Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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der jetzigen Schriftsprache". Die Weimarer Ausgabe der Werke
Luthers gibt hierzu manche, nicht unwichtige Vervollständigung.
Ich bringe hierfür nur einige Beispiele zur Ergänzung jenes
Verzeichnisses.

Sich aufbrechen (25, 448, 17) = sich aufmachen, sich
erheben (auch bei Dietz). — Anschnurren (15, 646; 17 I,
29, 16) = anfahren (nicht bei Dietz). — All gebot (33, 73, 25)
= fortwährend, immer (auch bei Dietz). — Sich ausdrehen
(6, 316, 10, u. ö. auch bei Dietz). — ableokern (7, 403, 25;
auch bei Dietz). — anpfuen (18, 79, 27; 33, 36, 13; dazu
S. 676; nicht bei Dietz). — auswestern (Tischr. 4, 496;
Dietz). — betaffen (29, 529, 29; nicht bei Dietz). — be-
pfeif en (33, 421, 14; nicht bei Dietz). — beremen (15,121, 4;
nicht bei Dietz; — besudeln). — benaschen (15, 562,24;
nicht bei Dietz). — Bierbeutel (30, 80,12; nicht bei Dietz). —
Dreckpatz (34 I, 84, 36; nicht bei Dietz). — Dresch (14,
61, 5; nicht bei Dietz; = Brachlaad). — Eingeschneitel
(33, 220, 20; Dietz). — Finzefenzel (14, 432, 16; nicht bei
Dietz). — sich flicken (sehr häufig; Dietz). — Fratzen
(häufig; Dietz). — Doch genug damit! Vielleicht wird uns
entgegengehalten, dass diese Worte zumeist Nachschriften
von Luthers Predigten entstammen, also nicht in die „Schrift-
sprache" Luthers gehören. Aber Franke benutzt reichlich
selbst solche Nachschriften, z. B. Luthers Predigten über Joh.
14—16; Matth. 5—7 u. a.

Zu den S. 19 angeführten Fremdwörtern ist z. B. noch zu
fügen: expresse (341,434,21) und Exlex (16,142,13:
Gott sey gar Exlex, wie man sagt. — Auch in den Tischreden
3, 177). Angeführt wird Datum (im Briefe; 2 Makk. 1, 10).
Dabei musste aber auch das bei Luther sehr häufige Datum -
Vertrauen (vgl. Dietz) mit erwähnt werden.

Falsch ist die Erklärung von „Lunge" (S. 31) in der
Redensart: „mit Lungen hinauswerfen". Franke vermutet eine
Verwechslung mit „Klunge" = Knäuel. Schon die Braun-
schweiger Volksausgabe (4, 482) weist darauf hin, dass Lunge:
Rossbollen, Pferdeäpfel bedeutet (Vgl. Zeitschr. f. deutsche
Philol. 24, 37 f.) Es ist wohl vornehmlich an Kuhdünger
zu denken. Weitere Stellen sind angeführt zu Weim. Ausg.
36, 212, 10 f. — Fraglich ist, ob in der Redensart „spielen
tragen" das mhd. Spellen zu suchen ist (vgl. die Auseinander-
setzungen W. A. 23, 313.)

Die Weimarer Ausgabe bringt germanistisch so viel Neues,
dass nach ihrer Vollendung die Bearbeitung vor allem eines
Wörterbuches der Sprache Luthers erwartet werden darf. Es
kann nicht an ihr vorübergegangen werden. Wir würden dem
Verf. doppelt dankbar sein, wenn er bei einer neuen Auflage
Beines Werkes die Weimarer Ausgabe seiner Arbeit in ihrem
ganzen Umfange nutzbar machen wollte.

G. Buchwald-Leipzig.

Antiultramontanes Handbuoh in Verbindung mit Fach-
gelehrten herausgegeben von einem deutschen Politiker.
Berlin 1913, bäemann-Verlag (IV, 735 S. gr. 8). 10 Mk.
Von diesem Buche kann man wirklich sagen, dass es eine
Lücke ausfüllt und einem Bedürfnis entspricht. Ein Glanz-
stück ist der geradezu erschöpfende Artikel „Jesuitenorden"
(S. 174—241), in welchem alle strittigen Punkte behandelt und
alle zugunsten der „Gesellschaft Jobu" gemachten Einwände
beleuchtet sind. Ebenso ausführlich sind die Artikel über die
Borromaeus- und die Canisiusenzyklika (8. 51 — 66, 70—73).

Wie die Ultramontanen über Duldung Andersdenkender sich
aussprechen, besonders wenn sie unter sich sind, zeigen die
Artikel „Gemeinsame christliche Weltanschauung" (8. 671—674),
„Konfessioneller Friede" (S. 332—34), „Syllabus" (8. 641—644)
und „Friedhofskandale" (S. 147—151). Bisohof Benzler wird
ebenso gebührend gewürdigt wie Denifle (S. 31—34, 99 f.).
Der Artikel „Konfessionelle Kriminalstatistik" (S. 336—341)
gelangt zu dem zahlenmässig belegten Ergebnis: „Die Kriminal-
statistik lässt den Katholizismus fast in allen deutschen Landes-
teilen und in den meisten Arten von Verbrechen und Ver-
gehen ungünstiger abschneiden, als sein Bevölkerungsanteil
rechtfertigt." Beachtenswert sind auch die Artikel „Papsttum
und Ultraarontanismus" und „Papst- und Priestervergötterung"
(S. 466—509). Besonders aus päpstlichen Zeugnissen wird die
„Freiheit der Katholiken in Deutschland" erwiesen (S. 142—146),
während der Artikel „Reichsreligionsgesetz" (S. 532—554) die
Ziele der Propaganda darlegt. Prinz Max von Sachsen (S. 395
bis 400) wird ebenso eingehend beleuchtet wie der Modernismus
(S. 403—429).

Vor allem aber erhalten Politiker und Zeitungsschreiber
reiche Ausbeute in den Artikeln „Armee und Zentrum" (S. 11
bis 22), „Finanz- und Kolonialpolitik" (S. 128—137, 320—328),
„Nationalgesinnung des Zentrums" (S. 433—455), „Stellung des
Ultramontanismus zur Monarchie" und zu Kaiser Wilhelm II.
(S. 429—436, 256—270), „Sozialdemokratie und Zentrum" und
„Ultramontane Sozialpolitik" (S. 599—639), „Schulideal und
Schulpolitik des Ultramontanismus" (S. 558—597). Noch sei des
ausführlichen Artikels „Christliche Gewerkschaften" (S. 73—97)
gedacht.

Dies Werk ist von einem Praktiker für die Praxis ge-
schrieben. Die übersichtlich abgefassten Artikel gewinnen noch
an Brauchbarkeit durch die am Rande beigefügten Stichworte
und durch ein ausführliches Personen- und Sachregister. Ueberall
ist das Wissenswerte beigebracht und mit Angabe der Quellen
belegt. Möchte die umsichtige Arbeit des sachkundigen Heraus-
gebers und seiner zuverlässigen Mitarbeiter die verdiente Ver-
breitung finden. Dr. Carl Fey-Wolteritz (Kreis Delitzsch).

Faber, Lic. Hermann (Stuttgart), Das Wesen der Religions-
psychologie und ihre Bedeutung für die Dogmatik.
Eine prinzipielle Untersuchung zur systematischen Theologie.
Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (XIII, 164 8. gr. 8). 5 Mk.
Mit einem gewissen Unbehagen greift man zu einer neuen
programmatischen Untersuchung zur Religionspsyohologie, deren
Probleme in den letzten Jahren wie ein Zirkuspferd herum-
gehetzt sind. Bei Faber überrascht jedoch der erste, umfang-
reichere Teil, der Geschichte und Wesen der Religionspsyoho-
logie behandelt, angenehm dadurch, dass er offensichtlich darauf
verzichtet, neues sagen zu wollen. Mit mustergültiger Klarheit
und Prägnanz referiert er über die vorhandenen Bestrebungen.
In der Bestimmung vom Wesen der Religionspsychologie be-
fleissigt er sich eines möglichst korrekten Eklektizismus. Er
behauptet gegen Wundt mit den Amerikanern den individuellen
Charakter der Religion. Er lehnt gegen die Amerikaner die
mystische, gegen Wundt die iutellektualistische Erklärung der
Religion ab, verlangt vielmehr mit H. Maier vor allem die
Herausstellung der emotionalen Elemente. Gegen Pfennigsdorf
und Mandel bestreitet er den normativen Charakter der Reli-
gionspsyohologie. Seine Vorschläge für die Methode stehen im
Zeichen des „sowohl — als auch". Man mues sowohl die Religion
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