Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Das fünfte Kapitel befasst sich mit den Johannesachriften.
Richtig wird hier meiner Meinung nach die Tatsache hervor-
gehoben, dass im Johannesevangelium die Gnosis bekämpft wird.
In dieser Erkenntnis ist wohl ein Schlüssel zum Verständnisse
des vierten Evangeliums, insbesondere auch seiner Unterschiede
von den drei ersten Evangelien, gegeben.

Die letzten Abschnitte von Boussets Werk greifen über
die Grenzen des Neuen Testaments hinaus. Zunächst wird die
Gnosis dargestellt. Ich habe den Eindruck, dass Bousset das,
was für die Gnosis bezeichnend ist, hier treffender heraushebt
als in seinem umfangreichen Werke über die Hauptprobleme
der Gnosis. Zweckmässiger wäre vielleicht, wenn von der Gnosis
schon vor Paulus" und Johannes geredet würde. Es kann ja
nicht zweifelhaft sein, dass Paulus und Johannes Irrlehrer be-
kämpfen, die mit den späteren Gnostikern wesensverwandt sind.
Auch die Christuslehre des Paulus und Johannes wird an ent-
scheidenden Stellen antignostisch dargelegt. An die Besprechung
der Gnosis schliessen sich folgende Abschnitte an: der Christus-
knlt im nHchapostolischen Zeitalter; die Ausgestaltung des
Christentums auf Grund des Christuskultus und seine ver-
schiedenen Typen; die Apologeten; Irenaus.

Trotz des Widerspruchs, den ich in wichtigen Punkten
hervorkehren musste, erkenne ich dankbar an, dass Boussets
Ausführungen wertvolle Anregungen bieten. In diesem Sinne
wünsche ich dem Verf. recht viele selbständige Leser!

Johannes Leipoldt.

Heussi, Karl (Lic. th. Dr. ph.), Kompendium der Kirchen-
geschiohte. 3., verb. u. teilweise umgearbeitete Auflage.
Tübingen 1913, Mohr (Siebeck) (XXXII, 613 S. gr. 6).
9 Mk.

Heuesis Kompendium, das „weder ein die Forschung weiter-
führendes, noch ein schönes Buch, sondern nur ein nützliches"
sein will, erfüllt diese Aufgabe vollkommen. Dafür spricht von
vornherein das Erscheinen von drei Auflagen in vier Jahren;
vor allem aber wird es jeder einsehen, der es zum Lernen
benutzt. Sein Wert liegt in der ausgezeichnet übersichtlichen
Verteilung des ungeheuren Stoffes wie in der hervorragend
klaren Gestaltung des Einzelnen. Die dritte Auflage ist eine
durchgehende Revision des Werkes, die namentlich den Partien
über die alte Kirche zugute gekommen ist. Dabei stehen sich
Erweiterungen und Kürzungen so gegenüber, dass der Umfang
des Ganzen ungefähr derselbe geblieben ist Der Verf. bemüht
sich — ein entsagungsvolles Arbeiten! — möglichst unpersönltoh-
lehrhaft die Tatsachen zu buchen, höchstens werden hier und
da am Schlüsse eines Paragraphen die „Probleme" formuliert,
die die gegenwärtige Forschung beschäftigen. Natürlich ist es
Heussi trotzdem unmöglich gewesen, seinen theologischen Stand-
punkt zu verhüllen — den liberalen. Am deutlichsten tritt dies
selbstverständlich in dem Paragraphen über Jesus hervor, aber
auch sonst, wie z. B. in der Verkennung des Grabens zwischen
neutestamentlicher und aussei kanonischer Literatur (§ 26), in
der „Schuld der Orthodoxie", der weltlichen Kultur zu wenig
entgegengekommen zu sein und dadurch die Onkirchlichkeit
befördert zu haben. Doch wird auf S. 553 von der „religiösen
Kraftlosigkeit des Liberalismus" gesprochen und S. 587 f. an-
erkannt, dass das Werk der Mission im wesentlichen von der
„Orthodoxie" betrieben werde.

Ein besonderer Vorzug dieses Kompendiums scheint mir die
durchgehende Beachtung der verschiedenen Frömmigkeitstypen

zu sein; der Verf. will mit Recht der ganzen Fülle von Leben
nachgehen, das in der christlichen Religion beschlossen ist. —
Um so verwunderlicher ist es darum, dass der christlichen Kunst
oft ein rechter Aschenbrödelplatz angewiesen ist. J. S. Bach,
der wundervollste Ausdruck lutherischer Frömmigkeit, in einem
Konzessivsatze unter dem Gesamttitel: „Die Verweltlichung der
deutschen Bildung" (§ 165) anzubringen, nein, das geht wirklich
nicht mehr! Auch Mozart ist in seiner religiösen Eigenart nicht
erkannt, die ihn nicht in die Aufklärung, sondern vielmehr
neben Franz v. Assisi und Fra Angelico stellt — Die Reihen-
folge der „vier Apostel" Dürers S. 296 ist unrichtig. Holbein
darf nicht als Künstler evangelischen Ausdrucks bezeichnet
werden (S. 319), er ist die reinste Darstellung jener „Renais-
sance des Christentums", die in Erasmus ihren Mittelpunkt hatte.
— Meunier ist kein Franzoso, sondern ein Belgier.

Noch ein paar Kleinigkeiten! S. 17. u. 25 konnte wohl die
neu aufgefundene Gallioninschrift mit benutzt werden. S. 284:
der Aberglaube der Humanisten ist nicht „merkwürdig", sondern
bei der antiken Grundlage ihres Denkens ganz naturgemäss.
S. 308. 320: „Luther hasate die Vernunft", gewiss, aber nur,
wenn sie den Glaubensinhalt definieren wollte. S. 337: Bei
Darstellung der hessischen Doppelehe fehlt der klärende Hin-
weis auf Luthers Auffassung vom „Beiohtrate". S. 416 vermisse
ich Scriver und Heinr. Müller. S. 491: Der Ausspruch: sint
ut sunt.. stammt vom Jesuitengeneral Ricci. — Endlich: Den
Gotenbisohof Wulfila wie den deutschen Mystiker Seuse sollte
man nicht mehr in einer undeutschen Umformung nennen. —
Der ritterliche Freund Luthers heisst nach Kipps Forschungen
Silvester von Schaumberg. Melanchthons deutscher Name
ist wohl Schwarzert zu schreiben; die Endung —erd ist
HumanistenfUudiein. Hans Preuss-Leipzig.

Franke, Prof. Dr. Karl, Grundzüge der Schriftsprache
Luthers in allgemeinverständlicher Darstellung. Gekrönte
Preisschrift Erster Teil: Einleitung und Lautlehre. 2. Auf-
lage. — Zweiter Teil: Wortlehre. 2. Auflage. Halle 1913.
1914, Waisenhaus (XXVIII, 273 S. u. VIII, 366 S. gr.8).
7. 60 u. 8. 40.

Ein Werk, dem die Oberlausitzer Gesellschaft der Wissen-
schaften den ausgesetzten Preis zuerkannt hat. Schon dies
spricht für seine Tüchtigkeit Ebenso die nötig gewordene
zweite Auflage. Der erste Band behandelt: „Allgemeines über
den Lautstand Luthers", „Rechtschreibung", „Die Laute Luthers
nach ihrer phonetischen Verwandtschaft", „Interpunktion". Der
zweite Band behandelt: „Wortschatz", „Wortbildung", „Wort-
biegung, Zeitformen- oder Tempusbildung und Umschreibuug der
Foimen".

Nicht nur die Germanisten, sondern auch die Theologen
sind dem Verf. grossen Dank für seine ausserordentlich mühe-
volle, recht viel Geduld erforderliche Arbeit schuldig. Sie werden
diesen Dank vor allem dadurch bekunden, dass sie auf Mängel
und Irrtümer, die bei einer Arbeit, die das ungeheure Gebiet
der Schriftstelierei Luthers umfasst, nicht ausbleiben können,
aufmerksam machen. In diesem Sinne wolle der verehrte Verf.
dem Rezensenten einige Bemerkungen gestatteu. Ich beschränke
mich — und ohne Beschränkung auf ein kleines Gebiet geht
es hier nicht ab — auf den ersten Abschnitt des zweiten Bandes,
der Luthers "Wortschatz behandelt.

Hier bringt Franke zunächst ein „Verzeichnis der deutschen
Wörter Luthers mit anderer Bildung oder Bedeutung als in
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