Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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ziehen. Dass man ei eh trotzdem nicht befriedigt fühlt, liegt
nicht bloss an dem gelegentlichen Widerspruch gegen alle
dogmatische Bindung an überlieferte Formen, sondern in der
Grundtendenz des Lebensprozesses selbst. Wir müssen uns mit
einer Andeutung begnügen, die der Leistung des Philosophen
keinen Abbruch tut und die Schwierigkeit der altprotestantischen
Position nicht verkennt. Enoken lässt den Menschen von unten
her nehmen, was ihm von oben her gegeben sein muss. Wenn
er den Uobergang vom Wollen zum Vollbringen macht, schreibt
er der Menschenkraft ein Kennen und Können zu, das nur die
Gottesgnade vermittelt. So gewiss der kategorische Imperativ,
dass ein Neues werden müsse, in der Wirklichkeit des Menschen
liegt, wie wir sie alle vertreten, so gewiss liegt der kategorische
Indikativ dazu nur in der Wahrheit des Menschen, die Jesus
allein vertritt. Das veranlasst uns, jeder anthropozentrischen
Lebensanschauung gegenüber bei unserer christozentrischen mit
ihren Konsequenzen zu verharren. So gehen wir im Suchen
bo ziemlich mit Eucken, während uns das Finden fast völlig
von ihm trennt. Darum liest man in kirchlichen Kreisen seine
Bücher immer wieder mit der aus Freude und Schmerz ge-
mischten Stimmung von Mark. 12, 34.

Lic. Lauerer-Grossgründlaoh (Bayern).

Smend, D. Julius (o. Prof. d. Theol. zu Strassburg i. E.),
Neue Beiträge zur Reform unserer Agenden, ins-
besondere der deutschen. (Studien zur praktischen
Theologie. 6. Bd., Heft 3.) Giessen 1913, Töpelmann
(104 S. gr. 8). 3. 40.
Die Leser des Literaturblattes, die verschiedenen Landes-
kirchen angehören und verschiedene Agenden gebrauchen,
werden damit einverstanden sein, dass der Unterzeichnete bei
der Anzeige vorliegenden Buches sich auf das bezieht, was der
Verf. über das Agendenwesen im allgemeinen ragt. „Zur
Reform unserer Agenden", sagt der Verf. Ueber das Prinzip,
auf welches die Reform begründet und nach welchem Bie ge-
staltet werden soll, spricht er sich nicht in ausführlicher Dar-
legung aus. Doch sagt er S. 2: Gottesdienst ist gemeinsames
Gebet; nichts sonst und dies eine ganz und gar. Aber er gibt
S. 3 dem Gebete eine erweiterte Deutung: Das Gebet ist Zwie-
sprache, reden und hören. Damit ermöglicht er sich, die Kon-
sequenzen nicht zu ziehen und Predigt und Lektion aus dem
Gottesdienst auszusohliossen und dem Sakrament nur mit einem
Sakramentsbegriff seine Stelle zu lassen, den die Lutheraner
nicht gelten lassen dürfen. Indem der Verf. den Begriff: Zwie-
gespräch dahin betont, dass dazu auch die Rede des Predigers
gehört, aus der man die Stimme Gottes heraushören kann, be-
hält die Predigt also in dem Gottesdienst ihre Stelle, obwohl
der Gottesdienst nur Gebet ist und nichts anderes. Wir haben
es also bei dieser Begriffsbestimmung mit einer Fassung des
Wortes Gebet zu tun, die wir durchschnittlich nicht haben,
weil wir das Mit Gott reden in der Regel als ein Zu Gott
reden verstehen. Für das vom Verf. S. 21 f. beanstandete
Wort: Hauptgottesdienst wollen wir nicht energisch ins
Zeug gehen, aber das Wort ist auch nicht schlechter als
andere Wörter, mit denen man denjonigen Gottesdienst be-
zeichnen könnte, der sich vor den anderen Gottesdiensten durch
die reichere Ausgestaltung, durch die verhältnismässig grösste
Frequenz und durch den Zeitpunkt, an dem er stattfindet,
nämlich am Sonntagvormittag, auszeichnet. Aber in die damit
im Zusammenhang stehende Polemik des Verf.s gegen die Ver-

einigung von Wortgottesdienst und Abendmahlsfeier S. 22
können wir nicht einstimmen. Es ist richtig, dass es den
Lutheranern nicht gelungen ist, diesen Haupt- oder Vollgottes-
dienst zum allgemein und regelmässig festgehaltenen kirchlichen
Brauch zu machen, und es ist sehr wohl möglich, dass eine
fehlerhafte Konstruktion diesen Misserfolg verschuldet hat Aber
der Grundgedanke war richtig, die drei Bestandteile: Gebet,
Wort, Sakrament in Einen Gottesdienst zu vereinigen. Der
Angabe des Verf.s, S. 22, dass in den ersten zwei Jahrhunderten
diese Trennung der Brauch gewesen sei, steht doch die Be-
schreibung eines richtigen Hauptgottesdienstes am Sonntag mit
Lektion, Predigt, Gebet, Sakrament in JuBt. Apologie c. 67 un-
widerleglich gegenüber. Einer möglichst erbaulichen Gestaltung
unseres Gottesdienstes ist der Unterzeichnete ebenso zugetan
wie der Verf. des Buches. Er teilt mit diesem das Verlangen,
unser Volk für den evangelischen Gottesdienst aufs neue zu
gewinnen (8. 1), er erkennt dessen Meinung an: Wer an unserem
Gottesdienste nicht teilhat, ist weder ein lebendiges, gesundes
Glied am Leibe der Gemeinde noch ein evangelischer Christ
im Vollsinne des Wortes. Aber er kann sich nicht der Hoffnung
hingeben, dass Uberhaupt eine Reform der Agenden diese
Wiedergewinnung zu bewirken vermag. Der Schaden sitzt zu
tief, als dass eine solohe Reform ihn heilen könnte. Auch
wenn eine solche Reform möglich wäre, aus der eine Agende
hervorgeht, die alle Beteiligten gleichmässig befriedigt. Das
i ist unmöglich, und deshalb möchten wir doch zu bedenken
| geben, dass selbst in dem Falle, dass die vom Verf. gewünschten
I Reformen durchgeführt wären, sie wahrscheinlich auch auf eine
Opposition oder wenigstens auf aktiv und passiv Beteiligte
stossen würden, die nicht mit ihnen einverstanden sind. Es
ist deshalb um der bunten Beschaffenheit der Einzelgemeinden
willen und namentlich in Anbetracht der Tatsache, dass die
einzelnen Gemeinden ja doch nur Teile eines grösseren Orga-
nismus sind, sehr wohl begreiflich, dass man um eine einheit-
liche Gestaltung des Gottesdienstes sich bemüht, in die sich
nicht bloss einzelne unzufriedene Teile der Gemeinde, sondern
auch die Laitor des Gottesdienstes fügen müssen, unter Um-
ständen sogar in dem Falle, dass sie es wirklich besser wissen
und mit ihror Kritik recht haben. So haben denn auch die
Gründer unseres evangelischen Gemeindelebens, denen der vom
Verf. S. 11 angerufene 7. Artikel der Augustana sicherlich aus
der Seele geschrieben war: Und ist nicht not zu wahrer Einig-
keit der christlichen Kirche, dass allenthalben gleichförmige
Zeremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden,
sicherlich sehr wohl gewusst, was sie taten, wenn sie mit den
neuen Kirchenordnungen doch eine Art von Gleichförmigkeit
der Zeremonien erstrebten. Es wäre der Ueberlegung wert,
was herauskäme, wenn an die Stelle unserer gottesdienstlichen
Ordnungen neue Einrichtungen treten sollten, die durchweg
den Wünsohen und Ansichten aller teilnehmenden Persönlich-
keiten entsprechen sollten. Nehmen wir dazu zwei Beispiele,
die der Verf. selbst bespricht. Das erste: die Gewährung
der Möglichkeit freien Gebets (S. 15) erledigt sich schnell,
da der Verf. selber von den grossen Gefahren redet, die
damit verbunden sind. Unsere Liturgen, sagt er, scheinen
eines würdigen, geisterfüllten, freien Gebetes allermeist nicht
fähig zu sein. Der Unterzeichnete zieht daraus den Sohluss:
Darum darf das Kirchengebet auch nicht ausnahmsweise frei-
gegeben werden. Wer soll denn richtig einschätzen, ob der
betreffende Liturg zu den geisterfüllten gehört, und wie wird
es denn, wenn der Betende von dem Recht des geisterfüllten
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