Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Nachdem der hervorragende Kirchenhistoriker Fr. X. Funk
noch den ersten Band der apostolischen Vater im Jahre 1901
in einer Neuausgabe hatte erscheinen lassen, hat den zweiten
Band der Funkschen Ausgabe jetzt Franz Diekamp in einer
die neuesten Funde und wissenschaftlichen Untersuchungen be-
rücksichtigenden Neuausgabe vorgelegt. In ausführlichen Prole-
gomena handelt er von der Eutstehungszeit, dem Entstehungs-
ort, den Handschriften der einzelnen in diesem Bande ab-
gedruckten Werke. Es sind dies die beiden psendoklomen-
tinischen Briefe de virginitate, die für die Entstehung des
Mönchtums nicht ohne Interesse sind. Diekamp hat hier der
lateinischen Uebersetzung der uns vollständig nur syrisch er-
haltenen Briefe eine Reihe griechischer Fragmente des Urtextes
der Briefe beigeben können, die von ihm oder anderen ge-
funden worden sind. Die zweite Schrift ist das aus dem
4. Jahrhundert stammende Martyrium des Clemens Romanus.
Auch hier ist der griechische Text durch Heranziehung mehrerer
bisher unbenutzter Handschriften von Diekamp erheblieh ver-
bessert worden. Ferner hat er an Stelle der von Funk aus
der editio Coteleriana abgedruckten lateinischen Uebersetzung
dieses martyriums eine alte lateinische Uebersetzung gesetzt,
die bereits Gregor von Tours benutzte. An dritter Stelle stehen
die pseudoignatianischen Briefe. Sehr ausführlich untersucht
Diekamp die viel verhandelte Frage nach der theologischen Stel-
lung des Pseudoignatius. Im Gegensatz zu der besonders von Zahn
und Harnack vertretenen Meinung, dass Pseudoignatius Arianer
oder Semiarianer war, eine Meinung, die er selbst früher teilte,
gelaugt er zu dem Resultat, dass die von Funk vertretene
Hypothese am meisten Wahrscheinlichkeit für sich hat, wonach
Pseudoignatius Apollinarist war. Auch hat Diekamp den griechi-
schen Text der Pseudoignatianen verbessert und sich um die Texte
der lateinischen Version bemüht, indem er besonders die in
England gefundene, aus dem 13. Jahrhundert stammende
lateinische Uebersetzung heranzog. An vierter Stelle steht in
der Ausgabe von Diekamp das aus dem 4. oder 5. Jahrhundert
stammende Martyrium des Ignatius, das in mehreren Rezensionen
erhalten ist. Für das sog. martyrium Antioohenum des Ignatius
fand Diekamp einen bisher unbekannten Turiner Kodex auf,
für das sog. martyrium Romanum konnte er einen vorzüglichen
Pariser Codex benutzen, den bereits Lightfoot bei seiner Aus-
gabe verwandt, in dem er aber einige Stollen falsch gelesen
hatte. Endlich enthält die Ausgabe von Diekamp noch die
Fragmente des Polykarp, deren Authentie noch sehr zweifelhaft
ist, und die Vita des Polykarp von Pionius, die nach dem
4. Jahrhundert entstanden ist.

Die Ausgabe der verschiedenen Texte ist von Diekamp mit
grösster Sorgfalt gemacht, der Apparat übersichtlich. Die An-
merkungen enthalten geradezu einen Kommentar zu den schwie-
rigen Stellen der verschiedenen Schriften, in denen Diekamp sich
auch mit anderen Auffassungen auseinandersetzt.

G. Grützmacher-Heidelberg.

von Sybel, Ludwig, Der Herr der Seligkeit. Archäologische
Studie zur christl. Antike. Der 52. Versammlung deutscher
Philologen und Schulmänner gewidmet. Mit Titelbild und
18 Textabbildungen. Marburg LH. 1913, N. G. Elwert
(40 S. gr. 8). 1. 50.
Der Verfasser der „Christi. Antike" untersucht in der vor-
liegenden Schiift die Repräsentationsbilder des stehenden und
thronenden Christus. Als Inhalt dieser Darstellungen, bei

welchen der Herr zur Schau eine Schrift hält, erkennt er den
„zu der in seinem Evangelium verheissenen ewigen Seligkeit
aufrufenden Herrn". Bei dieser Gelegenheit wird nun mit
einer alten Missdentung aufgeräumt. Nach dem Vorgange
Birts wird in überzeugender Weise näher ausgeführt, dass die
sog. „traditio legis" an Petrus, das „archäologische Zeugnis für
den Primat Petri" (S. 21) zu Unrecht den Namen führt. Eine
Schriftrolle wird geschlossen und mit der Rechten überreicht,
nie flatternd usw. Petrus schützt höchstens das Rollenende.
Auch dats Paulus in der älteren Zeit durchweg die Ehren-
seite, Petrus nur die Linke angewiesen erhält, läset Bich nach
v. Sybels Ausführungen nicht hinwegdeuten.

Kleinigkeiten: S. 8 Z. 6 statt Deckelbild: Vorderseite. S. 10
A. 3: Relief mit Isisprozession (Vatikan) Priester mit heil. Wasser.
S. 16 A. 1: Marseille. S. 22 A. 1: Oberman. S. 28 A. 2:
Garr. 334, 2 nicht verschollen, sondern in kläglichen Resten
vorhanden.

Eine wirksame Folie hat sich Verf. leider entgehen lassen,
die Publikation eines interessanten Sarkophages (mit „maiestas"
sowie „traditio" bei der Verleugnung!) von G. Bonavenia S.J.:
Inaigne sarcofago inedito . . . . con singolarissima conferma
del primato di San Pietro. Roma 1910. So werden sich nun
alle, welche mehr als „bloss archäologisches Interesse" an Petrus
haben, mit v. Sybels Ergebnissen abfinden müssen.

Erich Becker-Naumburg (Queis).

Storr, V. F., The Development of English Theolgy in the
nineteenth Century (1800—1860). London 1913, Long-
mans, Green & Co. (VIII, 486 p. 8). Geb. 12 sh.
Während des neunzehnten Jahrhunderts ist auch in England
der Entwickelungsgang der theologischen Anschauung ein ausser-
ordentlicher gegenüber den vorhergehenden Jahrhunderten ge-
wesen. Wie sehr begreiflich ist es daher, dass immer von
neuem nach dem Ausgangspunkte und dem Verlaufe dieser
Entwickelung geforscht wird. Nun gibt es schon das Buch
von Tulloch „Movements etc." über die Bewegung des religiösen
Denkens in Grossbritannien während des neunzehnten Jahr-
hunderts. Aber Storr will spezieller das Weiterschreiten der
theologisohen Wissenschaft darstellen und will sich auf die Zeit
bis 1860 beschränken. Während dieses Zeitraums habeu aber
zunächst in dem Dezennium von 1820—30 drei eigenartige
Bewegungen eingesetzt: die kritische Arbeit der liberalen Theo-
logen der Oriel-Schule; das Hervortreten von Schottland unter
der Inspiration von Erskine, der eine Theologie vertrat, die
gegenüber dem dogmatischen Calvinismus der Schottischen Kirche
den Akzent auf die Erfahrung und das innere Zeugnis des
Herzens legte; endlich der religiöse Idealismus von Coleridge
mit seinem Appell an eine Philosophie, die mehr als der Utili-
tarismuB Befriedigung verschaffte. Das nächste Jahrzehnt
(1830—40) erlebte den Anfang und die ersten Schritte der
„Oxforder Bewegung". Sie war weniger bedeutend im Ge-
biete des theologischen Denkens als in dem der praktischen
Arbeit für die Wiederbelebung der Begeisterung für die Be-
deutung der Kirche und ihrer Ordnungen. Mittlerweiio hatte
aber auch der Einfluss der kritischen und philosophischen
Theologie Deutschlands (F. Chr. Baur, D. Fr. Strauss, Wilh.
Vatke) in England zu wirken angefangen, und so sohloss sich
eine „negative Bewegung" 1840—55 an. Dieses letztgenannte
Jahr ist als Wendepunkt (S. 398) zu bezeichnen, indem die
Kommentare von Stanley zu den Korintherbriefen und von
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