Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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sie zweifellos einen hervorragenden Platz ein. Gerade im Hin-
blick anf diese tüchtige Leistung wird man es aber lebhaft be-
danern müssen, dass die Berliner Akademie der Wissenschaft
sich noch immer nicht dazu entschlossen hat, die Veranstaltung
einer kritischen Gesamtausgabe der Werke Sohleiermachers in
die Hand zu nehmen. Es liegt doch ganz gewiss nicht im
Interesse der Wissenschaft, dass diejenigen, die die ungelöste
Verpflichtung einer wissenschaftlich einwandfreien Darbietung
der Werke dieses Mannes empfinden, ihre Kräfte in Arbeiten
zersplittern, denen der-einheitliche Zusammenklang fehlt und
die ausserdem im Hinblick auf den Erfolg naturgemäss mit den
gröbsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Dass die Berliner
Akademie die Verpflichtung hat, einer wissenschaftlichen Be-
arbeitung des Nachlasses Schleiermachers ihre Mitwirkung nicht
zu versagen, hat sie durch die Unterstützung der Halpernschen
Ausgabe der Dialektik Sohleiermaohers anerkannt.

Als Einzelheit bemerke ich noch, dass „das rätselhafte fran-
zösische Wort" (S. 222, 31) quitesse d'esprit, mit dem der
Herausgeber nichts anzufangen weiss, heissen muss: quintessence
d'esprit. Durch diese Korrektur, die ich einer Anregung des
Herrn Missionslehrer Georges Bachimont verdanke, wird die
fragliche Stelle völlig deutlich.

Neben der philosophischen Ethik Schleiermachers bietet
dieser zweite Band einen bisher unbekannten Aufsatz Schleier-
machers, der von Hermann Nohl in Jena in dem Berliner
Arohiv der Zeit und des Geschmacks von 1799 entdeckt worden
ist. Da38 dieser „Versuch einer Theorie des geselligen Be-
tragens" in der Tat von Schleiermacher stammt, geht nicht
bloss aus dem Stil und der Gedankenentwickelung hervor,
sondern wird auch durch die Notizen des von Dilthey ver-
öffentlichten Tagebuchs Schleiermachers erwiesen. Die in Be-
tracht kommenden Stücke des Tagebuchs sind zur Vergleichung
beigefügt, wobei allerdings nicht immer deutlich zu erkennen
ist, was von Sohleiermacher, Dilthey und dem Herausgeber
stammt (Nr. 113 und 156 Zusätze des Herausgebers in runden
Klammern, Nr. 144 Zusätze Schleiermachers in eckigen Klammern,
wahrend sonst die Zusätze Schleiermachers und Diltheys in
runden Klammern stehen). Auffallend ist, dass sich in der
ausführlichen Darstellung des geselligen Handelns im Zusammen-
hang der „Christlichen Sitte" gar keine Anklänge an die hier
vorgetragenen Gedanken finden. Stange-Göttin gen.

Bitter, Dr. Karl Bernh., Ueber den Ursprung einer
kritischen Religionsphilosophie in Kants „Kritik der
reinen Vernunft". Gütersloh 1913, C. Bertelsmann (80 S.
gr. 8). 2 Mk.

In scharfer Herausarbeitung sucht Ritter die positiven
Elemente von Kants Kritik der reinen Vernunft für die Reli-
gionsphilosophie nutzbar zu machen. Er weist nach, dass in
Kants Sinne „die Idee" (= Idee Gottes) notwendig sei, weil
sie der Inbegriff aller Realität und Einheit der Apperzeption
ist. Notwendigkeit bedeutet aber für die reine Vernunft
Realität, „weil die Vernunft in ihren Begriffen bei sich selber
ist, d. h. einen rein subjektiven Charakter hat". Damit liege
der Grund aller Realität im Subjekt, im absoluten loh. Für
die Behauptung, dass damit auch die Realität Gottes im Subjekt
gefunden werde, beruft sich Ritter auf den Satz Kants: „Wenn
der Satz, dieses oder jenes Ding existiert, ein analytischer ist,
so müsste der Gedanke, der in euch ist, das Ding selber sein."
Er wendet diese Regel einfach auf Gott an, den er als Bei-

spiel eiues solohen Dinges ansieht, und folgert dann: also ist
der Gedanke Gottes in uns Gott selbst. Das ist aber für Kant
selbst eine ganz unmögliche Folgerung. Für Kant ist ja gerade
der Satz: Gott existiert, kein analytischer, sonst wäre seine
ganze Kritik des ontologischen Beweises überflüssig. — Aber
aus der ganzen Darstellung, besonders auch aus den Aus-
führungen über den Freiheitsbegriff spricht ein schöner Idealismus.
Es sind meist Fiohtische Konsequenzen aus Kantisohen Vorder-
sätzen. In der Tat drängt ja der Zwiespalt zwischen der
theoretischen und praktischen Vernunft entweder zu einer Lösung
im Sinne des absoluten Idealismus oder etwa zur naturalistischen
Illusionstheorie Feuerbachs. Bedauerlich ist nur der anacho-
retische Charakter der neukantischen Philosophie: sie zieht sich
aus der bunten Welt der empirischen Wissenschaften in die
stillen Hütten der Begriffe zurück. Sie will auch für die Reli-
gionsphilosophie nichts aus den wundervollen Neuentdeckungen
der Religionsgeschichte lernen. Ob sich aber eine rein kritische
ReligionBphilosophie, selbst wenn sie wie bei Ritter einen
sympathischen Anlauf zur Spekulation nimmt, auf die Dauer
gegen den Ansturm des religionsgeschichtliehen Empirismus wird
behaupten können, ist sehr zweifelhaft.

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Eucken, Rudolf (Prof. in Jena), Grundlinien einer neuen
Lebensanschauung. Zweite, völlig umgearbeitete Auf-
lage. Leipzig 1913, Veit & Co. (VIII, 244 S. gr. 8).
4 Mk.

Weder in den älteren Lebensordnungen der Religion und
des kosmischen Idealismus, noch in den neueren des Natura-
lismus, Sozialismus, Subjektivismus Genüge zu finden, ist die
Lage des Menschen in der Gegenwart (S. 1—51). Wie der
Verf. diesen Zwiespalt im einzelnen darstellt, ist ebenso bekannt
wie sein Lösungsversuch in einem System der Wesensbilduug
oder des Aktivismus oder des Noetismus, d. h. der Gründung
des Menschen im Reiche selbständiger und überlegener Geistig-
keit, die ihn zunächst einen sicheren Standpunkt über der
empirischen Welt gewinnen und ihn hernach mit gesammelter
Kraft in den ursprünglichen Bereich zurückkehren läset. Die
neue Lebensanschauung in ihrer Notwendigkeit und Möglich-
keit vor der Seele des Lesers entstehen zu lassen, sie im Um-
riss darzustellen, ihre Konsequenzen für die Einzelgebiete des
Lebens anzudeuten: das bildet den Hauptteil des mit systema-
tischer Klarheit geschriebenen Buches (S. 52—180), das das
schon öfters Gesagte allenthalben mit feinsinnigen Bemerkungen
und lichtvollen Bildern schmückt. Am interessantesten ist wohl
der Streifzug, mit dem sich E'icken in mancherlei Folgerungen
und Forderungen zur Gegeuwart wendet (S. 181—238). Hin-
sichtlich der Religion wird das prinzipielle Recht warm ver-
fochten, aber auch eine völlige Neugestaltung gefordert, da wir
die jetzige Lage nicht mehr lange ertragen könnten. Ungeteilte
Zustimmung muss nicht bloss das Dringen auf Kräftigung der
Moral finden, sondern auch der pädagogische Grundsatz, dass
unsere Jugendbildung zu ihrer unermesslichen Expansion auch
eine genügende Konzentration anstreben müsse. Iu dieser zu-
gleich konservativen und fortschrittlichen Richtung kommentiert
Eucken auch die übrigen Zweige unseres Kulturlebens.

Wer auf dem Standpunkt des positiven Christentums das
Buch liest, wird der Sache viel Sympathie und der Person noch
mehr Bewunderung entgegenbringen. Der Busspredigt und dem
Lebensernst Euckens kann sich kein besinnlicher Mensch ent-
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