Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

67

68

kommenden geschichtlichen Stoffe behandelt und der Besprechung
einen warmen Ton zu geben verstanden hat, der durch Ein-
fügung passender Liedstrophon noch gemütvoller wird. In-
dessen ist gegen diese rein anlehnende Behandlung des Kate-
chismus doch einzuwenden, dass der Katechismus dabei in
seiner selbständigen Bedeutung nicht genug zur Geltung
kommt, er ist zu sehr nur ein Anhang zur biblischen Ge-
schichte; und ferner, dass die Beziehung seiner Aussagen auf
uns dadurch zu sehr zurücktritt, das geschichtlich Vergangene
herrscht zu sehr vor. So ist der selbständige Katechismus
Unterricht doch vorzuziehen, vorausgesetzt nur, dass reichlich
Geschichte und Leben als Grundlage und Vei anschaulichungs-
mittel seiner Aussagen herangezogen werden.

Steinbock-Breslau.

Niebergall, Prof. D. Friedr. (in Heidelberg), Jesus im
Unterricht. Ein Handbuch für die Behandlung der neu-
testamentlichen Geschichten. II. Aufl. (Praktisch-theo-
logische Handbibliothek, herausgegeben von Fr. Niebergall.
Bd. 11.) Güttingen 1913, Vandenhoeck & Ruprecht (VIII,
171 S. gr. 8). 2. 80.
Zweifelsohne wird Niebergalls „Jesus im Unterricht" vorerst
zu dem eisernen Bestand einer liberalen Volksschallehrer-
bibliothek gehören. Der Titel müsste genauer lauten: „Der
Jesus der modernen liberalen Theologie im Unterricht" Die
„Resultate" der liberalen Jesusforschung werden mit einer
Sicherheit vorgeführt, die bei dem nicht theologisch gebildeten,
bei Niebergall Belehrung suchenden Leser gar keinen Zweifel
aufkommen lässt. Beweise sind ja in einem Handbuch nicht
nötig. So lesen wir S. 1 von der Kindheitegeschichte Jesu:
„Die Kindheitserzählungen sind nicht bezeichnend für die Zeit,
die sie schildern, sondern vielmehr für die Zeit, in der sie ent-
standen sind. Sie malen uns also ein Bild hin von der Art,
wie in bestimmten Kreisen der ersten Christenheit über Jesus
gedacht worden ist." S. 7 (von der Verkündigung der Geburt
Jesu): „Diese Geschichte gilt es einmal vor allen Dingen zu
erzählen, wie man ein frommes Märchen erzählt, also mit aller
Kunst des Märchenerzählers, der freudige, weihevolle Stimmung
und hohes, heiliges Glück in die Seele ausgiessen will." S. 9:
„In Wirklichkeit ist es zweifelhaft, ob Jesus ans Davids Stamm
und ob er in Bethlehem geboren ist. Uns liegt heute nichts
mehr an dem Messias Israels: Wir haben in Jesus unseren
deutschen Heiland, und den wollen wir preisen und feiern,
wie wir nur können" usw. Wunder sind unmöglich, also ent-
halten die Wunderberichte keine Tatsachen. S. 36: „Es geht
einfach nicht, das3 im naturwissenschaftlichen Unterricht die
Kinder angeleitet werden, naturgesetzlich zu denken, um etwa
zu erkennen, wie aus diesen und jenen Bestandteilen in lang-
samer Entwickelung Wein wird, und dann in der Religions-
stunde dieses Netz der Naturzusammenhänge, mag es auch nicht
so fest und dicht sein, wie der Naturaberglaube behauptet, ein
Loch bekommt: es gibt auch Wein, der sofort aus Wasser ge-
macht wurde. Oder die Gesetze der Schwere hörten einmal
eine halbe Stunde auf zu bestehen, als einer (!) auf dem Meere
wandelte. Das geht einfach nicht." Oder S. 48 (Speisung der
5000 Mann): „Auch bei dieser Erzählung gibt es scheinbar
nur die Wahl: entweder ganz wahr oder ganz erfunden. Das
erstere ist, obwohl es immer noch von sehr vielen Leuten ge-
glaubt wird, unmöglich. Dazu bedarf es gar keiner Besinnung
auf Naturgesetze, das zeigt jedem armen Manne die schmerz-

liche Erfahrung jeden Tag." Etwas Oberflächlicheres über das
Wunder habe ich noch nicht golesen. Und so etwas bietet
Niebergali in seinem Handbuch Religionslehrern!

An wuchtigen Streichen gegen den alten „dogmatischen"
Religionsunterricht fehlt es nicht. Vielfach kämpft Niebergall
freilich gegen Missstäude, die längst aus dem gesunden Religions-
unterricht, auch dem altgläubigsten, verschwunden sind und nur
noch als grausenerlegende Gespenster liberalerseits zitiert werden.
So S. 41 (Hochzeit zu Kana): „Endlich muss doch einmal der
Unfug aufhören, dass alle solche Geschichten bloss unter der
katechetisehen Traubenpresse das eine Tröpflein ergeben müssen:
Er war Gottes Sohn, denn er hat Wander getan." Das Dogma
von dem toten, unfruchtbaren orthodoxen Religionsunterricht
und den frohen, sonnigen, lebenerzeugenden Religionsstunden
der liberalen Lehrer steht nun einmal in unserer Zeit in weiten
Kreisen fest. Der in der Praxis stehende positive Religions-
lehrer, der auch liberalen Religionsunterricht samt seinen Er-
folgen gründlich kennt, macht eich darüber seine eigenen
Gedanken.

Zum Schluss erkenne ich gern und freudig an, dass Nieber
galls Handbuch eine ganze Reihe recht brauchbarer, feinsinniger
Winko jedem Religionslehrer, mag er theologisch stehen, wie
er will, bietet. Dr. Amelung-Dresden.

Neueste theologische Literatur.

Unter Mitwirkung der Redaktion
zusammengestellt von Oberbtbliothekar Dr. Runge In Gbttingen.

Biographien. Kickh, P. Klemens. Sein Werdegang, v. ihm selbst

beschrieben, sein Tagewerk, angeg ben v. P. Cölestin Wolfsgruber. Wien,
Msyer & Co. (VI, 210 8. 8 m. Bildnis). 3.60.

Zeitschriften. American Society of Church History: Papers, Second
Series. Vol. 1, Edited by S. M. Jackson. London, Putnam (8). 12 s. 6 d.
— Jahrbuch f. die evangelischen Gemeinden deutscher Zunge in Italien
1914. Im Auftrag der Konferenz der deutschen evangel. Pfarrer Italiens
hrsg. v. Pfr. M. Släglich. Potsdam, Stiftungsverlag (79 8. 8 m. Ab-
bildgn.). 1 Jt

Bibelausgaben u. -Ucbersetzuugen. Heaton, W. J., The Puritan
Bible and other contemporaneous Protestant versions. Illustr. London,
Griffith (362 p. 8). 6 s. 6 d. — Morgan, G. Campbell, The Graded
Bible. Vol. II. London, Hodder & S. (270 p. 8). 1 s. 6 d. — Testa-
ment, The Jaymaa's Old. Ed. with bnef notes by M. G. Glazebrook.
P. 1. Historical books. P. 2. The Prophets, the Psalms and the Wis-
dom Books. London, Milford (894 p 8). 2 s. 6 d. — Testament, The
New. A new translation of James Moffatt. London, Hodder & S.
(338 p. 8). 6 s. — Texts, The Great, of the Bible. Ed. by Rev.
James Hastings. II. Corinthians and Galatians; St. Luke. London,
T. dt T. Clark (500, 488 p. 8). Je 10 s.

Biblische Einleitungswissenschaft Anderson, Sir Robert, The
Bible and Modern Criticism. London, Nisbet (298 p. 8). 2 s. 6 d. —
Browne, Laurence E, The Parables of the Gospo.u in the Light of
Modern Criticism. Hulsean Prize Essay, 1914. Camb. Univ. Press
(100 p. 8). 2 s. 6 d. — Lewis, Agnes Smith, Light on the Four
Gospels, from the Sinai Palimpsest. Frontispiece. London, Williams
& N. (IX, 226 p. 8). 3 s. 6 d. — Naville, Edouard, Archseology of
the Olu Testament; Was the Old Testament written in Hebrew?
(Library of Historie Theology.) London, R. Scott (224 p. 8). 5 s. —
Peake, Arthur S., The Bible, its origin, its significance and its abiding
worth. London, Hodder & S. (554 p. 8). 6 s. — Stoddart, Jane T.,
The Old Testament in Life and Literature. London, Hodder & S.
(522 p. 8). 7 s. 6 d. — Walker, W. L, Christ the Creative Ideal:
Studies in Colossians and Ephesians. London, T. & T. Clark
(224 p. 8). 5 s.

Exegese n. Kommentare. Aked, Charles F., The Divine Drama
of Job (The Short Course Series). London, T. & T. Clark (152 p. 8).
2 s. — Batten, Loring W., A critical and exegetical Commentary on
the Books of Ezra and Nehemiah. London, T. & T. Clark (384 p. 8).
10 h. 6 d. — Oarroll, B. H., An Interpretation of the English Bible:
Exodus and Leviticus. London, Revell (8). 7 s. 6 d. — Oommen-
taries on the Gospels. 4 Vols. S. P. C. K. (8). Je 6 d. — Dale,
R. W., The epistle to the Ephesians. (Expositor's übrary, cheaper,
ro-issue.) London, Hodder & 8. (454 p. 8). 2 s. — Derselbe, The
epistle of James. (Expositor's übrary, cheaper re-issue.) Ebd. (328 p.
8). 2 s. — Nairne, Alexander, The Epistle of Priesthood: Studies in
the Epistle to the Hebrews. London, T. & T. ClarK (454 p. 8). 8 s.

Biblische Geschichte. Alford, B. H., Jewish History and Lite-
rature under the Macabees and Herod. London, Longmms (130 p. 8).
2 s. 6 d. — Bevington, F., The Last Gospel aud tue Life of the
loading ...