Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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wohnte. — Passt unserem grossen Gelehrten eine talmudische
Notiz oder eine Erklärung von Raschi, so führt er sie als
absolute Autoritäten an. Im umgekehrten Fall behandelt er
die einstimmige Auffassung von Raschi, Aben Esra, Ramban
sowie der drei Targume als Luft. Diese sechs jüdischen
Autoritäten, wozu noch der Samaritaner kommt (welcher mbi»
liest), fassen das oba Gen. 33, 18 im Sinne von „wohlbehalten"
= mbo Gen. 43, 27. Hr. Hammer aber denkt partout an
Salim in Sasaaria (östlich von Nablus). Und zum König dieses
sam. Dbaj machte nach seiner Meinung der Verfasser des Hebräer-
briefs den „mythischen König Melchisedek". Meichisedek ist
mithin nach Vorstellung des Hebräerbriefs ein Samaritaner ge-
wesen. Und nun ist die Sache klar: Weil Jesus, der Samari-
taner, nach Anschauung des Hebräerbriefs Hohepriester war,
so bot der mythische Hohepriester Melchisedek, ebenfalls ein
Samaritaner, ein wunderbares Vorbild zu Jesus. — Auch das
ist nach Meinung unseres Verf.s ein klarer Beweis, dass Jesus
kein Jude war: der Verf. des Hebräerbriefs, der doch an keine
Juden Christen, sondern an „wahre Juden" geschrieben sei,
spricht nirgends von einer Schuld der Juden am Tode Jesu.
Mit dem gleichen Recht könnten diejenigen, welche mit
Chwolson („Das letzte Passahmahl") und Lichtenstein (hebr.
Kommentar zu Matthäus) davon überzeugt sind, dass nicht die
Pharisäer, sondern die Sadduzäer die eigentlichen Urheber des
Todes Jesu waren, sagen: Weil der Hebräerbrief von diesen
eigentlichen Urhebern kein Wort spricht, so wusste er von
ihnen nichts. Nach Ansicht unseres Verf.s schweigt der Hebräer-
brief deswegen, weil eben Jesus ein Samariter war, an dessen
Tod die Juden überhaupt nicht beteiligt waren. Es war jener
Samariter, der nach des Josephus Bericht die Samaritaner auf-
reizte, mit ihm den Garizim zu besteigen, wo er ihnen die
von Mose vergrabenen heiligen Gefässe zeigen werde. Aber
Pilatus griff diese Samaritaner an, von denen ein Teil getötet,
ein Teil gefangen und hingerichtet wurde. Wie hiess der
Anführer? Josephus nennt ihn nicht. Unser Verf. kennt ihn:
Jesus.

Wir fürchten die Ungeduld der Leser zu erwecken, wollten
wir ihnen von den Tohu wabohu-Cntersuchungen und -Beweisen
des Verf.8 noch weitere Proben vorlegen. Erwähnenswert sind
noch seine von ihm gern zitierten Autoritäten: Dav. Friedr.
Strauss, Renan und — Häckel (Welträtsel), welcher letztere
„wie jedes Genie das Wahre ahnt". Von der eigentlich ein-
schlägigen Literatur in den berührten Fragen scheint er kaum
eine Ahnung zu haben. Nicht einmal auf dem ihm am nächsten
liegenden Gebiet, dem Talmud, bat er eine erträgliche Literatur-
kenntnis. Der ausserkanonische talmudische Traktat wvo
(— Samaritaner), dessen Uebersetzung er S. 19 ff. mitteilt, ist
nach ihm „vor mehreren Jahren" von R. Kirchhoim „angeblich
aus einer Handschrift" herausgegeben worden. Diese Ausgabe
ist nicht vor „mehreren", sondern vor 62 Jahren erschienen.
Und dass sie „angeblich" aas einer Handschrift abgedruckt ist,
beweist, dass er weder diese Ausgabe selbst gesehen, noch das
bei Strack (Einleitung) und Jost (Geschichte des Judentums)
darüber Gesagte gelesen hat. Er hat olfenbar von dieser Aus-
gabe nur sagen hören, wie er denn auch sich von jemand hat
vormachen lassen, dass der Traktat btto sich auch im Münch.
Talmudkodex finden „soll". Dieser von Strack jetzt edierte
Kodex ist jedermann zugänglich. Verf. ahnt wohl nicht, welche
Blosse er sich mit diesem „soll" gibt. Wir können ihm ver-
sichern, dass der Kodex den Traktat nicht hat.

Eine einzige Bemerkung haben wir in dem Buche unseres

Verf.s brauchbar gefunden, den von Strack in der erwähnten
Schrift „Jesus usw." übersehenen Hinweis auf den Zusammen-
hang, in welchem Sanhedrin 103 a der Vers Ps. 91, 10 auf
Jesus bezogen wird. David, heisst es dort im Talmud, segnete
mit diesem Vers seinen Sohn Salomo: „keine Plage wird deiner
Hütte (= Familie) sich nahen", das will sagen: „Du sollst
keinen Sohn haben, der seine Speise öffentlich verbrennt wie
Jesus der Nazarenei". Das ist, bemerkt unser Verf., eine An-
spielung auf die im Neuen Testament behauptete Abstammung
Jesu von David, welche, wie wir hinzufügen, der Talmud in
seiner Weise zurückweist.

Hainr. Laible-Rothenburg o/Tbr.

Edmundson, Georg M. A., The Church in Borne in the
first Century. An examination of various controversed
questions relating its history, chronology, literature and
traditions. Eight lectures praeched before the University
of Oxford in the year 1913. London 1913, Longmans,
Green and Co. (XIII, 296 S. gr. 8). 7,6 sh.
Wie oft auch die Anfänge und die älteste Geschichte der
römischen Christengemeinde die Wissenschaft beschäftigt haben,
ihr eigenartiger Inhalt sowie die Zahl und das Gewicht der in
ihr ruhenden Probleme werden auch weiterhin ihre starke An-
ziehungskraft behaupten. Ein Beweis dafür sind diese in Oxford
auf Grund der John Bampton-Stiftung gehaltenen acht Vorträge.

Die erste Vorlesung entrollt ein Bild der Gemeinde in der
Zeit, als Paulus seinen Brief an sie richtete. Dieser Brief, eine
„Apologie", rechnet mit drei Gruppen: einem judenchristlichen,
in eine strengere und in eine mildere Richtung sich scheidenden
Bestandteil und einer heidenchristlichen Majorität, wozu weiterhin
die ungläubige Judenschaft kam. Die Zahl der Synagogen
dieser letzteren ist übrigens grösser, als der Verf. annimmt
(vgl. Nik. Müller, Die jüdische Katakombe am Monteverde zu
Rom, Leipzig 1912). Die Deutung dos impulsore Chresto in
Suetons Vita Claud. 25 auf ChristuB scheint ein unausrottbarer
Irrtum zu sein. Die Schlussfraga nach dem Begründer der Ge-
meinde erhält hier schon die vorausgenommene Antwort: Petrus.
Die zweite Vorlesung sucht aus dem bekannten literarischen
Material den Beweis dafür zu führen; auch archäologische
Zeugnisse werden angezogen und dabei, was ich für sehr ge-
wagt halte, Lanciani als Autorität aufgerufen. Diese Quellen
ergeben aber in Wirklichkeit nicht das Geringste für die Frage,
um die es sich handelt. Im Jahre 42 traf Petrus, wie der
Verf. nachgewiesen zu haben meint, zum erstenmal in Rom
ein. Die vier folgenden Vorlesungen spinnen das Thema weiter;
es steht überhaupt im Mittelpunkte des Buches. Wir erfahren,
dass Petrus nach seiner Rückkehr nach dem Osten (45) Antiochien
zum Ausgangspunkte seiner Wirksamkeit machte und hier von 47
bis 54 weilte, dann wandte er sich wieder nach Rom und hielt
sich auf dem Wege kurz in Korinth auf (Ende 54), daher die
Kephaspartei. Während dieser zweiten Anwesenheit in Rom
gab er der Gemeinde eine feste Verfassung. Nur in Rücksieht
auf seine Person und Bein Wirken in der Welthauptstadt ver-
schob Paulus seine Romreise (Röm. 1, 10 ff.). Im Jahre 56
verliess Petrus Rom wieder, kehrte aber schon 63 zurück,
nachdem der Apostel Paulus nach Spanien weitergereist war,
und erlitt in den Nachwirkungen der neronischen Verfolgung
65 den Märtyrertod. Dann suchte auch Paulus Rom wieder
auf und wurde 67 hingerichtet. Man sieht, wie rücksichtsvoll
die beiden Männer sich auswichen.
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