Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Liturgen Gebrauch macht, ohne ein solcher zu sein? Die Be-
denken, die gegen die vorgelesenen Gebete bestehen, sind ge-
. wiss nicht gegenstandslos, aber sie sind nicht darin begründet,
dass vorgelesen wird, sondern wie vorgelesen wird. Da muss
eingesetzt werden, in der liturgischen Vorbildung der jungen
Theologen.

Noch nachdrücklicher muss der Unterzeichnete für die Fest-
legung der Lektion eintreten. Wenn die preussische Agende
S. 32 als Lesestück nur die „Epistel" kennt, so ist das natür-
lich ein grosser Fehler. Aber nicht minder gross wäre der
Fehler, wenn man es dem Prediger uneingeschränkt überlassen
wollte, das Lesestück auszuwählen. Hier hat die protestantische
Kirche wirklich ein Versäumnis gutzumachen, das bis in ihre
Anfangszeit hinaufreicht. Wir brauchen ein Lektionar, das in
einem Turnus von etwa zwei Jahren regelmässig im sog. Haupt-
gottesdienst zur Verlesung kommt, und das sich dadurch in
unseren Gemeinden einbürgert, soweit überhaupt von Ein-
bürgerung die Bede sein kann. Das Lektionar muss die für
die Gemeinde wichtigsten Abschnitte der Bibel enthalten. Bei
der kritischen Stellung, welche auch ein Teil der im Kirchen-
amt stehenden Theologen zu den neutestamentlichen Fest-
gesnhichten, zu dem, was man paulinische Theologie nennt,
einnimmt, dürfte der Teil der Besucher der Gottesdienste, der
an dem in den bisherigen Agenden vertretenen Kirchen glauben
festhält, doch manchmal im freien Gebete und bei der selbst-
gewählten Lektion des modernen Theologen nicht finden, was
ihm gebührt.

Dies der Hauptgrund, der für die Festlegung der Lektionen
spricht, und dieser dürfte durch den Gedanken, dass jeder
Gottesdienst eine einheitliche Generalidee (S. 36) haben soll,
nicht entkräftet werden, da der Verf. ja selbst S. 32 damit
einverstanden ist, dass die Lektion dem Texte merkbar korre-
spondiert, es sei im Sinne der Uebereinstimmung oder der Er-
gänzung oder auch des Gegensatzes. Ueber die dritte brennende
Frage der Liturgie: Beibehaltung des Apostolikums wollen wir
hinweggehen, da der Verf. S. 32 f. selber mit der Tatsache
rechnet, dass es dabei vorderhand sein Verbleiben haben wird.
Das Apostolikum im Gottesdienste ist natürlich eine res media;
dieses Bekenntnis könnte auch fehlen, aber es kommt darauf
an, aus welchen Gründen seine Beseitigung gewünscht wird.

Noch viele andere Punkte werden in dem Buche erörtert
oder gestreift, die mit noch weit mehr Recht als res mediae
angesehen werden dttrferi, und zwar als solche, die ganz ruhig
geändert werden können. Dazn gehört z. B. die Elevatio, als
deren Freund sich D. Smend S. 47 bekennt, die Spendeformel
beim Abendmahl, an deren Stelle nach seiner Meinung S. 49
Worte Jesu, der Apostel, der Propheten, der Psalmisten treten
sollen. Aber man sollte doch auch bedenken, dass die Elevatio
in dem gleichen Wittenberg, wo man sie zuerst nicht abtun
wollte, nachher doch abgetan werden musste, und dass unter
den vielen Sprüchen, mit denen man die Sakramentsspendung
begleiten kann, der Spruch, mit dem der Herr selbst die erste
Kommunion gespendet hat, auch für den heutigen Empfänger
das beste Begleitwort ist, wenn er am Altar steht. Zu anderen
Punkten kann der Unterzeichnete eine bejahende Erklärung
abgeben. Vor allem ist er einverstanden mit der Unzulässig-
keit der Nachkonsekration S. 47, er hat gegen die Beseitigung
der Salutatio S. 30 nichts einzuwenden, wennschon er sich zu-
traut, ihre Beibehaltung liturgisch zu konstruieren, ebenfalls
nichts gegen die Beseitigung der Kollekte. Er weiss recht gut,
dass die evangelische GottesdienstordnuDg ein Notwerk war, und

dasB sie nicht einmal allgemein geworden ist. Er hält sie
durchaus nicht für unabänderlich, er kennt auch ihren Fehler,
infolge dessen sie sich nicht eingebürgert hat: sie ist nicht ein-
fach genug, nicht übersichtlich, sie erklärt sich nicht selbst, der
Religionslehrer muss immer nachhelfen. Darum nehmen wir
kritische Ausstellungen und Anregungen gewiss nicht leicht,
sondern prüfen sie, wie es hier mit einigen Punkten geschehen
ist. Auf das Weitere einzugehen, ist hier unmöglich. Der
Unterzeichnete müsste soviele Aufsätze schreiben, als das Buch
Seiten hat. Er schliesst mit dem Wunsche, dass die in dem
Buche gegebenen Kritiken, Anregungen und Vorschläge seitens
der Geistlichen eingehende Erwägung und unparteiische Prüfung
erfahren. Möge es eine solche Würdigung finden!

D. Walter Caspari-Erlangen.

Köster, Arnold (Pastor in Hamburg-Borgfelde), Luthers
Glaube in seiner Erklärung des 2. Artikels auch für den
Konfirmanden-Unterricht. (Bausteine f. d. Religionsunterricht,
II. Reihe, 3. Heft.) Göttingen 1913, Vandenhoeck& Ruprecht
(46 S. 8). 50 Pf.
Ders., Quellenstüoke zu Luthers Glauben in seiner Er-
klärung des 2. Artikels. (Quellenhefte f. d. Religionsunterricht.
1. Heft.) Ebd. (56 S. 8). 40 Pf.
Von der auch von mir vertretenen Ansicht ausgehend, dass
in Luthers Kleinem Katechismus jedes Hauptstück, im Symbolum
jeder Artikel den ganzen Glauben Luthers enthalte, kommt der
Verf. dieser für unterrichtliche Zwecke verfassten Schriften zu
dem Schluss, es sei nicht richtig, die Hauptstücke nacheinander
in einem Jahrgang zu behandeln, das müsse zu unnützen Wieder-
holungen führen. Es genüge Behandlung eines Hauptstücks und
hier wieder eines Artikels. Die Absicht ist, hier eine neue
Weise der Katechismusbehandlung zu empfehlen. Diese Schriften,
von denen die zweite in Verbindung mit der ersten ihre Ver-
wendung finden soll, sind in der Sammlung „Bausteine für den
Religionsunterricht" bzw. „Quellenhefte für den Religionsunter-
richt" erschienen, die von Krohn und Peters herausgegeben
werden. Die Verff. wollen sich auf die psychologisch orientierte
Religionswissenschaft stützen, „sachlich" die Religion betrachten,
sie so schildern, wie sie in Menschen und Gemeinschaften Ge-
stalt gewonnen hat, und dazu sie in den scharf gezeichneten
Hintergrund ihrer zeitlichen und örtlichen Bedingtheit stellen.
Mit anderen Worten, sie wollen ein historisches Verständnis zu
vermitteln suchen.

Ob das eine Aufgabe ist, die im Unterricht der Volksschule
und im Konfirmandenunterricht nur einigermassen genügend
gelöst werden kann? Ich muss das bestimmt verneinen. Mag
im vorliegenden Fall der Versuch, den Katechismus in seinem
wichtigsten Bestandteile, dem zweiten Artikel, aus Luthers Lebens-
erfahrungen zu erläutern, an Bich ein interessanter sein, und ein
mit dem hier in reicher Fülle gebotenen Stoff vertrauter Schüler
nun um so leichter ein richtiges Verständnis des ganzen Kate-
chismus gewinnen können, so muss ich doch sagen, selbst wenn
ich es einmal für möglich ansehen wollte, dass der Stoff mit
gutem Erfolg auf der Oberstufe der Volksschule durcharbeitet
wäre, der Katechismusunterricht selbst wäre doch keineswegs
etwas Unnötiges geworden. Ich würde es geradezu als eine
Gefährdung des Katechismusunterrichts bezeichnen müssen, wenn
die hier empfohlene Methode an die Stelle einer gründlichen
Behandlung der einzelnen Katechismusstücke treten sollte.
In sachlicher Beziehung habe ich zu beanstanden, was hier
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