Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Thaer und die Erziehung des Menschengeschlechts.
(44 S. 8). 1. 20.
Nr. 74: Peisker, Lic. Dr. Martin (Pfarrer in Wiederau), Die
Geschichtlichkeit Jesu Christi und der christliche
Glaube. Eine methodische Studie (53 S. 8). 1. 20.
Die alte Frage, die läDgst und allgemein aufgehört hatte,
als Frage zu gelten, nimmt unter Rückblicken auf die Geschichte
des Problems Krüger neuerdings auf, nämlich ob nicht Lessing
nur der Herausgeber der Erziehung sei, ihr Verfasser aber der
um die deutsche Landwirtschaft verdiente AibreehtThaer (f 1828).
Derselbe schreibt in einer für seine Braut bestimmten Darlegung
seiner Weltanschauung, dass er sich ein neues System erschaffen
und es flüchtig aufs Papier gebracht habe, dass es dann in die
Hände eines grossen Mannes gefallen sei, der den Stil etwas
umgeändert und einen Teil davon als Fragment eines un-
bekannten Verfassers, nachher aber den zweiten Teil mit eigenen
Zusätzen herausgegeben habe. Nach Darlegung der religiösen
Ansichten Thaers, soweit wir sie kennen, erörtert Krüger sorg-
fältig Lessings Verhältnis zur Erziehung mit dem Resultat, dass
Leasing sich nie die Autorschaft zugeschrieben habe, dass auch
die Erziehung, abgesehen von den letzten 20 Paragraphen, nicht
Lessings Gedanken wiedergebe. Statt wie bisher die exoterische
Methode Lessings zur Erklärung heranzuziehen, muss man nach
dem wirklichen Verfasser suchen. Vieles macht es wahrschein-
lich, Thaer als denselben anzusehen, was die für den Offen-
barungsbegriff wichtigen Teile des Werkes anlangt. Ein apo-
diktisches Urteil abzugeben, vermeidet Krüger. Doch schon
dass er die Autorschaft der bis heute wirksamen Erziehung einer
erneuten und gelehrten Untersuchung unterworfen hat, ist ein
nicht geringes Verdienst. Besonders wertvoll erscheinen uns
seine letzten Andeutungen über die Geschichte des Offenbarungs-
begriffes in der Aufklärungszeit.

Angesichts der Schwierigkeiten, die die historische Kritik
der Begründung des christlichen Glaubens auf die Geschichtlich-
keit Jesu tatsächlich und prinzipiell darbietet, und der Un-
möglichkeit, denselben auf das Christusbild ohne dessen Deutung
durch die hinter ihm stehende Person des geschichtlichen Jesus
zu stellen, macht Peisker den Versuch, die Ueberzeugung von
der Existenz Jesu als in der christlichen Erlösungserfahrung
vorhanden durch deren Analyse nachzuweisen. Er setzt sich
dabei auseinander mit Herrmanns Theorie vom inneren Leben
Jesu, die die historische Kritik nicht ausreden lasse und die
Möglichkeit einer Christnsdichtung nicht ausschliesse, mit der
Stellung Wobbermins, an der er vor allem die Willkür tadelt,
mit der die wesentlichen Züge des neutestamentlichen Christus-
bildes ausgewählt werden, mit dem Standpunkt Kählers, der
ihm sympathisch ist, aber doch auch bedenklich vorzüglich des-
halb, weil er um des Glaubenscharakters des neutestamentlichen
Bildes willen die historische Kritik von ihm absperre. In seinem
eigenen Entwurf wahrt der Verf. der letzteren ihr volles Recht,
spricht aber zugleich dem Glauben die Fähigkeit zu, einen
historizistisch mehr oder weniger zuverlässigen Punkt der Ueber-
lieferung zu verabsolutieren. Da der Glaube für die ihn tragende
Idee von der vergebenden und erlösenden Sünderliebe Gottes
mit Rücksieht auf die Heiligkeit Gottes notwendig einen Bürgen
braucht, ist ihm die Geschichtlichneit eines Jesus, in dem diese
Bürgschaft liegt, gewiss, und zwar kann die Gewissheit wie das
irdische Wirken Jesu, so auch Tod, Auferstehung, Erhöhung
umfassen. Der Sehlussabschnitt zeigt noch, wie sich auf dem
Standpunkt des Verf.s die Einzelfrageu des Lebens Jesu aus-
nehmen, wobei er als Beispiele das Selbstbewusstsein, die Natur-

wunder, die leibhaftige Auferstehung Jesu wählt. Begrüssens-
wort ist die Festigkeit, mit der der Verf. an der Glaubens-
notwendigkeit der Geschichtlichkeit Jesu festhält, und die Ein-
sicht, dass in einer Glaubensfrage das entscheidende Wort dem
Systematiker zufallen müsse. Das methodisch Bedenkliche seiner
Ausführungen kann hier kaum angedeutet werden. Ist Christus
nicht dem christlichen Glauben das Wunder und kann die An-
wendung der „rationalen" Kritik auch nur die Möglichkeit des
Wunders offen lassen (S. 47 ff.)? Ist die erstere Frage zu be-
jahen und die letztere zu verneinen, so bedarf der Entwurf des
Verf.s einer gründliehen Revision.

Lie. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

Scheel, Lic. Hans, Die Theorie von Christus als dem
zweiten Adam bei Schleiermacher. Leipzig 1913,
Deichert (VI, 80 S. gr. 8). 2 Mk.
Das Wertvolle an Schleiermachers Theorie vom anderen
Adam sucht Hans Scheel vor allem darin, dass sie energisch
das Neue, was in Christus erschienen ist, zum Ausdruck bringt,
und weiter, dass sie gegenüber dem hauptsächlich negativen
Erlösungsbegriff den ganzen Umfang des in Christus erschienenen
Lebens beschreibt. Durch die Betonung einer objektiven Christus-
gestalt, wie ßie in der fragliehen Theorie vorliegt, werde jedoch
das Schema der Bewusstseinstheologie gesprengt. Schleiermacher
suche diesen Widerspruch daduroh zu beseitigen, dass er das
Bewusstsein um den anderen Adam alsBewusstsein der Schöpf ungs-
volleudung, als Siegesbewusstsein eines neuen Lebens beschreibe.
Hierdurch lasse er sich aber zu einseitiger Betonung des
apriorischen Christus, der Urbildliehkeit und damit zum Doke-
tismus verführen. Es sei Schleiermacher nicht gelungen, Christus
als Urbild, als Träger göttlichen Lebens, in den Entwickeluugs-
zusammenhang einzugliedern; ferner sei durch jene Einseitig-
keit das Bild des historischen Jesus psychologisch unrichtig ge-
worden. — Der Untersuchung über Sohleiermaeher wird ein
(allzu summarischer, nur bei Teller etwas weiter ausgeführter)
Rückblick auf die Verwertung der Theorie in der alten Dog-
matik, bei Teller und bei dem Soziniauer Crell vorangeschiekt.
Es ist bedauerlich, dass sieh Hans Scheel nicht mit den
neueren Untersuchungen, vor allem von Mulert und Süskiud
auseinandersetzt, die er doch im Literaturverzeichnis nennt
(statt Hubert lies: Mulert). Seine Arbeit, die in der vorliegenden
Form mit allzugrosser Beschränkung nur iu. der Glaubenslehre
umherführt, hätte noch beträchlich au Wert gewonnen. Vor
allem lässt sich die Kritik, die er an Schleiermachers Christo-
logie übt, durchschlagend nur durch eine umfassende Kritik
seiner Geschichtstheorie begründen. Der Begriff der Urbildlieh-
keit durchbricht zwar den Entwickelungjzusammenhaug, darin
hat Scheel zweifellos recht, wie auch mit der anderen Be-
obachtung, dass die Theorie vom anderen Adam aus der reinen
Bewusstseinsimmanenz auf eine historische Betrachtungsweise
führe. Daraus folgt aber, dass das ganze Problem kein er-
kenntnistheoretisohes ist, wie es von Scheel aufgefasst wird,
sondern ein geschichtstheoretisches. Scheel hat jedoch das Ver-
dienst, auf den eigentümlichen Lösungsversuch des Problems,
den Schleiermaoher gerade mit der Theorie vom anderen Adam
unternimmt, hingewiesen zu haben. Die Betonung des Begriffs
„anderer Adam" ist ein Meisterstück Schleiermaeherscher Dia-
lektik. Denn er gestattet unter stärkster Konzentration auf den
zentralen Charakter Christi sowohl die Würdigung der geschicht-
lichen Person (dieser längst erkannte Vorzug der Schleier-
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