Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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jede Polemik gegen die konträren Thesen eines Winckler und
A. Jeremias vermeidet, und aus der unverhohlenen Achtung,
die er den Leistungen dieser Gelehrten zollt, seine Bereitwillig-
keit erkennen lässt, sieh durchschlagenden Beweisen von dieser
Seite her nicht von vornherein zu verschliessen. Die Hin-
weisungen Jastrows auf den Einfluss des babylonischen Orakel-
wesens auf die Divination anderer Kassen sind ebenfalls sorgfältig
formuliert, wie es der Beifall beweist, die sie bei den Vertretern
der etruskischen Altertumskunde gefunden haben. Angesichts
dessen Bei es gern nachgesehen, dass der Verf. sich an einigen
Stellen von seinem Eifer im Nachweisen von Abhängigkeiten zu
weit hinreissen lässt (vgl. etwa S. 942 ff.), zumal er diese Hypo-
thesen selbst deutlich als solche kennzeichnet.

Dass einem bahnbrechenden Werke, wie es hier zweifellos
vorliegt, etwelche Mängel anhaften müssen, ist sozusagen Natur-
notwendigkeit. So sehr auch die minutiöse Sorgfalt zu be-
grüssen ist, mit der Jastrow das bisher wenig berücksichtigte
Gebiet des Orakelwesens behandelt hat, so lädst sich doch nicht
leugnen, dass er dies in einem Masse getan hat, welches den
Rahmen des Werkes einfach sprengt. Ein Handbuch der
Religionsgeschichte, in welehem dem Spezialgebiete der Manük
bedeutend mehr als die Hälfte des Platzes eingeräumt ist, aber
in welchem das Kultwesen keine Berücksichtigung findet, ent-
behrt der inneren Proportionalität, und auch das verheissene
Naohtragswerk wird diesen Schaden nicht gut machen können.
Als indirekte Folge des allzulangen Verweilens bei der Orakel-
literatur ist es auch aufzufassen, dass das wichtige Kapitel über
die Hymnen heute schon teilweise von der Wissenschaft über-
holt erscheint. Wenn auch die einfachen Haupttypen der
Hymnenliteratur richtig erfasst sind, so liesse sich doch an
Hand der inzwischen erschienenen Neupublikstionen unter be-
sonderer Berücksichtigung des siilgeschichtlichen Momentes eine
viel reichere Gliederung feststellen. Dass die selbständigen
Uebersetzungen Jastrows in philologischer Hinsicht vielfach zu
schweren Bedenken Anlass geben, soll auch nicht verschwiegen
bleiben, wenn auch hier nicht auf Einzelheiten eingegangen
werden kann. Es lässt sich voraussehen, dass die Fachgelehrten
an vielen Punkten mit scharfer Kritik einsetzen werden. Als
äusserlicher Schönheitsfehler ist endlich zu beanstanden, dass
die Lektüre des frisch und anschaulich geschriebenen Werkes
durch eine partienweise unzulässig grosse Menge von Sprach-
und Druckfehlern beeinträchtigt wird, welche sich bei genauer
Revision leicht hätten vermeiden lassen. Allein das sind, wie
gesagt, Uebelstände, wie sie jeder erste Wurf fast unausweich-
lich mit sich bringt, und es wäre kleinlich, sich dadurch die
Freude an diesem für den Alttestarnentler und den Religions-
wissenschaftler geradezu unentbehrlichen Werke stören zu lassen.

E. Merz-Basel.

Kaulen-Hoberg, Einleitung in die Heilige Schrift. Zweiter
Teil. 5., vollständig neu bearb. Aufl. Freiburg i. B. 1913,
Herder (X, 299 S. 8). 4.40.
In dem jetzt vorgelegten Teile der Neubearbeitung von
Kaulens Einleitung sind die einzelnen Geschichtsbücher, Lehr-
bücher und prophetischen Bücher des Alten Testaments be-
handelt. Dabei sind nach Inhalt und Anordnung der Vulgata
auch die Bücher mit besprochen, die erst in der griechischen
TJebersetzung des Alten Testaments hinzugekommen sind. Bei
jedem einzelnen Buche wird der Inhalt und die Disposition,
auch die Schwierigkeiten des Textes, ferner Verfasser und

Entstehungszeit sowie die Glaubwürdigkeit behandelt. Ueber
sein Verfahren bei der Neubearbeitung sagt der Verf. im Vor-
wort zu diesem zweiten Teile, häufig sei ihm die Frage auf-
getaucht, inwieweit die verschiedenen Ansichten über einen und
denselben Gegenstand angeführt und besprochen werden sollten,
und er habe sich so entschieden: „Oft bleibt nichts anderes
übrig, als eine einzige Ansicht vorzutragen und zu begründen,
für die übrigen dagegen die Literatur anzugeben." Aber mancher
Leser wird mit Recht sagen, dass zu wenig getan worden ist,
um das Buch auf den Stand der wissenschaftlichen Forschung
der Gegenwart zu bringen. Denn z. B. betreffs des Pentateuchs
wird kein neueres Einleitungswerk genannt (§ 199), und ist
die einzige Ansieht, die immer angeführt wird, auch begründet
worden? Nein, denn der Sprachboweis, wie er z. B. in meiner
Einleitung vorgelegt worden ist, wird nicht einmal erwähnt,
geschweige denn widerlegt, und die aus den Kultusgesetzen
sich ergebenden Schwierigkeiten sind ebenfalls weder erwähnt
noch beseitigt. Was für ein lebendiges Mitarbeiten an den
wissenschaftlichen Problemen findet man doch aber in anderen
Werken der katholischen Kirche! Ed. König.

Le Livre du Prophete Arnos; traduction nouvelle d'apres
les meilleurs texies, avec introduction et notes. Paris 1913,
Societe" biblique de Paris (XXXII, 28 S.).
Die auf dem Titel genannte französische Bibelgesellschaft
plant anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens eine Jubiläums-
bibel; diese soll anscheinend der französische „Kautzsch", jedoch
nach dessen 3. Auflage, werden; die Ausstattung ist sehr gefällig,
und wenn das ganze Werk hält, was die kleine Probe ver-
spricht, so wird es sich in den wissenschaftlichen Kreisen Frank-
reichs, deren historische Studien die Bibel berühren, wohl ein-
bürgern; insofern wird die Bibelgesellschaft geschickt eine Lücke
ausfüllen helfen. Ob das freilich auch den grossen Hauptzweck
jeder Bibelgesellschaft fördert, in dem sie ihre eigentliche Da-
seinsberechtigung hat, darüber werden sich die nicht genannten
Herausgeber wohl keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben;
in dem Bestreben, alles dem Gebildeten durch die religions-
gesohichtliche Analogie als historisch begreiflich und wahr-
scheinlich erscheinen zu lassen, wird der Sinn und Blick für
die originale Kraft und den überzeitlichen Ernst nicht geschärft.
Die Anmerkungen huldigen in der Regel noch einem Radika-
lismus, den wir früher in Deutschland auch gehabt haben; hin-
gegen die Gliederung der Texte des Arnos ist vortrefflich.

Prof. Dr. Wilh. Caspari-Erlangen.

Bacher, Dr. Wilh. (Direktor der Landes-Rabbinerschule zu
Budapest), Die Proömien der alten jüdischen Homilie.
Beitrag zur Geschichte der jüdischen Schriftauslegung u.
Homiletik. (Heft 12 der „Beiträge zur Wissenschaft vom
Alten Testament" von Rudolf Kittel.) Leipzig 1913, J.
C. Hinrichs (126 S. gr. 8). 4 Mk.
Eine exegetische Spezialität der alten Rabbinen, welcher
wir schon beim Apostel Paulus begegnen, war das „Aneinander-
reihen" von Worten der Thora, Nebiim und Kethubim. Dieses
Verfahren des Apostels, meint Vollmer in seiner Schrift „Die
alttest. Zitate bei Paulus" (Freiburg i. B. 1895, J. C. B. Mohr)
S. 38, „setzt einen solchen Reichtum an Stellen voraus, wie ihn
auch der ehemalige Schriftgelehrte schwerlich im Kopfe tragen
konnte". Auf diesen Satz, der das Lächeln jedes Rabbi, der,
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