Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Amen" (a. Bacher, Ag. Pal. Am. III, 469). Tanchuma kann,
wie Strack (Einl.4 110) bemerkt, als Begründer der Midrasch-
literatur angesehen werden; er beechliesst die Keihe der be-
deutenderen paläst. Agadisten. Von keinem Amoräer sind so
viele Proömien überliefert wie von ihm. Verf. hat sich das
Verdienst erworben, dieselben so zu ordnen, dass man zugleich
einen Ueberblick über die Perikopengruppen hat, zu denen sie
gehören (1. peutateuchische Sabbatperikopen; 2. pentateuchische
Festperikopen; 3. prophetische Perikopen [Haftaren]; 4. Proömien
zu. den sog. „Rollen").

Das 7. und 8. Kapitel gibt eine statistische Uebersicht über
sämtliche auf uns gekommene Proömientexte, sowohl der mit
Namen des Autors versehenen wie der viermal stärkeren Anzahl
der anonymen, welche Anonymität vom Verf. S. 109 auf zwei
Ursachen zurückgeführt wird.

Kap. 9 endlich behandelt das Verhältnis der Proömientexte
zu den Perikopentexten, indem trotz der bunten Mannigfaltig-
keit der Einzelbeispiele dem beobachtenden Verf. bestimmte j
Arten — zwölf an der Zahl — sich ergeben haben.

Ein Bibelstellenregister beschliesst die überaus wertvolle |
Schrift, die in ihrer Klarheit und Gründlichkeit sich würdig I
anreiht an die vorausgegangenen tiefgrabenden Arbeiten des
Verf.s auf dem Gebiet der Agada und altjüdischen Schrift-
auslegung (6 Bände „Agada" und 2 Bände „Terminologie"),
aus denen auch die christliche Theologie nicht wenig lernen
kann. Mitten unter der Fülle der gelehrten Anmerkungen
fanden wir eine merkwürdige Parallele zu Eph. 5, 32. Während
Schöttgen z. St. nur aus dem späten Sohar und aus dem „für
die Wissenschaft wertlosen" Jalkut Rubeni (vgl. Strack in eeinem
Artikel „Midrasch", Realenzykl. f. Th. u. K. 3. Aufl., Bd. XIII,
796) Parallelen anzuführen weiss, entdeckt unser überraschtes
Auge auf S. 17, Note 4 folgende Parallele aus der Pesikta la:
die Worte des Hohenliedes 5, 1 „Ich bin gekommen in meinen
Garten" werden, indem das *i& gedeutet wird als ■»SMji „in
meinen Baldachin", verstanden von der innigen (ehelichen) Ver-
einigung Gottes mit der Gemeinde Israel. In gleicher Weise
fasst der Apostel Eph. 5, 32 die menschliche Ehe („und werden
die beiden ein Fleisch sein" -irx -itr.'? Gen. 2, 24) als Ab-
bild des grossen p.o3-r[piov von der Vereinigung (Ehe) des Herrn
Christus mit seiner Kirche.

Unbefriedigt in dem Gefühl, den Reichtum der besprochenen
Schrift nur unvollkommen geschildert, vieles nur gestreift,
manches nicht einmal angedeutet zu haben, müssen wir ab-
brechen. Um nicht als absoluter laudator zu erseheinen, wollen
wir zum Schluss noch einige von den beobachteten Druckfehlern
namhaft machen: S. 12, Fussn. 4 lies: 261 st. 267; S. 12, Z. 12
lies: 14 st. 20; S. 13, Note 2 lies: m-n st. min; ibid. Note 3
lies: Jes. st. Jer.; S. 14, Z. 3 v. u. lies: „Fälle" Bt. Fülle usw. —
Das S. 11, Fussn. 4 vom Verf. beanstandete yucV«», wofür er
•pbhtra lesen will, möchten wir doch nicht beanstanden, vgl.
Dahn. Gr.2 97 f. u. 302; vgl. auch daB aram. n; = hebr. n*t.

Heinr. Laible-Rothenburg o/Tbr.

Eissfeldt, Lic. Otto (Berlin), Der Masohal im Alten Testa-
ment. (Beihefte zur Zeitschrift f. d. alttest. Wissenschaft,
XXIV.) Giessen 1913, Töpelmann (76 S. gr. 8). 3 Mk.
Während die Begriffe von schir „Lied" und tehilla „Loblied,
Psalm" an sich klar und oft behandelte stilistische Grössen sind,
ist der Ausdruck Maschal nach Inhalt und Umfang, um mit
der Logik zu reden, eine dunkle Grösse. Daher ist es als zeit-

gemäss zu begrüssen, dass Eissfeld in einem „Beiheft der Zeit-
schrift für die alttestamentliche Wissenschaft" zuerst eine „wort-
geschichtliche Untersuchung" und dann eine „literargeschicht-
liche Untersuchung der Maschal genannten Gattungen" unter-
nommen hat. In seinem ersten Paragraphen nimmt er ein
selbständiges Verb maBchal „herrschen" und ein davon unab-
hängiges Verb maschal „gleichen" an (S. 5). Den von mir in
„Stilistik, Rhetorik, Poetik" S. 79—81 gemachten Versuch, die
Bedeutung „herrschen" mit „Spruch oder Urteil" zu verbinden,
habe ich im Wörterbuch (1910), das bei einer derartigen Arbeit
doch hätte verglichen werden sollen, nicht wiederholt. Aber auf
solche Weise, wie der Verf. S. 3 bemerkt, lässt sich jener Ver-
such nicht widerlegen. Nämlich er sagt, schaphat, das eigent-
liche Wort für richterliche Entscheidung im Hebräischen, werde
nie im übertragenen Sinne „eine Aussage machen, eine Ansicht
äussern" gebraucht. Aber dies wäre ja auch der umgedrehte
Gedankenvorgang. Da wäre aus einer speziellen Bedeutung
eine allgemeinere abgeleitet worden. Umgedreht die allgemeine
Aussage „einen Spruch x. e. (einen Urteilsspruch) abgeben"
konnte in die Bedeutung „herrschen" übergehen, wie ja auch
schaphat „richten" den Sinn von „herrschen" gewonnen hat.
Sodann in der „Feststellung der Bedeutungsvarianten des Wortes
Maschal aus dem Kontext der in Betracht kommenden Stellen,
unter Zuhilfenahme der synonym gebrauchten Worte und der
in LXX gebrauchten griechischen Aequivalente" (S. 7 ff.) findet
er die Bedeutungen: Volksspriohwort, Spottgedicht, Kunstprich-
wort, Lehrrede (Hi. 27, 1 u. 29, 1), Allegorie oder Gleichnis in
Hes. 17, 2 ff.; 24, 3; 21, 5, endlich „Orakelrede" (Num. 23, 7
bis 24, 23). In § 3 (S. 29 ff.) untersucht er den Zusammen-
hang dieser Bedeutungen mit dem Zeitwort maschal „gleich
sein". Dabei kritisiert er hauptsächlich auch Jülichers „Die
Gleichnisreden Jesu", der den Fehler begangen habe, das Wesen
eines Begriffes aus der etymologischen Grundbedeutung heraus
allein feststellen zu wollen (S. 31). Die von mir in dem
Schriftchen „Talmud und Neues Testament" (1907) gebotene
Auseinandersetzung mit Jülicher über den Gleichnisbegriff hat
er nicht gekannt. Im zweiten Hauptteil behandelt der Verf.
eingehend das Volkssprichwort und das Spottlied.

Werfen wir einen zusammenfassenden Blick auf sein Haupt-
ergebnis, so sagt er: Die Bedeutung „Volkssprichwort" hat sich
nach dem Bestaud der Quellen als die älteste ergeben. Die
Bedeutungen „Spottspruch, Weisheitsspruch, Lehrrede" sind
Weiterbildungen. Unmittelbar aus der Stammbedeutung „gleich
sein" sind die Bedeutungen „Gleichnis und Allegorie" geflossen.
Endlich aus Gleichnisrede leitet er „Orakelrede" ab (S. 34—39).
Jene älteste Bedeutung „Volkesprichwort" aber ist nach ihm
mit Maschal verbunden worden, indem „der Name Maschal
,Vergleichung' für das Sprichwort in einer Zeit geprägt wurde,
ans der uns nichts mehr erhalten ist" (S. 42). Das ist also
eine Flucht in den leeren Raum. Da bleibt es noch sehr die
Frage, ob die von mir begründete Bedeutungsentwickelung
(WB., S. 253), wonach der Sinn von Maschal Gleichheit x. 4.,
Urteil, Spruch usw. ist, nicht das Richtigere trifft.

Ed. König.

Diekamp, Franoiscus, Patres Apostolici editionem I'unkia-
nam novis ouris in lucem emisit. Vol. II, Clementis
Roman, epist. de virginitate eiusdemque martyrium, epistulae
Pseudoignatii, Ignatii martyria, fragmenta Polycarpiana,
Polycarpi vita. Tübingen 1913, Laupp (XC, 489 S. gr. 8).
8 Mk.
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