Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Der Verf. gibt nicht an, aus weloher Zeit seiner 41jährigen,
erst kürzlich beendeten Arbeit im Predigtamt die einzelnen
Predigten stammen. Da er im Vorwort alle die grttsBt, die in
der Stiftskirche zu Loccum, in der St. Johannis- und in dor
Sr. Albanikirche zu Göttingen mit ihm „heilige Stundon" erlebt,
so ist anzunehmen, dass sie zum Teil schon vor längeren Jahren
gehalten sind. Die Entstehungszeit kann aber deshalb hier
ganz ausser Betracht bleiben, weil die besondere Art dieser
Predigten es mit sich bringt, dass auf jeweilige Zeitumstände
wenig, ja fast gar nicht eingegangen wird. Es hängt damit
zusammen, dass auch das applikative Moment, das hier natür-
lich nicht fehlt — wie wäre das möglich? —, doch gegen die
Darbietung und Entwickebing der Textgabe stark zurücktritt.
Laute und herbklingende Töne liebt der Prediger nicht anzu-
schlagen, wobei, wie ich annehme, ihn die Meinung geleitet
haben wird, dass das in seiner Lauterkeit dargebotene Evan-
gelium in Bich selbst Kraft genug trage, um diejenige Wirkung
zu tun, die es haben soll nach dem Willen und nach der Ver-
heissung dessen, von dem es der Gemeinde Kunde gibt. Es
ist wesentlich kontemplative Art, die diese Predigtweise charak-
terisiert. Von jeder Predigt möchte ich sagen: stillfliessendeB
Siloahwasser mit nur leiser Bewegung der Oberfläche, aber
von grosser Tiefe. Immer ist die Predigt aus dem Ganzen der
Schrift geboren, dabei streng textgemäss. Es ist Kirchenton,
in dem hier gepredigt wird. In edelster Sprache, in der sehr
oft laut und leise das Kirchenlied anklingt, nimmt die Predigt
in strenger Gedankenfolge ihren sicheren Gaug und weiss Satz
für Satz immer Gutes zu geban bis hin zum Schluss und hie
und da hier sogar noch das Beste. Dass aller audere Schmuck
der Rede verschmäht ist, halte ich für einen besonderen Vorzug
dieser Predigten.

Des verehrten Verf.s langjährige Piedigttätigkeit ist aus-
schliesslich in der hannoverschen Landeskirche ausgeübt, der
er auch durch die Geburt angehört Wie er den hier hervor-
ragenden Homileten früherer Tage persönlich nahegestanden,
so wird er auch ihrer Predigt erheblicheren Eiuflusa auf die
eigene Entwickelung als Prediger gewährt haben. Dennoch
glaube ich in diesen uns jetzt vorgelegten Predigten weder die
Art eines Petri noch die eines Mürikel, am wenigsten die eines
L. Harms wieder zu erkennen. Eher werde ich durch Bie an
Steinmeyers Predigtweise erinnert.

Bei der bewegteren Art gegenwärtiger Zeitläufte hält sich
unsere Predigt im allgemeinen nicht in dem ruhigen Ton der
hier geschilderten Art, sie ist meist viel aktueller gehalten.
Der Prediger tritt mit seiner Person mehr hervor, der Gegen-
satz wird schärfer betont, das Schwert mehr geführt als die
Kelle. Mag jeder predigen, nach dem ihm Gabe und Kraft
verliehen ist. Möge er nur die ihm verliehene Gabe in gleicher
Meisterschaft, Demut und Treue zur Anwendung bringen, wie
eB der Verfasser dieser Predigten in seiner langjährigen ge-
segneten Amtsführung getan hat. Aug. Hardeland-Uslar.

-Becker, Adolf (Volksschullehrer in Weimar), Die zukünftige
religiöse Erziehung im Auftrage des Staates. Weimar
1913, Panse (IV, 204 S. 8). 2 Mk.
Der Verf. hat sich mit dem schweren Problem der religiösen
Jugenderziehung ernstlich beschäftigt. Und auf breiter philo-
sophischer Grundlage errichtet er ein Gedankengebäude, das
durch Klarheit des Aufbaus und Folgerichtigkeit des logischen
Gefüges unfraglich Bich auszeichnet vor der Inkonsequenz der

modernen Reformer, die als Dogmengegner den Katechismus
befehden, aber für die Basis desselben, die biblische Geschichte,
eintreten. Denn das freie, unabhängige, moderne Denken des
Verf.s hat mit dem „fiktionären Absoluten", in dem z. B. auch
die Zwickauer Thesen noch gefangen bleiben, gebrochen und ihn
ausgerüstet, dem „ausschliessenden, gebundenen" (= dogmatischen)
Denken im heutigen Religionsunterricht abzusagen und den
bindenden Ansprüchen der Religionsgemeinschaft den Krieg zu
erklären. Die Leistung des kirchlichen Religionsunterrichts
ist heute wie zu allen Zeiten scholastisch, „deutsche Dichtung,
Philosophie, Geschichte, deutsche Volksweisheit in Sprichwörtern,
deutsche Gemütstiefe und Lebensfrische in Märchen und Sage
gibt es für den streng kirchlichen Religionsunterricht in höheren
Schulen ebensowenig wie eine auf gründliche Forschung auf-
gebaute Naturbetrachtung, während die traditionellen Stoffe
auch in den seichtesten Erzeugnissen festgehalten werden";
derartige Urteile über alles, was von der kirchlichen Seite
herkommt, leistet sich der Verf. eine Reihe. Aber uuser
Kulturinhalt erschöpft sich nicht mit Christentum und Bibel,
darum muss der Staat als soziale Gesellschaftsordnung die Er-
ziehung in die Hand nehmen. „Die Staatserziehung muss es
im Prinzip ablehnen, persönlichen Verkehr mit einem fiktionären
Transzendenten zu pflegen, weil die rationelle Weltbetraohtung
alles Transzendente, wenn es gleich kategorisch vom Subjekt
gefordert wird, niemals als einfache Realität, sondern als Fiktion
ansehen muss." Damit tritt dann an die Stelle einer ver-
pflichtenden „fiktionären Weltanschauung" der Geist der Frei-
heit, an die Stelle des „Priesters" der „Erzieher", und in diesem
staatlichen Unterricht kann nun „Religion" gelehrt werden so,
wie der Verf. sie versteht: als subjektive Wertung des Lebens,
ohne zugrunde liegenden objektiven Wahrheitsgehalt, als etwas ver-
nünftig Fassbares, das als Kraft „die ursprüngliche, mit dem Einzel-
dasein gegebene Ioheuergie" bedeutet, als Inhalt die Aeusserungen
dieser Energie auf allen Gebieten der Bewusstseinstätigkeit begreift.
Dass mit diesem rein subjektivistisch-psychologischen Religions-
begriff natürlich nicht nur aller christliche Religionsunterricht
beseitigt wäre, liegt auf der Hand; es bleibt darum zu wünschen,
dass der Appell des letzten Kapitels au den deutschen Lehrer-
stand zum sozialen Kulturkampf („Unser Weg zur Welt
gestaltung") ein taubes Ohr finde bei denen, die Bich bisher
in ihrer überwiegenden Mehrheit noch ständig für die Erhaltung
des christlichen Unterrichts erklärt haben. Aber sollten auch
die wissenschaftliche Aufmachung und die gewandte sprachliche
Darstellung, die Ablehnung der Kirche und die Idealisierung
des Staates ihre Wirkung nicht verfehlen, die Posaune dieses
Theoretikers bleibt dennoch nach Lage der Dinge in Staat,
Kirche und Schule — Zukunftsmusik, angestimmt von dem
Boden einer „fiktionären" Religion innerhalb der Grenzen der
Humanität. Eberhard-Greiz.

Kurze Anzeigen.

Die XVII. Christliche Studenten-Konferenz Aarau 1913 den 10. bis
12. März. Bern 1!>13, A. Franke (95 S. gr. 8). L 40.
Das Schriftchen enthält die sehr bemerkenswerte Predigt und vier
Vorträge, wie sie bei der Konferenz gehalten worden sind, von Prof. Heitr
müller über „Jesus und den Weg zu Gott", von Dr. A. Barth über
„Ethik und geltendes Recht in dtn Kämpfen um die Macht", von
Dr. Bohnenbluht über „Aesthetische Anschauung und religiöses Leben"
und von Pfr. Lic. Haller über „Jahve, Baal und wir". Heitmüller
vertritt auch hier die Anschauungen, von denen kürzlich in den Blättern
berichtet wurde. Bohnenbluht bekennt sich zwar zu einem schönen
Idealismus, kennt jedoch nur eine Art pantheistische Religion. Sehr
beherzigenswert aber erscheint der Vortrag von Barth, der einen hoch-
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