Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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deutsche Volk ihn nennt, und dies hat sich längst und ein-
mütig für die deutsche Form entschieden."

Hans Preuss-Leipzig.

Herbart, Johann Friedrich, Lehrbuoh zur Einleitung in
die Philosophie. Mit Einführung neu herausgegeben
von K. Häntsch (Dr., Seminaroberlehrer in Nossen). (Der
Philosophischen Bibliothek Band 146.) Leipig 1912, Felix
Meiner (LXXIX, 388 S. gr. 8). 5 Mk.
Herbarts Einleitung in die Philosophie gehört zweifellos zu
denjenigen Werken unserer klassischen Philosophie, die einen
bleibenden Wert haben und in besonderer Weise für die
Förderung und Vertiefung des philosophischen Verständnisses
geeignet sind. Der Herausgeber hat dem Buche eine Ein-
führung vorangestellt, die in sehr ausführlicher, zuweilen etwas
umständlicher Weise mit den Gedanken und dem Aufbau des
philosophischen Systems Herbarts vertraut zu machen sucht.
Man kann darüber streiten, ob eine derartig umfangreiche Zu-
gabe für eine Textausgabe empfehlenswert ist. Für diejenigen,
die Uberhaupt zum erstenmal mit der Philosophie Herbarts sich
beschäftigen, werden die Ausführungen des Herausgebers jeden-
falls sehr nützlich sein, da sie in der Tat sehr klar und über-
sichtlich sind. In bezug auf den Text bietet diese Ausgabe
nichts neues dar, sondern bringt einfach die Ausgabe Harten-
steins von 1883 zum Abdruck. Störend ist es, dass die in den
Text eingefügten Anmerkungen nicht besonders hervorgehoben
sind, — der Herausgeber hat diesen Mangel selbst empfunden
und ihn dadurch auszugleichen gesucht, dass er in dem Vor-
wort den Sehluss der einzelnen Anmerkungen notierte. Aber
auch ohne die Anwendung einer besonderen Schriftart hätte
sich der TJebelstand durch Klammern oder Gedankenstriche
leicht abstellen lassen. Stange-Göttingen.

Dülmann, C, Das Christentum, das Ziel der Welt-
entwickelung. Briefe eines theologischen Naturforschers.
Tübingen 1913, Laupp (255 S. gr. 8). 5 Mk.
Der Titel dieser posthum herausgegebenen Briefe des
württembergischen Schulmannes ist irreführend. Der Verf. gibt
selbst an, dass, wenn man seinen Ausführungen folgt, nicht
mehr und nicht weniger verloren gegangen ist, als alles das,
was bisher als der Kern des Christentums gegolten hat (S. 232),
sowohl der biblische Gottesbegriff wie alles, was von Jesu
Leben als Tatsache in der Bibel erzählt wird; natürlich ist
nicht die Rede von einem Versöhnungstode Jesu, von Wundern,
von Auferstehung usw. Paulus und Johannes sind ganz un-
glaubwürdig (S. 202), alles Wunderbare ist reine Phantasie in
der Bibel. Trotzdem redet der Verf. fortgesetzt von der ein-
fachen geschichtlichen Wahrheit, die er feststellen will. Es
ist schade, dass er über die Quellen dieser geschichtlichen Wahr-
heit uns nichts sagt, man weiss also nicht, woher er, nachdem
die biblischen Quellen beseitigt sind, seine Kenntnis bekommen
hat; sollte sie lediglich in seiner eigenen Phantasie liegen? Trotz
dieser absoluten, wiederholt ausgesprochenen Abweisung Pauli
und Johannis verschmäht es der Verf. nicht, Zitate aus Johannis
und Pauli Briefen heranzuziehen, um dem Leser vorzureden,
dass sein Christus mit dem Christus des Christentums identisch
sei. Mir ist unverständlich, warum der Verf. und mit ihm die
Jünger dieser „modernen" Religion Wert darauf legen, den
Namen Christentum beizubehalten. Wenn das Christentum

wirklich so naiv, so befangen, so töricht war, wie es der Verf.
zu nennen beliebt, welchen Wert hat dann der Name als Aus-
hängeschild; will man Gimpel damit fangen, oder ist die Fähig-
keit, logisch zu denken, so tief herabgesunken, dass man die
Widersprüche gar nicht mehr merkt? Ich glaube das letztere.
Denn bei dem Verf. denkt man nur mit Vorstellungs-
bildern (S. 168), danach scheidet also alles aus, was nicht
sinnlich wahrnehmbar ist. Darum kann er natürlich auch
alles Uebersinnliche leugnen. Ich wäre recht begierig, einmal
das Vorstellungsbild von „Tugend" zu sehen, oder gibt's deren
nicht mehr im „Christentum" dieser Modernen? Es ist darum
kein Wunder, dass das Buch von logischen Widersprüchen
geradezu wimmelt. Es genügt, den am schwersten wiegenden zu
beleuchten. Die Exposition des Verf.s ist diese: Gott ist das
Sein schlechthin, die Welt ist das Werden, die Schöpfung der
Welt ist der Eintritt des Seins in das Werden, so ist die Welt
nur ein „Sosein" des Seins (S. 33 ff.). Die Identität ist so
vollständig, dass, was der Physiker Kraft nennt, ist für den
Theologen Gott (S. 30). Die Entwickelung aber als Ganzes
hat nun ein Ziel der Entwickelung, nämlich den Menschen.
„Wir haben teil an der geologischen Menschwerdung Gottes",
das ewige Sein hat sich ja eben in der Entwickelung der Erde
in der Tertiärperiode zum Menschen entwickelt. Trotzdem
verlangt der Verf., dass das ewige Sein noch einmal in den
Menschen einziehe: „Dass Gott, das ewige Sein, auch in uns
Fleisch und Blut annimmt", und dies soll darin bestehen, dass
wir die tierische Selbstsucht in uns abtöten. Wie ist das denn
möglich, wenn doch unser Fleisch und Blut, unser tierischer
Charakter ebenfalls dies ewige Sein war? Soll dieses ewige
Sein Bich selbst abtöten? (S. 202). An einer anderen Stelle
meint der Verf.: der Mensch entwickle sich eben zu Gott hin.
Was hat denn das für einen Sinn, wenn doch alles Sein von
selbst Gott ist?

Damit ist aber dies ganze System als logischer Widerspruch
charakterisiert. Nicht nur an folgerichtigem Denken fehlt es
in diesem Buche, es sind auch zahlreiche Belege von Un-
kenntnis darin. Was der Verf. von der Weltkenntnis des
Altertums sagt (S. 2 ff.), würde vielleicht auf Homer passen.
Von griechischen Naturforschern und Geographen scheint er
nie etwas gehört zu haben. Sonst wäre es auch nicht möglich,
dass er (S. 25) die höchste und letzte wissenschaftliche Leistung
der Griechen im ptolemäischen Weltsystem findet. Das Er-
kenne dich selbst (S. 203) des Sokrates soll nach dem Verf.
die Bedeutung gehabt haben, dass der Geist des Menschen das
Mittel zur Offenbarung Gottes sei, aber erst in Jesus sei die
Identität des menschlichen Geistes mit Gott behauptet! Der
Verf. hat also nichts davon gehört, dass schon Thaies die Seele
des Menschen mit der Weltseele identifiziert, dass der vouc. des
Anaxagoras mit dem menschlichen Geist gleicher Qualität ist
Es ist daher auch kein Wunder, dass der Verf. gar nicht merkt,
dass er in den ethischen Abschnitten des Buches auf den Wegen
Piatons wandelt, nur dass er Piaton nicht erreicht.

Obwohl der Verf. auf dem Titel als Naturforscher bezeichnet
wird (übrigens sind mir keine naturwissenschaftlichen Leistungen
desselben bekannt), sind auch auf diesem Gebiet schwerwiegende
Irrtümer zu verzeichnen. Die Rolle, die er dem Aether zu-
weist, passt etwa auf die Auffassung vor 40 Jahren. Dass die
Energie des Weltalls unveränderlich sei (S. 31), hat freilich
Mayer nebenbei einmal gesagt. Wir wissen, dass dieser Satz
so gar keinen Sinn hat, da sich die Energiemessung immer nur
auf begrenzte Vorgänge beziehen kann. Die Schlussfolgerungen,
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