Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Der Verf. ist von einem starken Streben beherrscht, die
altkirchliche und besonders die römische Tradition an halten,
bis zur Leichtgläubigkeit. So findet er in der bekannten Er-
zählung Quo vadis einen historischen Kern unter Berufung auf
Joh; 13, 36 und Hebr. 6, 6 (nebenbei: der Hebräerbrief ist von
Barnabas auf Anregung des Paulus als „Eirenicon" an die
Gemeinde zu Rom 66 geschrieben; Beweis u. a. das häufige
Vorkommen des Ankers auf den Katakombendenkmälern, wozu
Hebr. 6, 11; 7,19; 10,23 zu vergleichen). Beziehungen
zwischen Seneca und Paulus gelten als historisch. Die dafür
u. a. angezogene Inschrift aus Ostia ist aber sicher eine Fälschung.
Auf Grund einer ganz phantastischen Kombination wird Priska,
die Frau des Juden Aquila, als die Tochter eines Freigelassenen
der vornehmen Acilii Glabriones in Anspruch genommen.

Die Vorträge verraten grossen Fleiss und viel Scharfsinn,
aber der eine wie der andere gehen fast immer an den ent-
scheidenden Punkten in verkehrter Richtung und schaffen viel-
fach nur neue Verwirrung. Doch lässt sich nicht leugnen,
dass das Buch auch manche gute Gedanken und neue feine
Beobachtungen enthält, aber die Probleme, auf die es eigent-
lich ankommt, haben keinen Vorteil davon.

Victor Schnitze.

Haller, Johannes, Der Sturz Heinrichs des Löwen. Eine
quellenkritische und rechtsgeschichtliche Untersuchung.
(S.-A. a. d. Archiv f. Urkundenforschung, Bd. III.) Leipzig
1911, Veit & Co. (155 S., 1 Abb.).
Den oft behandelten Kampf Barbarossas gegen Heinrich
den Löwen hatte im Jahre 1909 F. Güterbock aufs neue
zum Gegenstand einer eindringlichen Untersuchung gemacht,
die insbesondere der rechtliohen Seite dieses Kampfes galt,
selbstverständlich aber auch die historisch-politische Seite neu
prüfte und dabei zu einem für den Löwen wenig günstigen,
für Friedrich um so vorteilhafteren Ergebnis kam. Gegen dieses
Buch wendet sich Haller in der vorliegenden Schrift. Wie er
an der Glaubwürdigkeit der Fussfallsgeschichte in Chiavenna
festhält, so findet er den Grund für die Hilfeweigerung des
Löwen nicht in den politischen Verhältnissen, sondern in einer
persönlichen, durch Barbarossa verursachten Verstimmung, die
durch Heinrichs „hochmütige Kälte" verschärft wurde. Die
schwierigere Frage nach dem Verlauf des Prozesses sucht er
durch eine neue Interpretation der Geinhäuser Urkunde
Friedrichs L, die den Urteilsspruch enthält, zu lösen. Unglück-
licherweise ist das Original, wie das beigegebene Faksimile
zeigt, in einem derartig schlechten Zustand erhalten, dass zur
Entzifferung die Heranziehung einer jüngeren Kopie erforderlich
ist, deren Lesung nicht immer zuverlässig ist. Das ist an einer
Stelle verhängnisvoll geworden. Ein Hauptproblem war, warum
in diesem Prozess anscheinend nur eine einmalige Ladung des
Angeklagten stattfand, ganz gegen die sonstige Gepflogenheit.
Die Lösung dieses Problems hatte Güterbock zu umständlichen
rechtsgeschiohtlichen Erwägungen geführt. Und nun hat Haller
in subtiler Untersuchung nachweisen können — die Photographie
ermöglichte, wie so manches Mal, eine genauere Erkennung
der Schriftreste als das Original —, dass an entscheidender
Stelle, jetzt fast unkenntlich geworden und darum stets falsch
gedeutet, das Wort Irina stand, d. h. von einer dreimaligen
Ladung Heinrichs die Rede war. Dieser Nachweis bildet den
Höhepunkt der Schrift, wie denn überhaupt die Auseinander-
setzung mit Güterbock ein Musterbeispiel historischer Kritik

darstellt. Nicht in demselben Masse wird man dem positiven
Teil der Arbeit beistimmen können. Vielmehr ist meines Er-
achtens Hampe im Recht, wenn er in seinem Aufsatz „Heinrichs
des Löwen Sturz in politisch-historischer Beurteilung" (Hist.
Zeitschr. 109, 3. 49—83) den Gegensatz zwischen Friedrich
und Heinrich doch weniger auf persönliche als auf politische
Gegensätze zurückführt und den norddeutschen Territorialfürsten
wieder eine erhöhte Bedeutung bei dem Sturz des letzten grossen
Stammesherzogs zuschreibt Bestehen aber bleibt der Nachweis
Hallers, dass der Sturz des Löwen sich ganz in den Formen
des geltenden Gewohnheitsrechtes abgespielt hat

Gerhard BonwetBch-Berlin-Steglitz.

Petrich, D. Hermann, Paul Gerhardt. Ein Beitrag zur Ge-
schichte des deutschen Geistes. Auf Grund neuer Forschungen
und Funde. Gütersloh 1914, C. Bertelsmann (XIV, 360 S.
gr. 8). Geb. 7 Mk.
Nachdem der Verf. vor sieben Jahren eine Untersuchung
über „Paul Gerhardts Lieder und seine Zeit" vorausgeschickt,
schenkt er uns hier ein Werk, das nicht nur dieses, sondern
die gesamte Gerhardtliteratur nach vielen Seiten hin antiquiert.
Das macht vor allem die Verwertung neu aufgefundener
interessanter Quellen und anderer Nachrichten, die das Leben
Gerhardts heller beleuchten. So kann jetzt z. B. als sein Ge-
burtstag bestimmt der 12. März 1607 angenommen werden
und als sein Todestag der 27. Mai 1676; ferner erfahren wir
das Todesjahr der Eltern, die Gründe seines langjährigen
Wittenberger Aufenthaltes, das Nähere über die Niederlegung
seines Berliner Amtes u. a. m. Zu diesen biographischen Einzel-
heiten tritt eine umfassende, feinsinnige Zeichnung der äusseren
und der geistigen Umwelt Gerhardts und ihres Zusammenhangs
mit seiner Dichtung. Besonders wertvoll ist auch die gründ-
liche Analyse der Lieder nach inhaltlichen wie nach ästhetisch-
technischen Gesichtspunkten. — Dies alles wird vorgetragen in
einer höchst anziehenden, vornehmen Form der Rede, die Ge-
rechtigkeit mit innerer Wärme aufs glücklichste zu verbinden
weiss.

Merkwürdigerweise ist, obwohl sonst der Dichter nach allen
denkbaren Beziehungen beleuchtet worden ist, zweierlei über-
gangen oder nur ganz nebenbei berücksichtigt worden: 1. die
Ikonographie Gerhardts, oder, wenn das Wort zu anspruchsvoll
klingt, wenigstens ein näheres Eingehen auf die Ueberlieferung
des Gerhardtporträts und seine Fortbildung bis zur Gegenwart.
Gewiss ist dem fleissigen und glücklichen Finder so mancher
Gerhardterinnerung auch hierfür manches wertvolle Stück be-
kannt geworden. Ein ziemlich massiges Porträt (Ausschnitt aus
dem Lübbener Kirchenbilde?) ist dem Buche vorangestellt.
2. Gerhardts Nachleben durch die Jahrhunderte bis zur Gegen-
wart. S. Bachs Vertonung wie R. Schäfers Zeichnungen dürfen
in einer so vielseitigen Gerhardtmonographie nicht unerwähnt
bleiben; denn die volle Bedeutung einer Persönlichkeit erschliesst
sich erst in der Reihe derer, auf die sie wirkt, und darin,
wie sie wirkt.

Zum Schluss noch ein Wort über die Namensform des
Dichters: Mit Recht nennt ihn Petrich Paul Gerhardt, indem
er darauf hinweist, dass die lateinische Form „Paulus", die
Gerhardt meistens anwandte, den Zeitgenossen die akademische
Bildung ihres Trägers angeben sollte, während sie uns nur an
den Apostel erinnern würde. Wir nennen ihn so, „wie das
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