Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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— die beiden Agrippa fehlen, da sie nie den Namen Herodes ge-
führt haben — und Herodias gesondert erseheinen lassen. In ge-
drängter, aber gründlicher, das Quellenmaterial kritisch Bondernder
Darstellung behandalt er Leben, Wirken und Charakter dieser
geschichtlich und vor allem psychologisch bedeutsamen und
interessanten Personen. Mit Rücksicht auf die Bedeutung des
Josephus geht er auf die von ihm verwerteten Quellen und
seine Art der Qaellenbenutzung ausführlicher ein, ohne in An-
betracht des Charakters der Realenzyklopädie die schwierige
und problematische Quellenanalyse bis ins einzelne durchzu-
führen. Die aus dem kritischen Urteil über Josephus als Schrift-
steller und seine Methode der Quellenverwertung sich ergebende
Mahnung zur Vorsicht ihm gegenüber halte ich für berechtigt
und nötig. Die neutestamentlichen Angaben sind für die Dar-
stellung nicht unbeachtet geblieben (z. B. Sp. 197) und als im
grossen ganzen der geschichtlichen Wirklichkeit entsprechend
gewürdigt (Sp. 204). Besonders wertvoll erscheinen mir die
vom Verf. gezeichneten Charakterbilder der Personen, in deren
Wesen er sich einzuleben müht, um sie in ihrer inneren Eigen-
art zu erfassen und so zu einer Licht und Schatten gerecht
verteilenden Beurteilung zu gelangen. So werden die im Neuen
Testament nur kurz erwähnten Personen wie Herodes I., Herodes
Antipas, Herodias zu klar erkennbaren Gestalten.

Paul Krüger-Leipzig.

Hammer, Heinr., Traktat vom Samaritanerm essias. Studien
zur Frage der Existenz u. Abstammung Jesu. Bonn 1913,
C. Georgi (101 S. gr. 8).

Von dem sehr schön ausgestatteten Büchlein iBt wenig
Empfehlendes zu sagen. Statt des Mottos auf dem Titelblatt:
„Wer sagen die Leute, dass des Menschen Sohn sei?" (Matth.
16, 13) wäre passender gewesen: "mahn ^nabrt „mir hat ge-
träumt, mir hat geträumt" (Jer. 23, 25). Auch wer nicht ver-
wöhnt ist durch hervorragende Leistungen jüdischer Gelehrter
seit Zunz, wer die allergeringste Anforderung an eine wissen-
schaftliche Publikation stellt, muss staunen über die vorliegende
Schrift eines uns bisher unbekannten jüdischen Skribenten, der
sich den Anschein gibt, viel Studien gemacht zu haben, tat-
sächlich aber sich Blossen über Blössen gibt.

Schon die schweren Verstösse im Gebrauch der deutschen
Sprache machen einen ungünstigen Eindruck: „Glaube an der
Auferstehung" (S. 14); „weiters sagte man" (S. 15); „Renan
zweifelt an die histor. Treue" (S. 30); „von Paulum" (S. 51);
„das Evangelium Johanni" (S. 52); „den Hebräerbrief schreibt
man Pauli zu" ubw. Die zuletzt genannten Fehler werfen zu-
gleich ein Licht auf des Verf.s eigentümliche lateinische Sprach-
kenntnisse, von deren Unzulänglichkeit er uns S. 14 eine
heitere Probe gibt. Nach seiner Meinung haben die Philologen
bisher die Tacitusstelle Ann. 15, 44 unrichtig aufgefasst: „der
Urheber dieses Namens, Christus" (nämlich des im Voraus-
gehenden genannten Namens „Christianer"). Die Philologen
verstehen nichts, belehrt uns Hr. Hammer, da „nominis Christus"
zusammengehört und zu übersetzen ist: „des Namens Christas".
Dass es im Tacitustext nicht einmal so heisst, sondern nominis
eius, ist eine Kleinigkeit für einen so unternehmenden Gelehrten
(praetor non curat minima); dieselbe Kleinigkeit, wie dass er
S. 64 die Talmudstelle Chull. 13 a defekt wiedergibt Nach
Hrn. Hammer nämlich heisst es dort im Talmud: rm rrrasb ya,
was er übersetzt: „ein Min des Götzendienstes", ohne stutzig
zu werden über das h, wofür es doch bis heissen müsste (denn

nur im bibl. Hebr. findet sich b zur Bezeichnung des Gen.,
vgl. tnh -nata „ein Psalm von David"); aber Hr. Hammer hat
die Talmudstelle (um seinen eigenen gegen den von ihm ge-
hassten und verachteten Franz Delitzsch auf S. 37 gebrauchten
Ausdruck zu wiederholen) „verschandelt"; sie lautet vielmehr:
mt rmash ya navm „die Schlachtung eineB Min (d. h. das von
einem Judenchristen Geschlachtete) ist für einen Götzen (ge-
schlachtet)". Fast darf man unter solchen Umständen dem
Verf. nicht mehr so übel nehmen, dass er das griech. Xdyia
stets mit „Loggia" transskribiert. Dagegen möchten wir doch
einem jüdischen Skribenten seine mancherlei „Verschandlungen"
hebräischer Wörter bei der Transskription nicht ganz verzeihen:
Asnr, Gitin, Chnlin, Rabi, Aba usw., wofür zu schreiben ist:
Assur, Gittin usw.; in „Rabon" (S. 16) hat er dazu noch das
Kamez nach polnischer Aussprache mit o wiedergegeben (statt
Rabban). nss transskribiert er Kapher S. 15. Den allbekannten
R. Me'ir (-nxa) schreibt er meist „Meier", einmal (S. 58) „Mair".
Den Talmudtraktat nlnsa (pl. von nns») schreibt er „Minaohot"
S. 23; n-isoin spricht er aus „Tosephoth" (S. 16), "las „Nazer"
und rtrta „Thode" (S. 60); «htta „Magdalea" (S. 61); den
Namen Oip'üihB. na Bihos« spricht er aus „Aqaila ben Klonikos"
statt Ankelos bar Kalonikos. [Bei diesem Namen möchten wir
bemerken, dass der erste Venediger Talmuddruok und die
Erfurter To3efta, wenn auch nicht immer, so doch meist
o*bp:x st. oibpjix hat; dies und das griech. 'AxüTa? = Aquila
scheinen auf die Aussprache mit dem a-Vokal hinzuweisen.]
Wir beschliessen die Raritäten, die sich Verf. in der Vokali-
sation hebräischer Wörter geleistet hat, mit der barbarischen
Transskription des Titels der bekannten polemischen Schrift
riMa« pwn: „Ohusak Emuna" S. 69. Aus dieser Schrift hat er
auch kritiklos die Orthographie „Matthias" statt „Matthäus"
herübergenommen (der Verf. von Chissuk Emuna schreibt
sonderbarerweise baraa, wofür aber der Uebera. David Deutsch
richtig schreibt: „Matthäus"), unbekümmert um das Neue Testa-
ment und unbekümmert um den Talmud Sanhedrin 43a, wo
der Jünger Jesu "*ra erwähnt ist.

Wird ein im Vokalisieren die Sprachgesetze so wenig be-
achtender Schreiber mit den hebr. Texten sorgfältiger ver-
fahren? Von der böse „verschandelten" Chullin-Stelle haben
wir schon gesprochen. Sie ist nioht die einzige. S. 15 lässt
er in dem Zitat Nedar. 22 b eigenmächtig das Wörtleiii «h
nach «bah« weg, offenbar in der Annahme, dass ja xbab«
schon an sich die Bedeutung „wenn nicht" hat; er weiss also
nicht, dass dies nur dann der Fall ist, wenn kein Verbum
darauf folgt, wie z. B. Aboth 3, 2 ft„"yta «bah« „wenn nicht
wäre die Furcht vor ihr (der Regierung), würde einer den anderen
lebendig verschlingen"; sobald aber ein Verbum folgt, bedeutet
«bah« bloBS „wenn" und ab «bab« „wenn nicht", z. B. Keth. 3ib:
«absb wb» nyyjsi h«is>a fystrb WMM «höh« „wenn sie ihn ge-
geisselt hätten, den Chananja, Misehael und Asarja, würden sie
das Bild angebetet haben"; dagegen «b xbab« an unserer von
Hrn. Hammer verderbten Nedarim-Stelle: „wenn nicht gesündigt
hätten die Israeliten, so usw." ixon «h xbabx. Auf derselben
S. 15 begegnet uns in dem Zitat Berach. 47 b die Unform -nrna
(es soll das der aram. Inf. Peal sein) st. inja; das ebenda sich
findende w:i st. yvtsri wird blosser Druckfehler sein. Auf
derselben Seite und so überall schreibt Verf. die allgewöhnliche
Abbreviatur *D1 unrichtig: fsi S. 18 im Zitat jSchek. I ändert
Verf. das yya willkürlich in ysa. —- S. 58 im Zitat Ab. sara 6 a
zeigt Verf., dass er bloss die ZenBurlückensammlung o"on Wirren
„Paraligomena (lies: Paralipomena) zum Talmud" kennt, nicht
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