Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Reichtum der Welt- und Menschenkenntnis des grossen Philo-
sophen entstehen. So hat es auch in der Folgezeit sich immer
wieder Freunde erworben, wie die wiederholten Auflagen be-
weisen. In der vorliegenden Ausgabe des verdienstvollen Kant-
forschers ist der Text der zweiten Auflage von 1800 abgedruckt
unter Berücksichtigung des auf der Rostocker Universitäts-
bibliothek befindlichen Manuskriptes. Eine kurze Einleitung
orientiert über die Entstehung des Werkes, seine Aufnahme bei
den Zeitgenossen und seine Bedeutung und bietet die erforder-
lichen Angaben zur Textphilologie. Besonders wertvoll ist das
zweite der beiden angehängten Register.

Stange-Göttingen.

Geyer, Dr. Christian (Hauptprediger in Nürnberg), Theologie
des ältesten Glaubens. Ein Wegweiser für die kirch-
liche Gegenwart. Ulm 1913, H. Kerler (VI, 106 S. 8).
1 Mk.

Seinen Titel hat das Büchlein von seinem letzten Kapitel,
wo ein in die apostolische Zeit zurückgehender Vorläufer des
Apostolikums aufgestellt und mit diesem „ältesten Glauben"
die Theologie des modernen Liberalismus identifiziert wird.
Jene Rekonstruktion ist zum mindesten unvollständig: wo bleibt
das Gericht, wo der Geist, wo die Vergebung der Sünden?
Und diese Identifikation ist sowohl in religiöser wie in theo-
logischer Hinsicht mehr als kühn. Im übrigen bringt die Schrift
eine Auseinandersetzung über den Gegensatz der theologischen
Richtungen in der bayerischen Landeskirche. Sie geht von der
Annahme aus, dass dieser Gegensatz sich ganz um das Dogma
von der Inspiration drehe, und presst alles, was an der Gegen-
wart beobachtet, gerügt und empfohlen wird, in dieses Schema,
nicht ohne dass die Grenzen erlaubter Polemik manchmal er-
heblich überschritten werden. Als religionspsychologisches
Dokument ist das Büchlein interessant. In seinen dogmatischen
Behauptungen und tatsächlichen Mitteilungen muss es aber mit
wachsamer Kritik gelesen werden, und das um so mehr, je
mehr es durch die Lebhaftigkeit der Auseinandersetzung und
die Sicherheit des Tones besticht. Baohmann-Erlangen.

Bard, D. P. (Geh. Oberkirchenrat a. D. zu Schwerin), Die
feste Burg unseres Christenglaubens. Zur Orientierung
und Stärkung angefochtener Christen gewürdigt. Schwerin
i. Mecklbg. 1913, Fr. Bahn (103 S. gr. 8). 1. 50.
Die vorliegende Schrift ist eine völlige Umarbeitung einer
von dem Verf. 1888 herausgegebenen Glaubenslehre, die da-
mals wesentlich als Grundlage des Religionsunterrichts in höheren
Gymnasialklassen dienen sollte. Dieser letztere Zweck soll auch
jetzt nicht in Fortfall kommen, aber zugleich will das Buch
„einem erweiterten Leserkreise in Erkenntnis und Aneignung
unseres von allen Seiten umstttrmten, dennoch unerschütterten
und unerschütterlichen Christenglaubens einige Förderung ver-
mitteln".

Infolgedessen wird neben der positiven, aus Schrift und
Bekenntnis geschöpften Darlegung der christlichen Wahrheit
auf deren apologetische Verteidigung nicht geringes Gewicht
gelegt. Diese kommt naturgemäss besonders bei den einleitenden
Fragen nach der Wahrheit der christlichen Religion und der
Heiligen Schrift zur Auswirkung. Bard hält sich von einer
Unterschätzung wie Ueberschätzung apologetischer Ausführungen
gleich frei, wenn er nach der Verwendung stichhaltiger historisch-

kritischer und rationaler Argumentationen fortfährt: „Zweifellose
Gewissheit der Normalität und Wahrheit des Christentums kann
erst das Ergebnis persönlicher Erlebung der Heilskraft des
Evangeliums sein" (8. 16).

Die christliche Glaubenslehre wird in die vier Abschnitte:
die Lehre von Gott, vom Menschen, von der Erlösung, von der
Vollendung eingeteilt. Klar im Ausdruck und bestimmt im In-
halt wird die biblisch-lutherische Lehre aber stets unter dem
Gesichtspunkte der Heils Wahrheit dargeboten. Jede Koketterie
mit dem Modernismus fehlt, aber ebensowenig macht sich eine
künstliche Repristinationstendenz geltend. Der Dogmatiker von
Fach wird naturgemäss noch mehr Fragen aufzuwerfen haben
und einige Antworten anders formulieren wollen, als es in der
Bardschen Schrift geschieht. Aber wenn man sich ihres Zwecks
erinnert, wird man gerade auch von dieser Umgestaltung in
der zweiten Auflage dasselbe sagen können, was D. Luthardt
(Allg. Ev.-Luth. Kirchenztg. 1890, Nr. 32) in bezug auf die
erste Auflage urteilte, dass sie „dem Ideal nahe" komme.

R. H. Grützmacher-Erlangen.

Merkel, Dr. Franz Rudolf, Der Naturphilosoph Gotthilf
Heinrich Schubert und die deutsche Romantik.
München 1913, C. H. Beck (VII, 151 S. gr. 8). 3. 50.
Zur Aufhellung einer der interessantesten Epochen der neueren
Geistesgesehichte, des romantischen Zeitalters, finden wir in
diesem Lebensbild wertvolle Beiträge geliefert Schubert, 1780
bis 1860, war zuerst ein begeisterter Anhänger der Schellingschen
Naturphilosophie, deren phantastische Konstruktionen er wohl
noch etwas ins Sentimentale umbildete; später geriet er (im
Anschluss an Franz Baader u. a.) in einen mystischen Pietismus
und religiösen Irrationalismus, welcher vor allem auch in seiner
Neigung für die „okkulten" Phänomene des Seelenlebens zu-
tage trat. In vorliegender Studie behandelt der Verf. nur die
erste naturphilosophische Periode (bis 1816), für deren äussere
und innere Geschichte er (besonders auf Grund der mitgeteilten,
bisher ungedruckten Briefe) mancherlei Neues bringt. Hoffent-
lich aber läset des Verf.s Bemerkung, dass gerade die zweite
mystische Periode der „religionspsychologischen Forschung" ein
besonders interessantes Material biete, darauf schliessen, dass
wir eine Fortsetzung und Vollendung seiner Schubertbiographie
von ihm zu erwarten haben. Das Buch ist mit gründlicher
Sachkenntnis in frischem und anregendem Ton von wesentlich
biographischen und literarhistorischen Gesichtspunkten aus ge-
schrieben; die persönlichen Beziehungen Schuberts zu den
romantischen Zeitgenossen treten klar zutage. In der An-
häufung von Anmerkungen ist des Guten zuweilen wohl etwas zu-
viel getan. Im Interesse der systematischen Philosophie (in deren
engeren Bereich Schubert freilich kaum mehr gehört) würde
man vielleicht eine tiefer eingehende kritische Analyse des
Schubertsohen Weltbildes im Verhältnis zur Philosophie und
Wissenschaft seiner Zeit erwartet haben.

Wilhelm Metzger-Leipzig.

Wir zeugen von dem lebendigen Gottl Predigten religiös-
sozialer Pfarrer der Schweiz. Herausgegeben von J. Engster.
Jena 1912, Eugen Diederichs (VII, 328 S. gr. 8).
Der Typus der spezifisch so benannten „sozialen" Predigt
ist in Deutschland gegen die Zeit vor etwa 25 Jahren stark
zurüokgetreten. Man hat erkannt, dasB, wenn die Predigt ihrem
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