Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

63

64

machersehen Christologie kommt meines Erachtens bei Scheel
zu kurz) wie auch die Verbindung mit der ganzen Fülle der
christologisehen Ideen Schleiermaohers. Es war auch ein glück-
licher Gedanke, die Weise damit zu vergleichen, in der ein
Mann wie Teller den historischen Anstrich des fraglichen Be-
griffs auskauft, danebenzustellen. Denn man sollte v. Franks
Mahnung nie vergessen, gerade Sobleiermacher aus seinem ge-
schichtlichen Zusammenhang heraus zu verstehen. Noch frucht-
barer wäre es vielleicht gewesen, die unmittelbare Kritik heran-
zuziehen, die von rationalistisch orientierter Seite an Schleier-
machers Position geübt ist, z. B. von Steudel, dem letzten der
alten Tübinger Supranaturalisten: „lieber das bei alleiniger
Anerkennung des historischeu Christus sich für die Bildung
des Glanbens ergebende Verfahren" (Entgegnung auf Schleier-
machers Sendschr. an Lücke, Tttb. Zeitschr. f. Theol. 1830, 1 ff.).

Lio. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Koepp, Lic. Wilb. (Pfr. in Strenz-Naundorf bei Belleben),

Mystik, Gotteserlebnis und Protestantismus. (Bibl.

Zeit- u. Streitfragen herausgeg. von Prof. D. Kropatscheok.

VIII. Serie, 7. Heft.) Berlin-Lichterfelde 1913, E. Runge

(53 S. gr. 8). 60 Pf.
Nachdem der Verf. kürzlieh ein grösseres Werk über Joh.
Arndt und die Mystik in der lutherischen Kirche hat erscheinen
lassen, führt er die dort vorgetragenen Gedanken über die
Mystik hier auf breiterer Grundlage für einen weiteren Kreis
aus. Ein sehr zeitgemässes Unternehmen; denn die Mystik
hat es dem modernen Menschen einigermassen angetan. Diese
ist nun aber bekanntlich gar keine so einfache und eindeutige
Grösse; es bedarf schon einer eindringenden Untersuchung, um
ihrer habhaft zu werden. Und eine solche ist bei aller Kürze
das vorliegende Sohriftohen. Danach ist die Mystik eine Art
Sonderreligion, eine Schmarotzerpflanze, die sieh allenthalben
an die geschichtlichen Religionen anhängt. Sie würde jedoch
nicht den bereiten Boden finden, wenn nicht der Religion über-
haupt ein mystischer Zug innewohnte. Wie nun das anerkannt
und dabei doch das Wesen der mystischen Sonderreligion auf-
gezeigt wird, diese Auseinandersetzung ist sehr lehrreich und
fesselnd. Wenn freilich hierbei immer auf das Gotteserlebnis
zurückgegangen wird, so bleibt doch die Frage übrig, was das
eigentlich heisst: Gott erleben, und wie das geschieht. Sie ist
damit nicht erledigt, dass man diesem Ausdruck jetzt allenthalben
begegnet, dass er förmlich zur kursierenden Münze geworden
ist. Die Frage findet in der vorliegenden Schrift doch nicht
die entsprechende Erledigung. Doch das nur nebenbei. Sie ist
im übrigen so umsichtig und gründlich, mit soviel psycho-
logischem Tiefblick und dabei so präzis und klar geschrieben,
dass sie aller Empfehlung wert ist. Man kann sie nicht lesen,
ohne in der Auffassung und Erkenntnis der wichtigen Sache
wesentlich gefördert zu werden. Lic. Winter.

Lasson, Georg (Pastor an St. Bartholomäus, Berlin), Hegels
Schriften zur Politik und Rechtsphilosophie. (Philosoph.
Bibliothek Bd. 144.) Leipzig 1913, Felix Meiner (XXXVIII,
513 S. gr. 8). Brosen. 7 Mk.
Unter Mitwirkung von Dr. Otto Weiss hat der bekannte
Kenner der Hegclschen Philosophie die Herausgabe einer kri-
tischen Gesamtausgabe von Hegels sämtlichen Werken in An-
griff genommen. Was als Bd. 144 der Philosophischen Bibliothek

hier vorliegt, ist Band VII dieser Ausgabe und enthält fünf
einzelne Schriften, von denen nur drei in der alten Gesamt-
ausgabe von Hegels Werken enthalten sind, nämlich die Ver-
handlungen der württembergisehen Landstände, die englische
Reformbill und die Behandlungsarten des Naturrechts. Die
beiden weiteren Schriften „Die Verfassung Deutschlands" und
„Das System der Sittlichkeit" sind bis jetzt beide je nur in
einem unvollständigen Sonderdruck erschienen und konnten nur
durch das Entgegenkommen der Berliner Königlichen Bibliothek
nach den Hegeischen Manuskripten vollständig herausgegeben
werden. Da angesichts dieser Umstände auch die Textkritik
keine leichte Sache war, so ist die Arbeit des Herausgebers
um so verdienstvoller. Ueberhaupt ist es hocherfreulieh, dass
das Verständnis für den philosophischen Weitblick Hegels wieder
im Wachsen begriffen ist. Vor einigen Jahrzehnten wäre es
ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, weitere Kreise für die
Gedanken des genial konstruierenden Philosophen zu gewinnen.
Bildete man sich doch damals ein, dass sich Hegel viel zu
weit vom Boden der „Wirklichkeit" entferne und deshalb nur
mit der Stange im Nebel herumfahre. Dieses oberflächliche
Vorurteil einer des idealen Schwunges auf dem Gebiet der
Geisteswissenschaften entbehrenden Zeit beginnt jetzt glück-
licherweise zn schwinden. Wer namentlich Hegels politische
Schriften liest, der muss erkennen, dass dieser grosste Geist die
realen Tatsachen vortrefflich erfasst und vielfach mit propheti-
schem Scharfblick die Richtlinien der zukünftigen Entwicklung
gezeichnet hat. Dr. Fr. Walt her-Stuttgart.

Heinzelmann, Lic. Gerh. (Privatdozent d. Theol. in Göttingen),
Animismus und Religion. Eine Studie zur Religions-
psychologie der primitiven Völker. Gütersloh 1913, Bertels-
mann (82 S. gr. 8). 1. 50.
Unter Animismus versteht der Verf. den Seelen- und Geister-
glauben und Seelen- und Geisterdienst nach seinem ganzen Um-
fang, soweit er im Zusammenhang bleibt mit Vorstellungen,
die von der menschlichen Seele hergenommen sind. In die
Ersciieiaungswelt dieses so verstandenen Animismus will seine
Studie einführen. Als sehr vorteilhaft stellt sich dabei heraus,
dass der Verf. sich nicht auf die Darstellung des genuinen
Animismus beschränkt, sondern auch die mit demselben zu-
sammenhängenden ähnlichen Erscheinungen, unter denen Tote-
mismus und Fetischismus besonders berücksichtigt werden, in
seine Darstellung verflicht. Gelingt es ihm doch gerade hier-
durch, die Erscheinung des Animismus von den verschiedensten
Seiten ans zu beleuchten und so sein Wesen völlig klar dar-
zustellen.

Der zweite Teil der Studie will die Frage nach dem Ver-
hältnis, in dem der Animismus zur Religion steht, beantworten.
Hierzu ist es nötig, dass der Verf. das Wesen der Religion
selbst zunächst erst darstellt. Er tut dies, indem er einsetzt
mit der Begriffsbestimmung von Religion, die W. Wundt in
seiner Völkerpsychologie herausgearbeitet hat. Die Mängel
dieser Bestimmung sucht unser Verf. hierbei aufzudecken und
dann einen ihre Einseitigkeiten vermeidenden Begriff von
Religion festzulegen. Hier liegt der Punkt, wo mir die Studie
methodisch nicht ganz einwandfrei zu sein scheint. Mit einer
Darstellung eines fremden Religionsbegnffes wird man bei einer
prinzipiellen Erörterung über das Wesen der Religion vorteilhaft
nur dann einsetzen, wenn sicri aus der fremden Auffassung
irgendwelche gewichtige Richtlinien für das eigene Verständnis
loading ...