Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Hillebrandt, Dr. Alfred (Professor an der Universität Breslau),
Lieder des Rgveda übersetzt. Güttingen 1913, Vanden-
hoeck & Ruprecht, u. Leipzig, J. C. Hinriohs (XII, 152 S.
gr. 8). 5 Mk.

Das Buch gehört zu den Quellen der Religionsgesohichte,
herausgegeben im Auftrage der Religionsgeschichtlichen Kom-
mission bei der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu
Göttingen. Dass die Lieder des Rgveda trotz der in dem Arbeits-
programm ausgesprochenen Absicht, eine Konkurrenz mit schon
Vorhandenem vermeiden zu wollen, in dieser Quellensaromlung
nochmals veröffentlicht werden, erklärt sich nicht nur aus der
Bedeutung, die den Rgvedaliedern zukommt, sondern auch aus
dem Bedürfnis nach einer für weitere Kreise brauchbaren Aus-
gabe. Die vollständigen Uebersetzungen der Rgvedalieder von
Wilson (englisch), von H. Grassmann und von A. Ludwig leiden
an einer zu starken Anlehnung an den erst im 14. Jahrhundert
entstandenen Kommentar des Säyana (Wilson) oder an einer
zu selbstbewussten Ignorierung der einheimischen Interpretation
(Grassmann) oder au einer zu abstossenden äusseren Form
(Ludwig). Auch stehen sie wegen ihres Alters nicht mehr auf
der Höhe der Forschung.

Auf die englische Uebersetzung ausgewählter Hymnen des
Rgveda von F. Max Müller und H. Oldenberg in den Sacred
Books of the East Vols. 32 und 46 durfte nicht Rücksicht ge-
nommen werden, da die Rgvedalieder doch zu bedeutend sind,
um auf eine deutsche Uebersetzung verzichten zu können. Die
von R. Geldner und Adolf Kaegi 1875 herausgegebenen
70 Lieder des Rgveda aber genügen nicht, um einen be-
friedigenden Einblick in den religiösen Gehalt des Rgveda zu
gewinnen. Hillebrandt gibt uns allerdings auch nur eine Aus-
wahl von den Hymnen, aber fast doppelt soviele als Geldner
und Kaegi, Dämlich 131, und zwar nach einem Prinzip, das
man nur billigen kann. In dem Vorwort spricht er sich über
das verfolgte Prinzip bei der Auswahl wie folgt aus: „Ich habe
eine Auswahl der wichtigsten Lieder gegeben — subjektiv wie
jede Auswahl ist — und diese auf die einzelnen Götter und
Stoffe ungefähr in demselben Verhältnis verteilt, in dem der
Rgveda sie berücksichtigt. Zwar Hess sich der Gesichtspunkt
der proportionalen Verteilung nicht überall durchführen, weil
die Zauberlieder und die philosophischen Stücke mit gutem
Grunde in einer grösseren Zahl vertreten sein mussten, als ihm
nach dem Mass zugekommen wäre." Wenn der Verf. dann
weiter die Hoffnung ausspricht, dass die Auswahl genügen
werde, „um dorn Religionshistoriker einen genaueren Einblick
in dieses ehrwürdigste Dokument der indogermanischen Völker-
familie zu geben", so kann man ihm die Versicherung geben,
dass es der Fall ist.

Geordnet sind die Lieder sachlich, was für den praktischen
Gebrauch sehr angenehm ist. Der damit verbundene Nachteil
wird durch ein zweites Register nach der Reihenfolge im Rgveda
selbst beseitigt. Lic. Schomerus-Leipzig.

Herrmann, P. Job., TJnpunktierte Texte aus dem Alten
Testament. Leipzig 1913, Hinrichs (32 S.). 1 Mk.
Der neue Ordinarius für das Alte Testament in Rostock
will eine Lücke in der Reihe der Hilfsmittel zur Erlernung
des Hebräischen ausfüllen, indem er eine Auswahl von Text-
stücken ohne Punktation zusammengestellt hat. Er hat auch,
wie man nach der Gediegenheit aller seiner Arbeiten Bchon er-
warten konnte, die Texte aus den Geschichtsbüchern, den

prophetischen und poetischen Büchern mit feinem Urteil aus-
gesucht und in den ersten Stücken mit pädagogischem Takte
manches zur allmählichen Einübung des Lesens unpunktierter
Texte getan. Natürlich kann infolgedessen das neue Hilfs-
mittel empfohlen werden, und ich will dem Herausgeber gern
wünschen, dass er sich in seinem Idealismus nicht zu sehr ge-
täuscht habe. Ed. König.

Batten, L. W. (Dr. phil. etc., Prof. am General Theol. Semi-
nary in New York), A critieal and exegetical Com-
mentary on the Books of Ezra and Nehemia.
Edinburgh 1913, T. & T. Clark (XV, 384 p. 8). Geb.
10 sh. 6 d.

Dass ein Teil des International Gritical Commentary alle-
mal eine wichtige Etappe in der Erklärung eines biblischen
Buches bildet, bedarf keiner Worte. Dies gilt auch von Prof.
Battens Auslegung der Bücher Esra-Nehemia. Da diese aber
entgegen der gewöhnlichen Meinung ausserordentliche Schwierig-
keiten bieten, so kann es auch kaum an manchem Dissensus
gegenüber den Urteilen des neuen Kommentars fehlen.

Zum Beispiel wie kann Batten behaupten: „Esdras (das
griechische Buch Esra] sei eine treue Uebersetzung von
Hfebraeus], aber mit Zusätzen und Abzügen und Umordnung"
(S. 6)? Mit H meint er nicht den MT. Wo aber ist dann
der H, von dem er redet? Er beruht auf einer Vorausnahme.
Batten hätte also erst beweisen sollen, dass Esdras eine ge-
naue Wiedergabe eines hebräischen Textes sei, und bei dem
Versuche dieses Beweises hätte er z. B. auch beachten sollen,
was in meiner „Einleitung ins Alte Testament" (§ 26, 8) über
die Beziehung des griechischen Alten Testaments zum hebräischen
dargelegt ist. Auf S. 9 ändert er doch auch selbst sein Urteil,
dass Esdras „a faithful translation of H" sei „in Esdras has
one Semitio text of wbich it is a free and idiomatie vevsion".
Auch in bezug auf 1 Sam. 17, 12 ff. (S. 8) neigt sich das Urteil
mit Recht jetzt wieder dem MT zu (Budde u. a.). Er muss ja
auch selbst zugeben, dass nicht nur die Geschichte von den
drei Pagen (Esd. 3, 1—5, 6) apokryphischen Charakter trägt
(S. 7), sondern dass auch die Stellung der Briefe in Esd.
2, 16—30 = Esr. 4, 7—24 falsch ist (S. 8. 160). Jedenfalls
sind die, welche diese Umstände betonen, nicht des Fetischismus
(S. 10) gegenüber dem MT anzuklagen. — Dass Batten Esr.
4, 7 a zu einem aramäiscnen Satze stempeln will (S. 160), ist
unnötig, und weil in 7b auch nach ihm wieder hebräische
Worte folgen, ist es unnatürlich. — Mit Recht schützt er
gegenüber Torreys Mythentheorie die geschichtliche Existenz
Esras (S. 18), abor er sehliosst sich denen an, die neuerdings
Esra erst nach Nehemia in Jerusalem eintreffen lassen (S. 29).
Er stützt sich wieder in erster Linie darauf, dass Esra in 9, 9
Gott dafür danke, dass „er uns gab eine Mauer in Juda und
speziell in Jerusalem". Aber er muss erstens „auslassen in Juda
oder lesen rund um Jerusalem" (S. 334), hat also das Waw
augmentativum (meine Syntax § 375d) nicht verstanden, und
zweitens hat er wieder nicht beachtet, dass hier im Texte
gador (mein WB. 56a) steht, während die Mauer Jerusalems
sonst steht in Esra-Nehemia (ca. 30mal) choma heisst. Dass
die Erwähnung der Tempelzelle Jehachaeans in Esr. 10, 6 auf
der Wahl einer späteren offiziellen Bezeichnung durch den
Erzähler beruhen kann, hat schon Bertheau-Ryssel zur Stelle
angenommen. — Vollständig kann ich ihm wieder darin bei-
stimmen, wie er die Aufstellung von Kosters, es sei kein Zug
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