Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Die erste Ausgabe gab die Erzählung nach aramäischer,
syrischer, arabischer, armenischer, äthiopischer, alttürkischer,
griechischer und slawischer Version. Neu hinzugekommen ist
eine wichtige Variante aus Papyrusfragmenten von Elephantine
aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert. Es ist nun erwiesen,
dass die Erzählung nicht zu 1001 Nacht gehört. Die Zu-
gehörigkeit der Erzählung in Tobit 14 (vgl. 2, 10 und 11, 17),
wo Aman seinen Pflegevater Achiachar (cod. Sin. 11, 17:
Ay/rxdp) „vom Lichte zur Finsternis" bringen will, dafür aber
selbst „in die Finsternis" gestossen worden sei, bleibt unsicher.
Deutsche Uebersetzungen der merkwürdigen Legende findet
man bei Lidzbarski, „Geschichten und Lieder aus den neu-
aramäischen Handschriften der Kgl. Bibliothek zu Berlin", S. 1 ff.,
und nach dem slawischen Text bei Jagic, „Der weise Akyrios"
in der „Byzantinischen Zeitschrift" I, 1892, S. 107 ff.

Alfred Jeremias-Leipzig.

Haefeli, Dr. Leo (Pfarrhelfer in Zurzach, Schweiz), Samaria
und Poräa bei Flavius Josephus. (Biblische Studien,
XVIII. Bd., 5. Heft.) Freiburg 1913, Herder (X, 120 S.
gr. 8). 3. 50.

Die Schriften des Josephus enthalten viele wertvolle geo-
graphische und topographische Notizen, die zusammenzustellen
und mit der heutigen Geographie und Topographie zu ver-
gleichen lohnt. In der Zeitschrift des Deutschen Palästina-
vereins ist in den letzten Jahren das Material für Galiläa und
für Judäa gesammelt worden: für Galiläa von W. Oehler (1905,
S.l—26, 49—74), für Judäa von Erwin Nestle (1911, S. 65
bis 118). Haefeli will nun als Ergänzung hierzu alles, was
sich bei Josephus Uber Samaria und Peräa findet, zusammen-
stellen. Freilich ist dabei die Ausbeute sehr viel geringer als
bei den beiden anderen Landschaften. In Judäa war Josephus
zu Hause, in Galiläa war er als Leiter des grossen Juden-
aufstandes tätig. Für diese beiden Landschaften macht er des-
halb oft und mit grosser Sicherheit seine Angaben. Dagegen
sagt er über Samaria und Peräa sehr viel weniger und be-
gnügt sich vor allem hier viel mehr mit allgemeinen, vagen
Angaben. Ausserdem ist auch eine gewisse — für den Theo-
logen höchst lehrreiche — Antipathie des Juden Josephus
gegen die Xoo&aiot, wie er die Samaritaner nennt, in Rechnung
zu stellen, die sich z. B. in völliger Schweigsamkeit über ihre
Religiosität äussert, aber natürlich auch dem, was er über sie
zu sagen weiss, eine deutliche Färbung gibt. — Haefeli ist
sich dieser Schranken seines Themas bewusst und führt inner-
halb der gesteckten Grenzen das Material, soviel ich sehe, voll-
ständig an. Er spricht für beide Gebiete zuerst über Be-
wohner, Grenzen Klima, Fruchtbarkeit, Strassen (das über die
samaritanisohen Strassen Gesagte S. 29 — 35 ist besonders
instruktiv!) und danach über Dörfer und Städte. Natürlich
ergibt sich auch manches für die Topographie der Bibel. Die
Gieichsetzung von It-vain, Ant. XX, 6,1 (r»)u.a Bell. jud. II 12, 3)
mit Atvwv Joh. 3, 23 würde ich mit noch viel mehr Misstrauen
ansehen als Haefeli (S. 39). Beachtenswert ist, wegen des eöet
Joh. 4, 4, die Bemerkung der Vita (52), wer schnell von
Galiläa nach Judäa reisen wolle, müsse (icavxo)? eost) den Weg
durch Samarien nehmen. Lic. Gerhard Kittel-Kiel.

Kühl, D. Dr. E. (Prof. d. Theol. in Göttingen), Der Brief
des Paulus an die Börner. Leipzig 1913, Quelle &
Meyer (VIII, 511 S.). Geb. 14 Mk.

Der vorliegende Kommentar sollte ursprünglich dem von
Prof. Bess herausgegebenen Kommontarwerk eingereiht werden.
Aber trotz erheblicher Kürzungen am ersten Entwurf, denen
z. B. die Auseinandersetzung mit der einschlägigen ausländischen
Literatur, vor allem mit Sanday und Headlam, zum Opfer ge-
fallen ist, blieb das Manuskript zu umfangreich. So erscheint
der Kommentar selbständig, und man wird sich dessen nur
freuen können. Eine kürzere Bearbeitung kann daneben ihre
volle Aufgabe im Rahmen jenes Gesamtwerkes behalten. Wenn
es durchaus zu wünschen und zu fordern bleibt, dass unsere
Studenten neben den Handkommentaren auch einzelne grössere
exegetische Werke durcharbeiten, um sich als Exegeten zu
bilden, so empfiehlt sich eine Bearbeitung des Römerbriefes
dazu gewiss in besonderem Masse. Zumal wenn man einen
so hervorragenden exegetischen Didaktiker wie Kühl zum
Führer hat!

Den ausgezeichneten Didaktiker beweist unseres Erachtens
schon die äussere Anlage des Kommentars. Kühl hat sein
Hauptaugenmerk zunächst darauf gerichtet, den Aufriss und
die leitenden Grundgedanken der grösseren Zusammenhänge
herauszuarbeiten; den Text zerlegt er in möglichst kleine Sinn-
abschnitte, bei denen er wiederum der eigentlichen Auslegung
den Gedankengang in Form einer erläuternden Umschreibung
des Textes voranstellt.* Als Beispiel diene der Eingang. Zuerst
zeichnet der Verf. kurz Aufriss und leitende Grundgedanken
des „theoretischen" Teiles des Römerbriefes in seinen drei
Teilen: Kap. 1—5: Heil und Heilsgewissheit unter religiösem
Gesichtspunkt: Rechtfertigung, d. i. Freisprechung von der
Sünde der Vergangenheit und Errettung allein durch göttliche
Gnade und durch Glauben; Kap. 6—8: die sittliche Seite: des
neuen christlichen Lebens Wurzel, Kraft und Norm nicht Gesetz
und gesetzliche, d. i. verdienstliehe Leistungen, sondern der gott-
geschenkte Heilige Geist in der Lebensgemeinschaft mit Christus;
Kap. 9 — 11: die Heilsverheissungen an Israel nur erfüllt unter
vollkommener Wahrung des religiösen Grundsatzes von der
Alleinwirksamkeit der göttlichen Gnade zum Heil. Für den
ersten Teil wird dann wieder eine Uebersicht des Inhaltes ge-
geben; dann werden die hier, im Rahmen einer einfachen Ge-
samtdisposition (1,1—17 Einleitung, 1,18—3,20; 3,21—5,10),
im Zusammenhang aufgezeigten Einzelabschnitte (1, 1—7 Gruss-
überschrift, 8—15 Briefeingang, 16 f. Thema usw.), zum Teil
mit noch weiterer Gliederung (z.B. 1, 19—2 i: 19 f., 21—23,
24—32), in der oben angegebenen Zweiteilung in Paraphrase
und Emzelerklärung durchgearbeitet. Die (verhältnismässig kurz
gefassten) Einleitungsfragen sind erst am Schluss zusammen-
fassend behandelt, nach dem Grundsatz, dass die Aussagen des
Briefes zunächst für sich sprechen müssen und die Auslegung
den Leser für die Resultate zu gewinnen hat. Isagogische,
biblisch-theologische und religionsgeschichtliche Fragen, auf die
die einzelnen Abschnitte führten, sind in 26 Exkursen von ca.
1 bis 11 Seiten Umfang behandelt.

Indes alle Gewandtheit in der äusseren Anlage ergibt noch
keinen befriedigenden Kommentar, wenn das Schema nicht ge-
handhabt wird von einem Meister der Exegese. Das Schema
hat als solches ja auch immer seine Nachteile, je klarer es
durchgeführt ist. Hier steht aber wirklich ein Meister dahinter,
darum kann es seine Vorzüge entfalten. Die Kühische Exegese
ist gleichmässig ausgezeichnet durch philologische Solidität, durch

* Vgl. Cnsu Köhls bekannte Paraphrase der pauliiiischen Briefe
(1907). Ihr folgt die Umschreibung im wesentlichen von Kap. 12 ab,
während Bie für den ersten Hauptteil r.eu gearbeitet ist.
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