Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Jatho, Carl, Zur Freiheit seid ihr berufen! Die sechzehn
Saalpredigten. Mit Porträt. Erstes bis drittes Tausend.
Jena 1913, Eugen Diederichs (242 S. gr. 8). 3. 50.
Diese Reden, denen die letzte Kanzelpredigt des verewigten
Verf.s und sein Sohlusswort vor dem Spruchkollegium beigegeben
ist, wollen als Predigten angesehen sein. Dass sie nicht von
der Kanzel gehalten sind, gilt dem Herausgeber gewiss mit
Recht als belangloser Szenenwechsel. Jathos theologische Stellung
ist bekannt, sie tritt auch hier überall klar hervor. Objektive
Wahrheitserkenntnis gibt es für ihn nicht. Er will ein ewig
Suchender sein. Nur so glaubt er mit der Wirklichkeit des
Lebens in Einklang bleiben zu können. Nun mttsste aber doch
wohl, wo soviel von Wahrheits- und Wirklichkeitssinn geredet
wird, angenommen werden dürfen, dass sich der Prediger der
Erkenntnis nicht verschliessen werde, seine pantheistische Mystik,
die er nicht müde wird, in immer neuen Wendungen als Evan-
gelium anzupreisen, sei nicht das echte Evangelium, und wie
die von ihm so hart und entschieden bekämpfte Auffassung des
Christentums denn doch ein ungleich grösseres Recht habe, sich
auf die Autorität seines Stifters zu berufen als er. Ich glaube
ferner auch darin ein gänzliches Versagen der von Jatho so
emphatisch in Anspruch genommenen Fähigkeit, die empirische
Wirklichkeit des Weltgeschehens religiös zu verstehen und aus-
zudeuten, erblicken zu müssen, dass er meint, der natürliche
Lauf der Dinge stimme an sich schon religiös und führe, recht
verstanden, zum persönlichen Erleben Gottes. Das widerspricht
aller Erfahrung, wenngleich ein auf anderem Wege zustande
gekommenes religiöses Erleben sich auch irgendwie vom Welt-
geschehen wird beeinflussen lassen und sich bemühen wird, es
zu verstehen. Jatho kann bei seiner Auffassung des Christen-
tums dem Ueberlieferten eigentlich nur formale Gesichtspunkte
entnehmen. Der Inhalt selbst wird prinzipiell als etwas Gleich-
gültiges behandelt. Er ist das Feste, das Harte, das, was darum
alle Gemeinschaftsbildung unmöglich machen soll, wieder ein
Satz, der an der Hand der Geschichte beurteilt, die einfachsten
Wahrheiten und die festesten Tatsachen verkennt. Das Strömende,
Wachsende, Werdende, weil es sich gegenseitig verstehen und
„verschlingen" könne, solle erst die Möglichkeit der Gemein-
schaftsbildung in sich tragen. Was ist das für ein seltsamer
Satz: „In Christo gibt es weder Christen, noch Juden, noch
Heiden, nicht Katholiken, nicht Protestanten, nicht Moham-
medaner, nicht Buddhisten, nichts derartiges; denn in Christo
gilt nur der Mensch, die neue Kreatur, wie Paulus sagt." Da
muss man denn doch in der Tat sich wundern, wie das ein
christlicher Theologe, ein evangelischer Prediger sagen kann,
und wird es kaum verstehen können, wie gegen solche Aeusse-
rungen nicht lauter Protest aus seinem Zuhörerkreise erfolgt ist.

Dass Jathos Theologie an allerstärksten Unklarheiten leidet,
und dass er deshalb durchaus nicht die Fähigkeit besessen
haben kann, reformierend zu wirken, zeigen auch diese nach-
gelassenen Predigten ganz unwidersprechlich. Ich vermag daher,
so sehr ich gerade dem theologischen Gegner gern gerecht werden
möchte, den Wert dieser Sammlung seiner letzten Predigten
nicht so hoch einschätzen, als dies der Herausgeber tut. Jatho
ist weder eine „freie" noch eine „starke" Persönlichkeit ge-
wesen. Er steht im Banne einer Weltanschauung, die er weder
philosophisch noch theologisch bis in ihre Konsequenzen durch-
dacht hat, und die ihm für sein Erkennen viel engere Schranken
gesetzt hat, als diejenigen waren, die er durchbrochen zu haben
meint. Aug. Hardeland-Uslar.

Zurhellen, Else (Pfleiderer), u. Lic. Otto Zurhellen, Wie er-
zählen wir den Kindern die biblischen Geschichten?
Eltern und Lehrern zur Hilfe. III., durchgesehene Auflage.
(Lebensfragen, herausgegeben von Prof. H. Weinel, 15.)
Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (P. Siebeck) (VIII, 369 S.
gr. 8). Geb. 4. 50.
Gift ist um so gefährlicher, je verhüllter es geboten wird.
Dies gilt meines Erachtens in vollem Masse von diesem von
der ersten bis zur letzten Seite interessanten für Eltern und
Lehrer geschriebenen Hilfsbuch. Dasselbe zeugt von warmer
Liebe zu den Kindern, zum Teil auch von einem feinen Ver-
ständnis für die Kindesseele und deren eigenartige Bedürfnisse.
Es stellt Forderungen auf, die kaum irgendwo auf Widerspruch
stossen werden. Wer unterschreibt nicht Sätze wie: „Erzählen
an sich genügt nicht, es kommt sehr darauf an, was und wie
erzählt wird" (S. 59), oder: „Ein Religionsunterricht, der nicht
mit Freude erteilt wird, kann auch keine Freude wecken und
wird bei den meisten Kindern .... das Interesse an religiösen
Dingen zerstören, oft genug für das ganze weitere Leben"
(S. 112). Aensserst beachtenswert ist z. B. auch, was über die
leider immer noch übliche „Vivisektion" der biblischen Ge-
schichten, über die Sucht, aus allen Geschichten eine bestimmte
Lehre abzuleiten usw., gesagt wird.

Allein die Methode, nach welcher E. und 0. Zurhellen die
biblische Geschichte behandelt wissen wollen, ist ganz einseitig
von den sog. Resultaten der modernen liberalen Theologie be-
stimmt. Die Berechtigung zu den „Christkindserzählungen" von
recht zweifelhaftem Werte wird daraus abgeleitet, „dass schon
die Kindheitsgeschichten des ersten und dritten Evangeliums
Legenden sind, d. h. Dichtungen der Gemeinde". Die Wunder,
welche auf der unteren Stufe als solche den Kindern mitzu-
teilen sind, werden auf der oberen Stufe in das Bereich der
Sage verwiesen. Die Behandlung der Erweckung des Jünglings
von Nain (S. 156 ff.) sowie der Erscheinungen des Auferstandenen
(S. 356 f f.) ist geradezu typisch fttr den liberalen biblischen Geschichts-
unterricht der Gegenwart. In Wirklichkeit betreibt dieser eine zwar
nicht gewollte, aber tatsächliche, geradezu raffinierte Geschichts-
fälschung, welche für die jungen Seelen verhängnisvoll werden
muss, weil sie — konsequent, wie die Jugend denkt — bald
in der Bibel überhaupt nur noch ein Märchen- und Legenden
buoh von dem einem solchen zukommenden Werte erblicken
werden.

Eine Verständigung über Wesen und Wert der biblischen
Geschichte scheint mir ausgeschlossen. Allein das muss ich
aussprechen: Ich bedauere die armen Kinder von Herzen,
welchen zwar mehr oder weniger sinnige Christkindserzählungen
sowie künstlerisch durchgeführte Schilderungen aus dem Leben
Jesu geboten werden, die ihren Heiland aber nicht als Gottes
und Marien Sohn, um unserer Sünde willen dahingegeben und
um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt, kennen lernen.
Nach ihm und nicht nach einem noch so künstlerisch gezeich-
neten Phantasiegebilde verlangt auch heute noch — wenn auch
vielfach unbewusst — die Seele unserer Jugend.

Dr. Amelung-Dresden.

Kurze Anzeigen.

Bornhausen, Lic. C. (Privatdozent der Theologie in Marburg), Bas
Studium der Religion, Theologie und Kirchen Nordamerikas in
Beutschland. (Heft 1 der Theologischen Amerika-Bibliothek.)
Giessen 1913, A. Töpelmann (44 S. gr. 8). 1 Mk.

Berselhe, Religion in Amerika. Beiträge zu ihrem Verständnis. Ebd.
1914 (VIII, 107 S. gr. 8). 2. 50.
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