Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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ergeben. Das ist doch für unsere Ausführung kaum der Fall.
Mehr aber noch als dies fällt ins Gewicht, dass eine Abweisung
Wundts an der Stelle, wo Heinzelmann noch nicht nachgewiesen
hat, dass Religion tatsächlich ein apriorischer Bestandteil des
menschlich-persönlichen Lebens ist, nicht möglieh ist. Dass dies
der Fall ist, und dass demgemäss eine allgemeingültige Be-
stimmung des Wesens der Religion möglich ist, bestreitet Wundt
ja eben. Es wäre daher meines Erachtens methodisch richtiger
gewesen, wenn Heinzelmann zuerst zu den Fragen, die heute
über das schwierige Problem vom Wesen der Religion zur
Debatte stehen, wenigstens kurz Stellung genommen und von
hier aus die Frage nach dem Wesen der Religion zu be-
antworten gesucht hätte. Wenn diesen Darlegungen dann die
Auseinandersetzung mit Wunde gefolgt wäre, wäre dem Verf.
ein wirklich inneres Ueberwinden der Wundtschen Position ge-
wiss gewesen.

Immerhin soll dieses Bedenken nicht allzustark hervor-
gehoben werdon. Es wurde ja bereits angedeutet, dass die
Auseinandersetzung mit Wundt die eigene Position des Verf.s
wenig beeinfiusst hat. In dem, was der Verf. über das Wesen
der Religion selbst sagt, wird man ihm unbedingt beizupflichten
haben und ihm dankbar sein, wenn er von hier aus den
Animismus in religiöse Beleuchtung Btellt, wobei er zu dem
Resultat kommt, dass der Animismus nicht areligiös, sondern als
irreligiös zu beurteilen sei, kurz, ihn als Krankheitserscheinung
des religiösen Lebens charakterisiert. Dass ein derartiges
Resultat für die heute im Mittelpunkt des Interesses theologischer
Forschung stehende Religionsgeschichte ungemein beachtenswert
ist, braucht kaum gesagt zu werden. Heinzelmann kann darum
versichert sein, daBS er nicht nur — wie er hofft — akade-
mischen Missionsstudienkreisen einen Dienst getan, sondern
auch die allgemeine theologisch-wissenschaftliche Arbeit ge-
fördert hat. Lic. Jelke-Suxdorf.

Sichert, Hans (Direktor), Handbuch für den evangelischen
Religionsunterricht erwachsener Schüler. In Verbindung
mit Dir. Dr. H. Rothstein, Prof. Dr. F. Niebergall, Pastor
A. Köster herausgeg. Leipzig 1911, Quelle & Meyer (XII,
352 S. gr. 8). 7 Mk.
Erwachsene Schüler? Ein etwas ungenauer und seltsamer
Begriff auf jeden Fall, vielleicht aber sogar ein gefährliches
Prinzip! Verf. denkt an Schüler nach erreichter Pubertät, und
zwar augenscheinlich an Schüler, nicht au Schülerinnen. Dass
dieser Unterricht seine grossen Schwierigkeiten und seine Nöte
hat, aber auch eine hochbedeutsame Aufgabe bleibt, betont er
nachdrücklich. So sucht er denn Wesen und Ziel dieser Tätig- j
keit und ihre Bedingungen zuerst in einem allgemeinen Teile
zu bestimmen. Derselbe beginnt mit einer religionsphilosophischen
Orientierung; Wundt, JameB, Höffding, Windelband, Simmel,
Eucken und andere werden hier — in Kürze — charakterisiert.
Verf. erklärt dabei, den Vorwurf nicht zu fürchten, dass er
sich an der Philosophie statt an der Religion orientiere. Tat-
sächlich hat man aber aufs stärkste den Eindruck, alB ob er
ganz vergessen wolle, dass er doch für evangelischen und
christlichen Religionsunterricht zu schreiben gedenkt, und dass
er selber eingangs gefordert hatte, es müsse nicht bloss auf
die Religionspsychologie, sondern auch auf die „objektive Re-
ligion" zurückgegangen werden (S. 11). Unter dieser bo unj
vermeidlich blassen Färbung des Ausgangspunktes leidet offenbar
die Gesamtauffaseung des Buches. Viel Richtiges und Interes-

santes gibt das Kapitel über die Religionspsychologie des er-
wachsenen Schülers. Es mag dabei etwas Richtiges auch an der
Beobachtung sein, dass der Religionsunterricht manchmal auch
die reiferen Schüler an ein äusserliches UnterordnuDgsverhältnis
gegenüber der Bibel zu binden versuche. Aber wenn Verf. in
dieser Hinsicht redet von bewusBter Absicht im Widerspruch
mit der wissenschaftlich erkannten Unhaltbarkeit des Inspirations-
dogmas, so möchte man von ihm wohl Beweise für das Recht
zu einem solchen moralischen Vorwarf erbitten (S. 80). Im
übrigen soll dankbar anerkannt sein, dass auch in den Kapiteln
über Methodik und Lehrstoff viel Anregendes aus ausgebreiteter
Berücksichtigung dar theologischen und didaktischen Strömungen
fliesst. Und wenn die Aufgabe des Religionsunterrichts auf
Grösseres und Besseres denn auf Ueberliefernng von Kennt-
nissen gerichtet wird, so stimmen wir dem freudig bei. Aber
die positive Bestimmung dieses Grösseren schmeckt doch sehr
nach einer bestimmten Schule; sie läuft auf das Erleben der
Religion an der Person Jesu hinaus. Doch ist zu beachten
und zu billigen, dass Verf. auch einen Abschluss durch eine
Art von systematisch zusammenfassender Glaubens- und Sitten-
lehre fordert, überhaupt der intellektuellen Seite ihre Recht
lässt. — In den zweiten, speziellen Teil haben sich die neben
dem Verf. genannten Mitarbeiter geteilt: Rothstein bespricht den
alttestamentlichen Stoff in mild kritischem Sinn, Niebergall den
neuteatamentlichen und die Kirchengeschichte mit dem be-
sonderen Charakterzug, dass er diesen Stoff zur Antwort ge-
stalten möchte auf die aus der Versenkung in die Gegenwart
sich aufdrängenden religiösen, apologetischen, ethischen Pro-
bleme — ein Verfahren, das doch leicht zur Künstelei wird
und die ruhige Versenkung in den objektiven Stoff stark ge-
fährdet. Köster endlich bietet eine Glaubens- und Sittenlehre,
d. h. er gibt einen methodischen Weg an, wie aus der An-
erkennung des höchsten sittlichen Gutes der „religiöse Glaube"
an Gott und die Erfassung Jesu hervorwäahst und wie die so
gewordene religiös-sittliche Persönlichkeit Bich behauptet. Die
theologische Gesamthaltung ist die des jasuzentrischen Libera-
lismus. Bachmann-Erlaugen.

i

Matthes, Prof. Lic. H. (Oberlehrer in Darmstadt), Erklärung
des zweiton Artikels auf biblisch -geschichtlicher
Grundlage. Zugleich eine Handreichung zur vertiefenden
Behandlung des Lebens Jesu. (Hilfsmittel zum evangelischen
Religionsunterricht. 27. Heft.) Berlin 1913, Reuther und
Reichard (X, 114 S. gr. 8). 2.40.
Matthes erklärt in der vorliegenden Schrift den 2. Artikel
nach der „anlehnenden" Methode, das heisst, er schliesst seine
Besprechung an einzelne geschichtliche Abschnitte des Neuen
Testaments an, aus denen er die einzelnen Sätze des Katechis-
mus hervorwachsen lässt. Das Bestreben, möglichst konkret
und anschaulich zu verfahren und die Genesis der Sätze des
Bekenntnisses und der Erklärung Luthers zu zeigen, hat diese
Methode hervorgerufen. Und sie behütet in der Tat vor dem
abstrakten Dogmatisieren, das sich dann einstellt, wenn man
vom Katechismussatz ausgeht. Die Kinder erfahren auf diese
Weise sehr deutlioh, dass die biblische Geschichte die Grund-
lage für die religiösen Aussagen des Katechismus ist. Und der
2. wie auch der 3. Artikel eignen sich ja durch ihren histo-
rischen Stoff besonders für die an die biblische Geschichte an-
geschlossene Behandlung. Man mnss es dem Verf. auch nach-
rühmen, dass er mit Sorgfalt und Gründlichkeit die in Betracht
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