Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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von Exulanten unter Cyrus zurückgekehrt, als willkürlich er-
weist (S. 33).

Im ganzen also liefert der neue Kommentar viele wertvolle
Bausteine zum richtigen Aufbau der nachexilischen Geschichte
Israels. Ed. König.

Peters, Dr. Norbert (Prof. d. Theol. a. d. Theol. Fakultät zu
Paderborn), Das Buch Jesus Sirach oder Ecclesiastious,
übersetzt und erklärt. (Exeget. Handbuch zum A. T., hrsg.
v. Dr. Joh. Nikel, 25. Band.) Münster i. W. 1913, Aschen-
dorff (LXXVIII, 470 S. gr. 8). 8 Mk.
Es ist eine Freude, dies Buch anzuzeigen. Der Verf., der
schon zum vierten Male den Sirach zum Gegenstande einer
selbständigen Veröffentlichung macht, hat an dem Ausbau der
Sirachforschung durch protestantische und durch ausländische
Gelehrte regen Anteil genommen und durch sorgfältig ab-
wägendes Urteil die Auslegung des Buches von Abschnitt zu
Abschnitt gefördert. Der Kommentar ist praktisch eingeteilt
dadurch, dass zwischen Uebersetzung und Glosse eine kurze
Inhaltsangabe tritt, in der, bei schlichtem Aeusseren, viel Nach-
denken steckt. In der Glosse nimmt mit Recht die Textkritik
noch immer breiten Raum ein; eine besondere Arbeit ist dabei
dem altlateinischen Zeugen gewidmet, der bis jetzt neben dem
Originalhebräer und den morgenländischen Uebersetzungen unter-
schätzt war. Der Kommentar setzt eine inhaltliche und zu-
gleich auch formale Gliederung des Sirachbuches voraus, die
Peters in den gut und nicht breit orientierenden Prolegomena
eigens rechtfertigt. Er teilt das Buch geistreich nach der Zehn-
zahl ein und stellt damit eine beachtenswerte Hypothese auf,
die sich nun eben in der regelmässigen Erklärung des Buches
bewähren müsste. Irgendwie mögen ja Bücher, die so wie
Sirach enstanden sind (§ 5), einer übersichtlichen Zusammen-
fassung auf mehr äusserliche Weise bedurft haben. Im Zu-
sammenhang mit der „Entstehungsweise" findet sich eine sehr
geschickte und wahrscheinlich notwendige Aufklärung über den
internationalen Charakter der altorientalischen Lebensweisheit
(S. XLVI f.), zu der ich gern hinzufügen würde, dass er sich
aus einem sozial hohen Ursprung derselben erklärt, während
solche späte Zusammenfassungen wie Sirach und Ahikar die
Selbstbesinnung des nichtgriechischen Orients in der Reibung
mit dem griechischen Wesen bekunden. Peters meint den Ab-
schluss des Originalbuches zwischen 174—71 setzen zu können
(S. XXXIV) und berechnet die Einwanderung des Enkels in
Aegypten auf 132 v. Chr.; dort hat er von 117 ab die griechische
Ausgabe veranstaltet. In letzteren Datierungen wird man heute
nicht mehr gut anderer Meinung sein können; ob die erstere
nicht zu scharf zugespitzt ist? Die Polemik des Sirach, die
ihn weit mehr in Atem hält, als die abstrakten Formulierungen
seiner Lebensregeln auf den ersten Blick erkennen lassen, sucht
auch Peters durch Berücksichtigung der zeitgeschichtlichen Um-
stände und Streitfragen wieder konkreter zu fassen; in der Tat
lässt dafür die bisherige Ausführung noch viel zu wünschen
übrig; vielleicht wird man überhaupt nie so bestimmt das
Wesen der Gegner Siraohs wiedererkennen, wie man möchte,
die antihellenische Selbstbesinnung des Siraoh klammert sich
eben an das Alte Testament und verzichtet hierbei weithin auf
eigene Begriffe und Terminologie. In der Verdrängung des
Buches aus der synagogalen Oeffentlichkeit bei der Bildung des
pharisäischen Bibelkanons spricht sich ein grundsätzlicher Purismus
ans, der diese sekundäre Natur des Sirach doch ernsthaft empfunden

hat und deshalb nicht so doktrinär vorgegangen ist, wie man
sich manchmal vorstellt.

In der Uebersetzung kann man es nicht jedem recht machen,
z. B.: 17, 20 b: ihre Sünden Btehen vor dem Herrn. Die Be-
merkung § 1 ZI. 2 ist erst von S. XXVIII aus verständlich. —
Ich glaube, dass faktisch die Geschichte dem pharisäisch-alt-
protestantischen Verwerfungsurteil beigetreten ist; aber dem
Kommentar ist gleichwohl die weiteste Verbreitung zu wünschen.

Prof. Dr. Wilh. Caspari-Erlangen.

Bousset, D. theol. Wilhelm (ausserordentlicher Professor der
Theologie in Göttingen), Kyrios Christos. Geschichte
des Christusglaubens von den Anfängen des Christentums
bis Irenaeus. (Forschungen zur Religion und Literatur
des Alten und Neuen Testaments usw. Neue Folge.
4. Heft.) Göttingen 1913, Vandenhoeck & Ruprecht (XXIV,
474 S. gr. 8). 12 Mk.
Das vorliegende Werk, das Wilhelm Heitmüller und Hermann
Schuster gewidmet ist, wuchs aus einer Arbeit über den Sinn
des Wortes Kyrios im Neuen Testamente heraus. So, wie es
heute vorliegt, ist es eine Geschichte der kirchlichen ChristuB-
lehre in den ersten zwei Jahrhunderten. Der Titel „Kyrios
Christos" passt dennoch auf das Buch, auch in seiner heutigen
Gestalt: er deutet an, dass Bousset die Entwickelung der
ältesten Christuslehre vom Gottesdienste und seinen Bedürfnissen
aus verstehen will. Das ist zweifellos ein richtiger und frucht-
barer Gesichtspunkt: die Aeusserung der Frömmigkeit im Gottes-
dienste sollte in der Dogmengeschichte wohl überhaupt mehr
berücksichtigt werden. Freilich habe ich gegen die Art und
Weise, in der Bousset seine Gedanken durchführt, eine ganze
Reihe von Bedenken.

Diese erstrecken Bich zunächst auf Anfang und Ende der
Untersuchungen. Ich vermisse am Eingänge eine Darstellung
des Selbstbowusstsoins Jesu, oder besser, eine Darstellung all
dessen, was Jesus in den Augen seiner Zeitgenossen gross
machte. Für mein Gefühl liegt hier, bei rein wissenschaftlicher
Betrachtung, die Wurzel aller Citristologie. Im Zusammenhange
damit wäre es sehr lehrreich, genau festzustellen, was die alte
Kirche in ihren verschiedenen Zeitaltern und ihren hauptsäch-
lichen Vertretern von dem geschichtlichen Jesus wusste und
auf welche Stücke des Lebens Jesu sie Gewicht legte. Was
den Abschluss von Boussets Untersuchungen betrifft, so läset
er diesen bei Irenäus eintreten. Auch hier kann ich gewisse
Bedenken nicht unterdrücken. Irenäus ist für uns als Er-
kenntnisquelle sehr wichtig. Aber ob er ein grosser selbständiger
Denker war, ist zweifelhaft: sein Verhältnis zu Melito von
Sardes können wir leider nicht aufhellen. Unter diesen Um-
ständen ist es meiner Meinung nach richtiger, eine so unsichere
Grösse nicht zum Abschlüsse zu nehmen. Meines Erachtens
wären Origenes und Novatian hier geeignetere Endpunkte.

Bousset beginnt mit einem Abschnitte, der die bezeichnende
Aufschrift trägt: „Jesus der Messias-Menschensohn im Glauben
der palästinensischen Urgemeinde." In dem Worte „Mensohen-
sohn" sieht Bousset vorwiegend Theologie der Urgemeinde.
Und doch kommt dieses Wort fast nur in Worten Jesu selbst
vor! Ergänzt werden die Ausführungen über den Mensohen-
sohn in einem zweiten Abschnitte: „Das vom Standpunkt des
Glaubens an den Menschensohn gezeichnete Bild Jesu von
Nazareth." Ausser dem schon Angeführten hätte ich gegen
diese beiden Abschnitte noch eine ganze Reihe von Einwendungen.
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