Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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lieh geschrieben haben. Ich glaube nicht, dass ihm das letztere
gelungen ist. Denn dazu gehört erstens, dass man die Dinge
interessant und sodann anschaulich zu machen versteht. Wohl
beides ist dem Verf. versagt geblieben; seine Schrift liest sich
eher wie eine Dissertation über den Imperativ. Wollte er seinen
Zweck erreichen, so hätte er es z. B. wie Fr. W. Förster
machen müssen, der in dieser Hinsicht formal wohl der genaue
Antipode Kants ist. Buchenau aber hat die Kantische Art des
Operierens beibehalten, was ihm wohl zur Vertiefung, aber
nicht zur Popularität verhilft. In ersterer Hinsicht verdient die
Arbeit daher auch Anerkennung; der transzendentale Gesichts-
punkt, auf den in der Kantischen Ethik in der Tat alles an-
kommt (S. 111), ist klar herausgearbeitet, allerdings unter viel
Wiederholungen, an denen ja aber auch Kant leidet. In vier
Kapiteln schreitet der Gedankengang vorwärts: 1. Das Problem
der reinen Vernunft; 2. Die Formulierung des Sittengesetzes;
3. Kants Lehre vom kategorischen Imperativ: a) Begriff,
b) Autonomie, c) Freiheit; 4. Der Begriff der Pflicht und das
Problem der Anwendung des Sittengesetzes.

Kant ist wohl nicht selten auch zu wenig erläutert und
andererseits zu stark in Schutz genommen. Zu beidem rechne
ich die Ausführungen über die drei Formeln des kategoriechen
Imperativs (speziell S. 61 ff.). Wie hier der rein formale und
schliesslich doch auch materiale Beweggrund des Handelns mit-
einander in Einklang gebracht werden können, bleibt offeu; die
an sich etwas unklare und durchaus die Kritik herausfordernde
Formulierung Kants bei der dritten Formel wird ohne weiteres
als selbstverständlich hingenommen. Ueberhaupt hätte dem
Schriftchen eine grössere Auseinandersetzung mit Kants Gegnern
gedient. Unter modernen Verhältnissen hätte z. B. Ostwalds
energetischer Imperativ in der Ethik sicher herangezogen werden
dürfen. Sehr interessant und einleuchtend sind die kurzen Er-
örterungen über das Gemeinsame von Kant und Schiller; hier
wird der Gegensatz gewöhnlich zu stark geschildert, weil man
nur das bekannte Distichon kennt.

Pastor Lic. Fischer-Hamburg.

Hasse, Lic. th. Karl Paul, Nikolaus von Kues. (Die Religion
der Klassiker, herausgeg. v. Pfannmüller, 2. Bd.) Berlin-
Schöneberg 1913, Protestantischer Sohriftenvertrieb G. m.
b. H. (162 S. gr. 8). 1.50.
In einer den vierten Teil des Buches umfassenden Einleitung
führt uns Hasse von den Eleaten bis Okkam in der Philosophie
und Theologie umher, um schliesslich mit dem Ausblick auf
drei Wege Bein eigentliches Thema zu beginnen, die vom Mittel-
alter zur Gegenwart führen: den Thomismus der katholischen
Theologie, den Nominalismus, der zur heutigen protestantischen
Religionswissenschaft geführt hat, und die Spekulation, die von
Scotus Erigena zu Biedermann reicht. In dieser letzten Gruppe
steht als Markstein zwischen Mittelalter und Neuzeit Nikolaus
von Kusa. Vielleicht hätte sich dies Resultat auch ohne die
ermüdende, unendlich weitschweifende Einleitung erreichen lassen.
Nach einem Ueberblick über das Leben folgt eine Anthologie
aus den Schriften nach folgenden Gesichtspunkten: die Er-
kenntnislehre, die Lehre von Gott, von der Welt, vom Menschen,
von Christus, der Heilsglaube. Trotz des intellektualistischen
Charakters im Denken des Knsaners hätte man in dieser sonst
äusserst begrüssensweiten Pfannmüllerschen Sammlung wohl
etwas mehr vom spezifisch religiösen Eigengut des Nikolaus er-
warten dürfen. Das wäre durch psychologisches Eindringen in

seine spekulative Methode unschwer zu erreichen gewesen. Aber
trotz manches befremdenden Urteils (z. B. dass als Formen der
intellektualistischen Religion Spekulation, Metaphysik und Mystik
nebeneinander gestellt werden) und trotz des farblosen, weit-
schweifigen Stils darf das Büchlein zur bequemen Orientierung
über Nikolaus empfohlen werden.

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

van Veldhuizen, Dr. A. (hooglecraar vanwege de Ned. Herv.

kerk te Groningen), Op de pastorie, Een bundel toespraken.

Utrecht 1913, G. J. A. Ruys (136 S. gr. 8).
Der Verf., Professor in Groningen, hat diese vier Ansprachen
zur Eröffnung der akademischen Vorlesungen gehalten. „Die
Ansprache, womit man seine Studenten und Kandidaten nach
den Ferien begrüsst, ist kein wissenschaftliches Kolleg und
ebensowenig eine Predigt." Es sind Worte eines treuen
Freundes, Seelsorgers und Beraters, und wenn die Theologen
in diesem Geiste gelehrt und geführt werden, kann man nicht
klagen, dass niemand sich um ihre Seele kümmert, und dass
| sie von der Universität für ihre Amtsführung nichts mit-
bekommen. In der ersten Ansprache, „Das Pfarrhaus" betitelt,
wird dieses geschildert mit seinen Freuden und Leiden und
Aufgaben. „Die Kirche ruft: uSiehe nach oben", und das
Pfarrhaus sagt: uSiehe, wie es da unten wird, wenn man nach
oben sieht!"" — In der zweiten, „Natur und Amt", empfiehlt
der Verf., der hier eine sehr grosse Kenntnis entfaltet, dem
Prediger und Seelsorger, besouders auf dem Lande, Studium
und Beobachtung der Natur, und zeigt, wieviel Nutzen er
daraus für seine Amtsführung ziehen kann. „Wenn Sie Christi
sind, und Christus Gottes ist, dann dürfen auch Sie Maien von
den Bäumen hauen, um dieselben auf seinen Weg zu streuen."
Von der „Dorfpredigt in Deutschland" heisst es: „Die Gefahr —
oder soll ich sagen: der Erfolg? — ist, dass ein solcher Dorf-
prediger leicht sehr schnell in eine Stadt berufen wird." —
In der dritten Ansprache: „Gemeinsam mit den Heiligen",
wird mit grossem Ernste gewarnt vor der „Pastorenkrankheit",
dass der häufige Umgang mit heiligen Dingen, das immer
wiederholte Beten mit und für andere, das fortwährend anderen
Predigen die ungeheure Gefahr mit sich bringt, dass man
schliesslich nicht mehr sich selbst predigt, nicht mehr für sich
selbst betet: das grosse, wichtige Hauptatück von der Be-
kehrung der Pastoren. — Die vierte Ansprache schliesslich,
„Die Gesundheit des Pastors", weist auf die Bedeutung einer
guten Gesundheit hin, wenn es auch grosse und heilige Männer
im Reiche Gottes gegeben hat mit schwächlicher Gesundheit
und sogar körperlichen Fehlern. (Ob aber Moses ein „Stotterer"
gewesen ist?) „Unglücklich aber der Pastor, der ein Sklave
der Eubiotik ist." Auch seine Gesundheit soll man, wenn es
not tut, zum Opfer auf des Herrn Altar geben.

Die Ansprachen sind für Theologen gehalten, aber auch
für Laien herausgegeben. Hoffentlich werden viele sie lesen.
Sie werden ihnen mehr Freude an ihrer Kirche geben und
mehr Verständnis für das Amt, welches auch ihnen die Ver-
söhnung predigt. P. van Wijk jr.-Amsterdam.

Steinmetz, D. Rudolf, Heilige Stunden. Predigten auf alle
Festtage des Kirchenjahres nebst einigen Predigten aus
dem letzten Teile der Trinitatiszeit. Göttingen 1914,
Vandenhoeck & Ruprecht (VIII, 231 S. gr. 8). Geb. 3.75.
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