Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Jowett zu den Briefen an die Thessalonicher, Gaiater und
Romer erschienen. „Diese Bände bezeichneten für England den
Anfang der Geltung jener historischen Kritik, die seitdem blühte
und solche meisterhafte Führer wie Hort, Lightfoot und West-
cott besessen hat." Daran schloss sich endlich von 1845—60
noch eine Bewegung, welche die Ansprüche der allgemeinen
modernen Wissenschaft berücksichtigen wollte. — Diese geistigen
Vorgänge in dem uns so vielfach verwandten englischen Kirchen-
gebiete zu verfolgen, besitzt ein hohes Interesse, und deshalb
verdient der Verf. auch den Dank der deutschen Wissenschaft.

Ed. König.

von Aster, E., Grosse Denker. Unter Mitwirkung von

E. von Aster, 0. Baensch, M. Baumgartner, 0. Braun,

F. Brentano, H. Falkenheim, A. Fischer, M. Frischeisen-
Köhler, R. Hönigswald, W. Kinkel, R. Lehmann, F. Me-
dicus, P. Menzer, P. Natorp, A. Pfänder, R. Richter,
A. Schmekel, W. Windelband herausgegeben. Band 1
u. 2. Leipzig 1912, Quelle & Meyer (384 u. 380 S. gr. 8).
14 Mk.

Der Herausgeber dieseB vornehm ausgestatteten Werkes
spricht sich in der Einleitung über das Ziel desselben aus. Es
soll nicht ein Lehrbuch der Geschichte der Philosophie sein,
sondern mit Beschränkung auf die hervorragendsten Vertreter
der Philosophie durch die Nebeneinanderstellung der in sich
geschlossenen Systeme „ein anschauliches und lebendiges Bild
von dem geben, was eigentlich Philosophie und Philosophieren
heisst". Das Interesse an der Vollständigkeit tritt infolgedessen
hinter dem Interesse an dem Charakteristischen zurück. Der
Umstand, dass die Mitarbeiter zu ganz verschiedenen Richtungen
gehören, kann nur dazu dienen, den Eindruck lebendiger zu
gestalten und die selbständige Aneignung zu fördern. So wendet
sich das Buch nicht in erster Linie an die eigentlichen Philo-
sophen von Fach, sondern an den grossen Kreis der Gebildeten,
die für philosophische Probleme Interesse und Verständnis haben.
Aus der antiken Philosophie werden die Vorsokratiker, Sokrates
und die Sophisten, Piaton, Aristoteles und die hellenistisch-
römische Philosophie zur Darstellung gebracht. Die Uebergangs-
zeit ist vertreten durch Augustin und Thomas von Aquin. Den
bei weitem grösseren Teil nimmt die neuere Philosopiiie in An-
spruch, die von Giordano Bruno und Descartes über Spinoza,
Leibniz, Locke und Hume zu Kant führt und aus der nach-
kantischen Philosophie neben den Vertretern der klassischen
Zeit: Fichte, Hegel, Sendling, Schopenhauer und Herbart auch
Nietzsche und die philosophischen Richtungen der Gegenwart
zu Woite kommen lässt. Sehr merkwürdig ist es, dass trotz
Augustin und Thomas weder Luther noch Schleiermacher ihren
Platz gefunden haben. Es liegt in der Natur der Sache,
dass die einzelnen Beiträge einen sehr verschiedenen Wert
haben. Besonders wertvoll scheinen mir die Arbeiten von
Schmekel (die hellenistisch-römische Philosophie), Medicus (Fichte)
und Windelband (die philosophischen Richtungen der Gegen-
wart) zu sein. Ganz ungeeignet für den Zweck des Buches ist
dagegen die Darstellung Piatons von Natorp, die das Schema
des Neukantianismus dem antiken Philosophen aufzuzwingen
unternimmt. Zur erstmaligen Einführung in die Philosophie
dürfte das Buch schwerlich zu empfehlen sein; um so mehr
aber wird es denen, die bereits mit der Geschiehte der Philo-
sophie vertraut sind, ein hoher Genuas sein, diese fast durchweg
geistvollen und gediegenen Einzelaufnahmen auf sich wirken zu
la88en. Stange-Göttingen.

Gastrow, Lic. theol. Paul (Pastor am Waisenhause zu Ham-
burg1), Pfleiderer als Religionsphilosoph. Berlin-
Schöneberg 1913, Prot. Schriftenvertrieb (VI, 122 S. gr. 8).
Dem Verf. werden viele darin zustimmen, dass Pfleiderers
Religionsphilosophie noch der Gegenwart etwas zu bedeuten
habe, auch wenn angesichts ihres oft schematiseh konstruierenden
Evolutionismus, der dem Konkreten namentlich des Christen-
tums doch recht wenig gerecht wird, nicht alle sie so hoch
schätzen werden wie Gastrow, dem sie die Erlösung aus dem
Bann des Historizismus wurde. Immerhin wird keiner an
Pfleiderer vorübergehen können, der sich mit den Problemen
der Religionsphilosophie, wie sie aus der Religionsgeschichte er-
wachsen, abgibt. Von diesem Standpunkt aus begrüssen wir
mit Dank das zeitgemässe Unternehmen, die Grundgedanken
des vergriffenen Hauptwerkes von Pfleiderer darzustellen. Zudem
hat sich der Verf. seiner Aufgabe in trefflicher Weise entledigt:
mit gutem Blick für Voraussetzungen und Konsequenzen, mit
Verständlichkeit trotz der gebotenen Kürze, ohne kritische
Zwischenreden und doch nicht ohne selbständiges Urteil in der
Stoffwahl und über den geschichtlichen Zusammenhang, in den
Pfleiderers System gehört. Wünschenswert wäre es nur noch
gewesen, dass Gastrow dem Interessenten durch Angabe seiner
Fundorte im einzelnen das weitere Eindringen in den Stoff er-
leichtert hätte. Lic. Lauerer-GrosBgründlach (Bayern).

Apelt, Dr. Otto, Piatons Dialog Phaidon oder über die
Unsterblichkeit der Seele übersetzt und erläutert. (Philosoph.
Bibliothek Bd. 147.) Leipzig 1913, Felix Meiner (155 S.
gr. 8). Brosen. 1. 80.
Diese neue Uebersetzung des klassischen Berichts Piatos
über den Tod des Sokrates ist bei ihrer feinsinnigen Aus-
führung eine vortreffliche Leistung. Schon in der Einleitung
erweist sich der Uebersetzer als verständnisvoller Führer, wenn
er, die Unzulänglichkeit der platonischen Beweisführung zu-
gunsten des Unsterblichkeitsglaubens zugebend, die „fesselnde"
und „in den ewigen Hoffnungen befestigende" Wirkung des
Dialogs auf folgende drei Gründe zurückfuhrt: „Erstens die
abgesehen von allen Beweisversuchen bestehende faktische
Gültigkeit der Glaubensideen, zweitens die ganz eigenartige
Verschmelzung der Sache mit der Person und dem Schicksal
des Sokrates und drittens der kunstvolle Aufbau des Gesprächs."
Auoh die knappe Uebersicht über den Inhalt und die Gliede-
derung des Gesprächs zeugt von einer völligen Beherrschung
des Stoffs, der dann auch in der einfachen und leichtfasslichen
Sprache der Uebersetzung zum Ausdruck kommt. Es ist nur
erfreulich, dass durch derartige leicht verständliche Hilfsmittel
den Gebildeten der Gegenwart da3 Eindringen in den Geist
der Platonischen Ideen erleichtert wird.

Dr. Fr. Walt her-Stuttgart.

Buchenau, Dr. Arthur, Kants Lehre vom kategorischen
Imperativ. (Wissen und Forschen L) Leipzig 1913,
Fei. Meiner (IX, 125 8. gr. 8). 2 Mk.
Nicht eine erschöpfende Darstellung der Kantischen Ethik
soll das Schriftchen liefern, sondern vor allem einführen in die
Gedankengänge der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"
und zugleich dienen zur ersten Einleitung in die Probleme der
kritischen Ethik. Betreffs der Darstellungsweise möchte der
Verf. für Primaner und Schülerinnen der Oberlyzeen verstand-
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