Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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der ausserordentlichen Menschen (James) wie die der Durch-
schnittsmenschen (Flournoy) untersuchen usw. — Der kürzere
Abschnitt über die Bedeutung der Religionspsychologie für die
Dogmatik wird mit einer Erörterung über den Begriff der
Dogmatik eingeleitet. Der Verf. führt den richtigen Nachweis,
dass die Dogmatik jeder Richtung normative Massstäbe auf-
stelle. Und hieraus folgert er dann einen fundamentalen Unter-
schied zwischen Dogmatik und Religionspsychologie, weil diese
es nur mit dem Tatsächlichen, jene mit dem Geltenden zu tun
habe. Ist hiermit der methodische Unterschied richtig bestimmt,
was meines Erachtens der Fall ist, dann erscheint Fabers weiteres
Urteil etwas optimistisch, wenn er dennoch von der Religions-
psyohologie wertvolle Beiträge für die „Wahrheitsbegründung"
erhofft, die dooh nur Sache einer systematischen Disziplin sein
kann. In der Unterscheidung zwischen Religionspsychologie
und Dogmatik scheinen mir aber noch zwei andere Punkte
von ausschlaggebender Bedeutung zu sein. Einmal nämlich,
dass der Religionspsychologie durch den Immanenzgedanken
Grenzen gezogen sind, die der Dogmatiker überschreiten
darf und muss. Sodann hat die Dogmatik zwar mit der
Religionspsychologie einen gemeinsamen Gegenstand, sofern
die Religion eine individuelle Grösse ist, sie berührt sich
aber auch mit der Religionsphilosophie darin, dass ihr
die Religion auch eine geschichtliche Grösse ist. An den Be-
griffen ,ChristuB' oder ,Kirche' z. B. hat die Dogmatik ein I
psychologisches (nämlich subjektives), ein geschichtstheoretisches
und ein metaphysisches Interesse, die Religionspsychologie da-
gegen nur das erste; selbstverständlich ist Faber im Recht,
wenn er dann das psychologische Interesse der Dogmatik von
dem der Religionspsychologie scharf trennt. Aber die Differenz
liegt wie gesagt nicht lediglich in der Alternative: normativ
oder empirisch, sondern auch darin, dass der Gegenstand beider
Wissenschaften anders begrenzt und bestimmt wird. Die
Dogmatik behandelt die Religion des einzelnen ähnlich wie die
Religionsphilosophie nur als Teilerscheinung eines grossen ge-
schichtlichen Zusammenhangs; die Religionspsychologie dagegen
löst, soweit sie wenigstens mit Faber gegen Wundt den indivi-
dualistischen Charakter der Religion betont, den einzelnen aus
den geschichtlichen Zusammenhängen heraus. — Unter der im
ganzen reichhaltigen Literatur vermisse ich besonders Girgensohn,
Die Religion, ihre psychischen Formen etc. 1904. — Fabers Arbeit
ist von der evangelisch theologischen Fakultät -in Tübingen
preisgekrönt. Der ausserordentliche Fleiss und das ehrliche
systematische Wollen auf religionspsychologischem Gebiet ver-
dienen in der Tat hohe Anerkennung.

Lio. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Schwarz, Dr. H. (Prof. an der Universität Greifswald), Der
Gottesgedanke in der Geschiohte der Philosophie.
1. Teil. Von Heraklit bis Jakob Böhme. (Synthesis. Samm-
lung historischer Monographien philosophischer Begriffe 4.)
Heidelberg 1913, Carl Winter (VIII, 612 S. gr. 8). 5.80.
Der Inhalt obigen Buches zerfällt in drei Kapitel, die nach-
einander in geschichtlicher Folge den Gottesgedanken in der
griechischen Philosophie, im christlichen Mittelalter und endlich
im Beginn der neueren Philosophie zur Darstellung bringen.
Es ist zweifellos ein ebenso glücklicher wie verdienstvoller Ge-
danke des Verf.8, in einer Zeit neu anhebenden Interesses
religionsphilofophischer Forschungen der Mitwelt die unentbehr-
lichen Grundlagen der Geschichte für diesen Zweck in Er-

innerung zu rufen. Dabei handelt es sich nicht nur um einen
Auszug aus der Geschichte der Philosophie, wie ihn jeder
andere auch hätte geben können, sondern vielmehr um eine
auf gründlichen Quellenstudien wie auf originalen geschichts-
philosophischen Auffassungen ruhende Darstellung, die den
Leser andauernd fesselt. Das wird gleich im ersten Kapitel
deutlich, besonders in der Entwickelung des platonischen Gottes-
begriffes. Hier verwendet der Verf. ihm originale, darum auch
sehr moderne Gesichtspunkte, die auf den Gegenstand ein neues
Licht werfen. Es handelt sich nämlich im Grunde bei Plato
nach dem Verf. um eine axiologische Vorstellung, um „Gott-
werte". Für besonders wertvoll im zweiten Kapitel halte ich
die Ausführungen über Augustin und mehr noch über die
Mystik, die sehr ausführlich ausfallen. Ueber 50 Seiten werden
der „Vergeistigungsmystik" des Meister Eckehart gewidmet.
Weniger befriedigt hier den protestantischen Theologen der Ab-
schnitt, der es mit Luthers Gottesbegriff zu tun hat, wie der
Schluss des ersten Kapitels, der das „Gotteeerlebnis" Jesu und
der ersten Jüngergemeinde erörtert. Doch ist es hier mehr die
Kürze als die Qualität der Ausführung selbst, die unbefriedigt
lässt. Es würde aber auch zu sehr mitten in die Theologie
selbst hineingeführt haben, wenn auch diese Partien zu an-
nähernd allseitiger Darstellung kommen sollten. Im dritten
Kapitel sind es vornehmlich drei Denker, deren Gottesanschauung
geschildert wird: Nikolaus Kues, Giordano Bruno und Jakob
Böhme, der letzte wieder sehr ausführlich. Auf Einzelheiten der
Kritik sich bei einem so umfangreichen historischen Referat ein-
zulassen, würde hier der Raum fehlen. Was aber die das
Ganze beherrschenden Gesichtspunkte und die Darstellung selbst
betrifft, so wird man sich einem ungestörten Genuss in der
Lektüre hingeben können. Denn es ist wirklich ein historisches
und kein dogmatisches Werk, das vor uns liegt und den Verf.
im Besitz moderner psychologischer Analysen wie erkenntnis-
theoretisch begründeter Kriterien erweist Vielleicht, um nur
eins hervorzuheben, hätte Thomas ein wenig eingehender, zumal
im Zusammenhang mit Aristoteles behandelt werden können; so
werden ihm nur 10 Seiten zuteil. Möchte es dem Verf. ge-
lingen, uns bald die Fortsetzung des Werkes vorzulegen. Wir
können ihm als Theologen für seine Gabe nur dankbar sein.

Dunkmann- Greifswald.

Kant, Immanuel, Anthropologie in pragmatischer Hin-
sicht. 5. Aufl. Herausgegeben, eingeleitet und mit Personen-
und Sachregister versehen von Karl Vorländer. (Der Philo-
sophischen Bibliothek Band 44.) Leipzig 1912, Felix Meiner
(XXII, 328 S. gr. 8). 3. 80.
Die Anthropologie Kants hat für das Verständnis seines
philosophischen Systems nicht annähernd die gleiche Bedeutung
wie die grossen Werke des Königsberger Philosophen. Es
handelt sich in ihr überhaupt nicht um die grossen Grund-
probleme der Philosophie, auch nicht um das, was man im
modernen Sinn als Anthropologie zu bezeichnen pflegt, sondern
um eine systematisch geordnete Darstellung der praktischen
Menschenkunde. Die Vorlesungen Kants, aus denen dies letztere
von ihm selbst herausgegebene Werk hervorgegangen ist, er-
freuten sich einer besonderen Beliebtheit. Das ist auch durchaus
begreiflich. Der Gegenstand gestattete naturgemäss eine leichtere
Darstollungsart, so dass diese Ausführungen auch solchen ver-
ständlich wurden, denen die grossen Werke verschlossen waren.
Dazu lässt dies Werk einen lebendigen Eindruck von dem
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