwirft, kommt schliesslich darauf hinaus:
das empirische Urteil über unsere „Natur" zeigt, dass wir böse
sind, während wir doch gleichzeitig unsere nur auf das Gute
gerichtete intelligible Bestimmung in uns (nicht ausser uns)
finden. — Hierin erblickt Petras nun auch die Bedeutung
Kants für die Theologie. Die alte, auf Augustin zurückgehende
Fassung erkannte nach seiner Auffassung das Böse nur als
etwas Negatives, sie lehrte uns unser bedingungsloses Unver-
mögen. Die Erlösung bestand dann lediglich darin, dass der
Mensch über das Böse getröstet wird. So entsteht jedoch nur
ruhendes, kein aktives sittliches Leben. Kant dagegen lehrt
uns, dass wir uns nur selbst verurteilen, weil wir an das Gute
glauben, weil der Gedanke des Sittlichen in uns lebt. Das
Gute als Aufgabe, nicht die Vergebung des Bösen, ist Gottes
höchste Gabe an uns. — Petras zieht meines Erachtens wirk-
lich klare Folgerungen aus Kants Ethik. Die Frage bleibt
nur, ob wirklich auch im Sinne des Christentums das Gute
lediglich in der intolligiblen, d. h. reinen Begriffswelt gesucht
werden und ob die intelligible Welt Kants wirklich die Meta-
physik des alten Christentums ersetzen kann. Petras' scharf-
sinnige Analyse wird viel zur Klärung unserer Stellung zu
Kant beitragen. Auch mit der einschlägigen Kantliteratur setzt
er Bich gründlich auseinander.

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Bauer, Karl (Dorpat), Das Gewissen in Vergangenheit
und Gegenwart. Riga 1913, Jonck & Poliewsky (138 S.
gr. 8). 1. 80.

Nur „beleuchten" will Verf. seinen Gegenstand. Das tut
er aber in fesselndster Weise, indem er religiös-sittliche Er-
scheinungen aus Vergangenheit und Gegenwart an sich vorüber-
ziehen lässt und sie daraufhin prüft, wieweit in ihnen das Ge-
wissen mit seiner Kraft und Wahrheit erfasst und gewahrt sei.
Doktrinär wird diese Durchprüfung nirgends, sie handhabt
immer den praktischen Massstab, wenn auch hier und dort die
innersten Tatsachen der Gewissenserfahrung und die tiefen
Notwendigkeiten des religiösen Bedarfs zur Geltung kommen.
Dabei bewährt der Verf. eine ausserordentliche Belesenheit in
der modernen (schöngeistigen) Literatur, eine sichere Vertraut-
heit mit der wissenschaftlichen Lage und ein freies, treffendes
Urteil. Das Ganze gestaltet sich so zu einer erquicklichen
Apologie biblisch-positiven Christentums, das Kreuz und Ver-
söhnung zu seinem Mittelpunkt und das Bekenntnis zur Gott-
heit Christi zu seiner unveräusserlichen Grundlage hat. Wir
empfehlen es daher herzlich der Beachtung, namentlich auch
für heranwachsende Theologen und für gebildete Nichttheologen.

Bach mann-Erlangen.

Sapper, Prof. Karl, Neuprotestantismus. München 1914,
Beck (X, 170 S. gr. 8). Geb. 3.50.
Der Verf. führt sieh durch seine Widmung als Sohn der
Verfasserin der äusserst anziehenden „Frau Pauline Brater" ein.
Er selbst schreibt mit viel Wärme und in guter Sprache.
Zweifellos kommt er einem Zeitbedürfnis entgegen, wenn er
den Ertrag der „modernen Theologie" einmal in einem Kom-
pendium für gebildete Laien zusammenfasst. Unter Laien wird
er auch weitgehende Zustimmung finden. Denn er hält im
ganzen eine mittlere Linie inne, die ihm als Massstab des noch
zu Glaubenden gilt. Aus demselben Grunde aber wird es
Fachleute auf keiner Seite befriedigen. Die Urteile balancieren
zu stark, als dass ein Philosoph, ein Theologe irgend einer
Richtung oder gar ein Naturforscher einverstanden sein dürfte.
Das erste Kapitel handelt von der Offenbarung Gottes und
vor allem von der „Wertschätzung der Ueberlieferung von
Christus". Die unsichere Position, die der Verf. in der Ein-
leitung dadurch gewählt hat, dass er seinen Gegner im „Alt-
protestantismus" des 16. und 17. Jahrhunderts sieht, macht Bich
hier besonders spürbar. Denn im Verlauf des Ganzen gehen
die Ausführungen erfreulicherweise häufig auf die Problem-
stellungen der Jetztzeit ein, so dass, wer nicht Bescheid weiss
nicht zu einer klaren Anschauung kommt. So z. B. in der
Frage nach der Bibel als Offenbarungsquelle. Der Verf. stellt
als Erfahrungstatsachen hin: Natur, Gewissen und Jesus Christus,
letzteren in der biblischen Ueberlieferung und zugleich und
hauptsächlich als in der Gemeinde der Vergangenheit und Gegen-
wart spürbaren Christusgaist gedacht. Jesus ist weniger historisch
klar zu erforschen, als vielmehr persönlich, „religiös" zu erfahren.
Seine Gemeinschaft mit Gott ist nicht dem Grad, Bondern der
Art nach verschieden von der Gottesgemeinschaft der Jünger.
Das Machtbewusstsein Jesu aber findet der Verf. nur berechtigt,
weil ihm egoistische Tendenzen völlig ferngelegen haben. Die
leibliche Auferstehung aber hält er für möglich, denn der Um-
schwung in der Stimmung der Jünger durch den festen Glauben
an sie ist zu gewaltig, als dass mit Gründen der Erfahrung
dagegen zu streiten wäre, so hoch ihm sonst das Naturgesetz
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