Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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obachtung an Köm. 6, 1 ff. einige allgemeinere Wünsche an die
Hand. Kühl erkennt grundsätzlich das Recht der psycho-
logisierenden Exegese an (vgl. S. 336). Er übt sie ja selbst
in seiner Weise. Nur auf ihren Bahnen kann man zu innerem
Verständnis des Glaubenszeugnisses kommen. Gewiss hat die
Methode der psychologischen „Reproduktion" um so grössere
Gefahren in sich, je tiefer und verwickelter die Ausführungen
sind. Kühl hat in seiner philologisch-exegetischen Besonnenheit
einen sicheren Schutz. Vielleicht darf man fragen, ob das
psychologische Moment nicht noch mehr zu seiner Geltung
kommen dürfte. Das dürfte vermutlich auch der Erörterung
der Rechtfertigungslehre zugute kommen. Man wird Kühl
gewiss zustimmen, wenn er sich ebensowenig durch Jülichers
„Vermischung von Rechtfertigung und Heiligung" wie durch
Reitzensteins hermetischen Sprachgebrauch an dem „forensischen"
Sinn des Begriffes irre machen läsBt. Indes der Zusammen-
hang der Rechtfertigungstatsaohe mit dem allgemeinen Gnaden-
walten Gottes oder, psychologisch, des Rechtfertigungsbewusst-
seins mit dem Heilsleben ist nun doch ein Problem, das durch
einfache „dualistische" Abgrenzung (religiös ethisch) und Addition
(vgl. Weiss usw.) schwerlich schon gelöst ist. — Andere werden
mit Wünschen und Bedenken vielleicht anderswo einsetzen.
Aber auch dann wird wohl offenbar werden, dass Kühls Buch,
auch wo es Fragen und Widerspruch wachruft, in die Arbeit
hineinzieht. Noch einmal: dieser Kommentar verdient als
Lehr- wie als Forschungsbuch den warmen Dank der
theologischen Welt in ihren verschiedenen Schichten.

Weber-Bonn.

Soziale Ethik im Judentum. Zur fünften Hauptversamm-
lung in Hamburg 1913 herausgegeben vom Verband der
deutschen Juden. Frankfurt a. M. 1913, J. Kauffmann
(VIII, 134 S.).

In einem hübsch ausgestatteten Buche werden neun Ab-
handlungen von hervorragenden deutsch-jüdischen Gelehrten
über folgende Themata geboten: die Schöpfung des Mit-
menschen; Staat und Gesellschaft; Recht und Rechtspflege;
Mildtätigkeit; die Frau im Judentum; Erziehung und Schule;
Volksbildung; der Sabbat; das Gottesreich. Man sieht auf den
ersten Blick, dass das Buch des Anziehenden und Wichtigen
genug anbietet, und die Lektüre des Buches wird in dieser
Erwartung keineswegs täuschen. Man mag jeden beliebigen
Aufsatz aufschlagen, überall wird man finden, dass der be-
treffende Gegenstand mit Geschick angefasst, mit Eleganz ge-
staltet und mit wohltuender Wärme vorgetragen wird. Sehr
gut und schön wird so z. B. über die Bedeutung des Sabbats
gesprochen. Ich kann mir wirklich nicht versagen, einige Sätze
daraus anzuführen: „Ohne den Sabbat würde die Schöpfungs-
geschichte der Genesis eine nur genetische Bedeutung haben. ...
Erst der Tag der Ruhe verklärt und erleuchtet die Welt durch
die hohe, alles Naturhafte und Mythische überflügelnde An-
schauung, dass nicht Notwendigkeit, von Notwendigkeit ge-
trieben, die Welt im Innersten zusammenhält, wie nicht Not-
wendigkeit sie schuf und formte. ... Der Sabbat als der letzte
Schöpfungstag, der den Weltenmeister als rahend und feiernd
darstellt, verleiht der Schöpfungsgeschichte den Wert des Reli-
giösen. Denn dort, wo die Notwendigkeit aufhört, die dunkle
und blinde Herrin des Alls zu sein, dort, wo das Freie und
Unbedingte beginnt, dort eben beginnt die Religion" (S. 112).
Aehnliche bedeutungsvolle und schöne Sätze findet man in

reicher Zahl durch das ganze Buch hindurch, und wenn schon
dieser Umstand zum Lesen desselben anlocken muss, so doch
auch das Streben nach vergleichender Forschung, die den
Wahrheitssucher unserer Tage so sehr adelt. Auch sind den
Ausführungen am Ende des Buches eingehende Angaben über
die Quellen beigefügt worden, aus denen mancher geschicht-
liche Beweis geschöpft ist. Also auch die schöne Liebhaberei
für historische Gelehrsamkeit findet in dem Buche ihre Rechnung.

Ed. König-Bonn.

Buchwald, Georg, Doktor Martin Luther. Ein Lebens-
bild für das deutsche Haus. 2., verm. u. verb. Aufl. Leipzig
und Berlin 1914, B. G. Teubner (X, 516 S. gr. 8). Geb.
8 Mk.

Die neue Auflage von Buchwalds Luther erscheint in
reicherer Ausstattung — 16 Tafeln sind beigegeben (in dem
mir vorliegenden Exemplar fehlt Nr. 2, hoffentlich ist das kein
durchgehender Fehler!) und 120 Abbildungen im Text. Auch
Druck und Einband sind erfreulich gestaltet. — Der Text ist
nur dort verändert, wo neuere Forschungen es nötig machten.
Die sorgfältige Beachtung derselben ist ja ein Vorzug, der
den Buchwaldschen Luther weit über die übliche „Literatur
fürs Haus" hinaushebt. Dieses „deutsche Haus" ist vom Verf.
ausdrücklich als Lesepublikum gewünscht. Dem entspricht es,
wenn hier und da an dem Granitfelsen Luther durch Uebergehen
manches geglättet wird, wobei sich das Dämonisch-Geniale
seiner Erscheinung („dämonisch" in dem antiken Sinn) etwas
mildert. Trotzdem will es mir scheinen, als ob sich doch nicht
das ganze Buch zum „Vorlesen im Familienkreise" eigne, wie
es der Verf. anstrebt — der Gelehrte kann sich nicht völlig
verleugnen. Natürlich bietet sich immer noch viel auch hierfür
Geeignetes; ioh hebe nur die schönen Partien über das Wart-
burgjahr, über Luthers häusliche Verhältnisse und Beine letzten
Lebensjahre hervor. — Sehr oft kommt Luther selbst zu Worte
(merkwürdigerweise immer in der Orthographie der ersten Auf-
lage dieses Buches, vgl. die Schreibweise „th" u. a. m.), und
das ist nur dankbar zu begrüssen. — Alles in allem: es ist
dem Verf. gelungen, im gebildeten Leser auf zuverlässigem
Grunde ein lebhaftes Gefühl von der hohen Herrlichkeit des
Gegenstandes zu erwecken, und dafür werden ihm wieder viele
von Herzen dankbar sein. Hans Preuss-Leipzig.

von Nostitz-Rieneck, Robert, S. J., Graf Paul von Hoens-
broechs Flucht aus Kirche und Orden: was er ver-
liess und was er verlor. 4., unveränderte Auflage. Kempten
und München 1913, Jos. Kösel (X, 158 S. gr. 8). 2 Mk.
Graf von Hoensbroech, Paul, Des Jesuiten von Nostitz-
Bieneok Schrift: „Graf Hoensbroechs Flucht aus
Kirche und Orden." Leipzig 1913, Breitkopf & Härtel
(35 S. kl. 8). 50 Pf.
Wohl die meisten Leser werden die Schrift des Jesuiten
v. Nostitz-Rieneck gegen seinen früheren Ordensgenossen ent-
täuscht aus der Hand legen, da sie gar nichts neues bringt
Anstatt seines Gegners grosses Werk „14 Jahre Jesuit" zu
widerlegen, erschöpft sich der Verf. in Lobgesängen auf die
„Welterlöserkirche" und die sog. „Gesellschaft Jesu". Wenn er
dem Grafen Hoensbroech „den traurigen Losbruch wilder
Leidenschaft, der sich selbst richtet", vorhält, so hat er ganz
vergessen, dass sein Orden von jeher Andersdenkende, be-
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