Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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sonders Luther und die evangelische Kirche, mit „wilder Leiden-
schaft" bekämpft hat. Wenn er von oben herab dem Grafen
Hoensbroech den Rat gibt, „Carlyles klassischen Essay über
Rankes Papstgeschichte zu lesen", so beweist er damit nur
seine eigene Unwissenheit, denn nicht Carlyle, sondern —
Macaulay hat über jenes Werk Rankes geschrieben. Wenn
v. Nostitz-Rieneck behanpten will, dass Graf v. Hoensbroech
seine „empirische Kenntnis von Kirche und Orden" durch seinen
Austritt „unwiederbringlich" verloren hat, dann dürfen wir wohl
dasselbe von jenen Ueberläufern zur römischen Kirche gelten
lassen, die alsbald in derselben ihren Befähigungsnachweis durch
Schmähung auf alles evangelische Wesen zu erbringen suchen.
Aber ihr Zeugnis wird unermüdlich gegen die evangelische
Wahrheit ins Feld geführt! Schliesslich bringt der Verf. es
noch fertig, den Kadavergehorsam gegen die Kirche zu preisen.
„Es ist", sagt er, „ein Appell an väterliches Empfinden, wenn
es heisst, ich verlasse mich auf sie wie ein Greis auf einen
stützenden Stab"! Dieser Behauptung reiht sich seltsam genug
die durch die OrdensBatzungen Lügen gestrafte Aeusserung
an: „Der vielgeschmähte Jesnitengohorsam wird über die Mit-
glieder nicht als starre Satzung verhängt, noch als hartes
Gebot"!

Graf v. Hoensbroech hatte denn auch leichte Mühe, dieses
Machwerk zu widerlegen. Er urteilt mit Recht: „Völliges Ver-
sagen im Hauptpunkte, ein sich Zurückziehen auf Nebensäch-
liches ist das allgemeine Kennzeichen der Nostitzsohen Schrift."
Er kann dem Jesuiten vorwerfen, dass er „unterschlagen" hat,
dass die Ordeussatzungen verlangen: „man muss den eigenen
Willen und das eigene Urteil ablegen, ja schlachten; man muss
ausser dem Willen auch den Verstand opfern, so dass man
nicht nur dasselbe will, sondern auch dasselbe denkt wie der
Obere; man muss billigen und gutheissen, ohne jede Unter-
suchung, was immer der Obere befohlen hat." DasB der
Jesuit v. Nostitz-Rieneck im übrigen durch allerlei Auslassungen
den Worten seines Gegners einen anderen Sinn gibt, trotzdem
aber den Schein erwecken will, als ob er sie unverkürzt und
unverstümmelt anführe, hat schon der Philosoph Paulsen sich
zu bemerken veranlasst gesehen.

Dr. Carl Fey-Wolteritz (Kreis Delitzsch).

Grabau, Richard, Das evangelisch-lutherische Prediger-
ministerium der Stadt Prankfurt a. M. Bearbeitet
und im Auftrage des evang.-luth. Predigerministeriums
herausgegeben. Frankfurt a. M.- Leipzig 1913, KeBselring
(VIII, 647 S. gr. 8). 8. 50.
Als vor einigen Jahren die Frage zur Entscheidung stand,
ob auch die Inhaber der nach Einführung der neuen Frank-
furter Kirchenverfassung begründeten Pfarrstellen berechtigt
seien, in das evangelisch-lutherische Predigerministerium als
Mitglieder einzutreten, hatte es der Verf. des vorliegenden
Werkes, Geh. Justizrat Grabau, Landgerichtsdirektor und Vor-
sitzender der Bezirkssynode und der evangelisch-lutherischen
Stadtsynode zu Frankfurt, übernommen, ein juristisches Gut-
achten über die Frage zu erstatten. Bei dieser Arbeit wurde
er auf das reiche und ausserordentlich interessante Material auf-
merksam, welches in den Archiven der Stadt und ihres Prediger-
ministeriums der Erschliessung harrte. Durch die Sichtung,
Bearbeitung und Zusammenstellung desselben hat er sich ein
hervorragendes Verdienst erworben. Nicht nur die Geschichte
der ehrwürdigen Institution von ihren Anfängen in den Jahren

1535 bis 1543 bis zur Einführung der Verfassung im Jahre
1899, der Wirkungskreis derselben hinsichtlich der kirchlichen
Gesetzgebung und Verwaltung, der Reinhaltung der Lehre, der
kirchlichen Strafgewalt, der pfarramtlichen und seelsorgerlichen
Praxis, sondern auch die allgemeinen kulturhistorischen Ver-
hältnisse werden dem Leser aufs deutlichste vermittelt. Die
Gestalten bedeutender Geistlicher, insbesondere der Senioren des
Ministeriums, eines Spener, Aroularius, Frobenius, Hufnagel u. a.,
erfahren eine aktenmässige Beleuchtung. Dass der Verf. den
reichen Stoff, nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet, in
Form eines streng sachlichen Berichts durch auszugsweise oder
vollständige Mitteilung der Urkunden unter Beibehaltung des
ursprünglichen Stils und der Rechtschreibung darbietet, macht
das Buch zwar nicht zu einer leichten, aber desto wertvolleren
und lehrreicheren Lektüre und zu einer getreuen Quelle für
die Kenntnis der Vorgänge und Zustände. Ein vollständiges
Verzeichnis der 235 Mitglieder des Predigerministeriums bis zur
Gegenwart, eine Anzahl von Porträts hervorragender Senioren
und mehrere reizvolle Abbildungen von früheren Baulichkeiten
bilden wertvolle Beigaben zu dem vortrefflichen Werke.

H. Palmer-Frankfurt a. M.

Sehleiermacher, Fr. D. E., Ausgewählte Werke in vier
Bänden. Zweiter Band: Entwürfe zu einem System der
Sittenlehre nach den Handschriften Schleiermachers neu
herausgegeben und eingeleitet von Otto Braun. Leipzig
1913, Felix Meiner (XXX, 703 S. gr. 8). 12.50.
Der erste, dritte und vierte Band dieser ausgewählten Werke
Schleiermaohers sind von mir in dieser Zeitschrift (XXXII, 25;
XXXIV, 3) besprochen worden. Als letzter erscheint dieser
zweite Band, aber nicht wie die anderen im Verlag von Fritz
Eckardt, sondern als Band 137 der Philosophischen Bibliothek.
Nach den beigefügten Anzeigen des Verlegers scheint damit die
ganze Ausgabe in den neuen Verlag übergegangen zu sein.
Die Philosophische Bibliothek bekommt auf diese Weise zwei
Ausgaben von Schleiermaohers Ethik, da als Band 85 bereits
eine Ausgabe von Schiele (vgl. die Besprechung von Heinzel-
mann in dieser Zeitschrift XXXII, 26) existiert. Das späte
Erscheinen dieses zweiten Bandes erklärt sich daraus, dass wir
es bei dieser Ausgabe mit ei; er kritischen Neubearbeitung des
gesamten Handschriftenmaterials Schleiermachers zu tun haben.
Dadurch gewinnt dieser Band einen ganz erheblichen Vorzug
vor den übrigen Bänden dieser Sammlung. Aber auch gegen-
über den bisher vorhandenen Ausgaben der philosophischen
Ethik Schleiermachers von Schweizer und Twesten stellt diese
Ausgabe einen wesentlichen Fortschritt dar. Sie zeichnet sich
vor jenen nicht bloss durch grössere Vollständigkeit und Ge-
nauigkeit aus, sondern auch dadurch, dass sie die einzelnen
Manuskripte Schleiermachers der Reihe nach und im voll-
ständigen Zusammenhang darbietet. Dies Verfahren hat zur
Folge, dass nicht bloss das richtige Verständnis der einzelnen
Ausführungen Schleiermachers gesichert wird, sondern dass auch
ein Einblick in das allmähliche Werden und Reifen seiner Ge-
danken ermöglicht wird. Ausserdem hat der Herausgeber auch
— wie mir scheint, mit gutem Erfolg — rieh bemüht, die zeit-
liche Ansetzung der einzelnen Manuskripte neu zu bestimmen.
So wird man diese Ausgabe als eine sehr wertvolle Bereicherung
der Schleiermacher-Forschung bezeichnen müssen. Unter den
mancherlei Arbeiten des letzten Jahrzehnts, die sich um die
Sicherung des geistigen Ertrags Schleiermachers bemühen, nimmt
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