Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

59

60

Neue Folge. 14. Heft. Tübingen 1913, Mohr (136 S.
gr. 8). 6 Mk.

Die gegenwärtig von Prof. Simons herausgegebenen Arbeiten
haben besonders für die rheinische Kirchen geschieh te schon
manchen wertvollen Beitrag geliefert. So werden sich die
Kenner der Kirchengeschichte des Niederrheins diesmal über
die quellenmässige Darstellung von Dr. W. Holl weg: Johannes
Schumacher genanntBadius, „ein wahrer Reformator am Nieder-
rhein", freuen. E. Simons fügt ihr einen Brief des Badius an
Pisoator an, den er in K. Kraffts Kollektaneen gefanden habe.
Leider liess sich das Original des Briefes nicht ausfindig machen;
die Abschrift bietet formell einige Fehler, aber sachlich Interes-
santes. Heinrich Müller berichtet über „die deutsch-
holländische Theologenkonferenz 1868—1872", die auf
deutscher Seite vor allem von Wolters und dem geistvollen,
weitblickenden Fabri getragen wurde, viel versprechend in
Wesel zum erstenmal tagte, aber an den dogmatischen Gegen-
sätzen auf beiden Seiten scheiterte. Hauptbindeglied dieser
Vereinigung war nach Fabris Wort Chantepie de la Saussaye,
mit dem die Konferenz zu Grabe getragen sei. Für die früher
so innigen Beziehungen zwischen der niederrheinischen und
holländischen Theologie, die neuerdings auf kirchengesohicht-
lichem Gebiet wieder aufgenommen sind, hätte die Konferenz
in der Tat von grosser Bedeutung werden können. — Paul
Stand te hat sich für den zum Abdruck gebrachten Vortrag
über die theologische Erkenntnismethode nach katho-
lischen und evangelischen Grundsätzen leider Fr. W.
Försters „Autorität und Freiheit" entgehen lassen. Sonst wäre
ihm das Problem noch schwieriger, aber auch interessanter er-
schienen. Immerhin bietet er Gutes. Die formale Gleichheit
in einzelnen methodischen Ansätzen bei einigen zum Schluss
genannten protestantisch-theologischen Gegnern, wie Troeltsch
und Cremer, bedeutet für die Ausprägang ihrer theologischen
Anschauung doch viel weniger, als der Verf. anzunehmen scheint.
Und darf man Ritschis Werturteil und das Glaubensurteil bei
»Ihmels so weit identifizieren? Hier vermisst man die grund-
sätzliche Betrachtung. — Es folgen Büoherbesprechungen
kirchengeschiohtlicher Art und zum Schluss eine vorzügliche
Bibliographie von W. Rotscheidt, die der schriftstellerischen
Rührigkeit der rheinischen Pfarrer ein beredtes Zeugnis aus-
stellt. Zänker-Soest.

Kissling, Dr. Johannes B., Geschichte des Kulturkampfes
im Deutschen Heiche. Im Auftrage des Zentralkomitees
für die Generalversammlungen der Katholiken Deutsch-
lands. Drei Bände. Erster Band. Die Vorgeschichte.
Freiburg i. Br. 1911, Herder (VII, 486 S. gr. 8). 6.50.
Kissling meint, dass die Zeit für ein abschliessendes Werk
über den Kulturkampf noch nicht gekommen sei, unternimmt
es aber gleichwohl, die bislang zugänglichen, von Jahr zn Jahr
wachsenden Materialien einstweilen zu sammeln und auf sie
eine übersichtliche und, wie er glaubt, objektive Darstellung
jener Ereignisse zu gründen.

Was er in diesem ersten Bande gibt, ist in der Tat über-
sichtlich angelegt, flott geschrieben und in vielen Abschnitten
überaus lehrreich. Gegen die Objektivität aber erheben sich
sofort einige leise Zweifel, wenn man auf dem Titelblatte liest:
„Im Auftrage des Zentralkomitees für die Generalversammlungen
der Katholiken Deutschlands." Die Zweifel wachsen bei einem
Blick in die ersten acht Kapitel. Ein auf drei Bände ver-

anschlagtes Werk wird mit einer „Vorgeschichte" eröffnet, die
einen vollen Band umfasst, und diesen nimmt wieder zur Hälfte
eine Darstellung der Kirchenpolitik Preussens im 17. und
18. Jahrhundert ein. Wir sollen kräftig an die „ehemals
traditionelle polizeistaatliche Willkür" erinnert werden, die an-
geblich im neuen Gewände des Kulturkampfes eine traurige
Wiederkehr erlebt hat. Wie es Kissling fertig bekommen will,
von dem auf ganz anderen Prinzipien sich aufbauenden Ver-
hältnis zwischen Staat und Kirche etwa im Zeitalter des
Grossen Kurfürsten oder Friedrichs II. eine einwandfreie Linie
zu den kirchlichen Konflikten der letzten fünfzig Jahre zu
ziehen, müssen die anderen Bände noch lehren. Wo der
Historiker zeitlich seinen Ausgangspunkt nimmt, ist für seine
Methode nicht ohne Bedeutung. Bei Kissling hat man den
Eindruck, dass es ihm weniger auf folgerichtige Beziehungen
zwischen einst und jetzt als auf Gewinnung eines entsprechend
zugerichteten Hintergrundes ankommt, von dem dann die
Kulturkampfszeit ihre eigenartige Beleuchtung empfangen soll.
Die Toleranz der Hohenzollern war nach Kissling nur eine
„angebliche". Wie Btand es damit aber bei den katholischen
Fürsten derselben Zeit? Gewiss, die Hohenzollern waren in
ihrer Weise intolerant. Aber nur sie? Oder sie in erster
Linie? Wie kann ein Historiker es wagen, den Toleranz-
begriff des 19. Jahrhunderts an die Vorgänge des 16., 17. nnd
18. Jahrhunderts zu legen? Eine Masse von Kleinigkeiten und
Kleinlichkeiten wird zusammengetragen, ja es müssen sogar
aus Mangel an wirklich grossen Gewalttätigkeiten blosse Ge-
rüchte und nur angeblich beabsichtigte Gegenmassregeln dazu
herhalten, die trübe Stimmung zu steigern. Schon wenn ein
Fürst angesichts des Todes seine Schwiegertochter „vor dem
Uebertritt zam Katholizismus warnt" (S. 52), so fällt dies für
Kissling nicht unter den Begriff der Festigkeit und Treue,
sondern unter den der Intoleranz. Erst mit dem 9. Kapitel
nähert sich Kissling Beinem Gegenstande. Wir lernen die ge-
reizte Stimmung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kennen,
die dem Kampfe seine besondere Schärfe gab. Mit viel Fleiss
ist hier ein abgelegenes Material zusammengetragen, für das
der Leser dankbar sein muss. Nur schade, dass auch hier
wieder die Sichtung fehlt. Nicht alles und jedes, was damals
gegen irgend eine Seite des Katholizismus gesprochen und ge-
schrieben wurde, floss aus der gleichen Kulturkampfquelle.
Manches galt Kirche und Religion überhaupt, manches dem in
jeder Kirche steckenden konservativen Geiste, manches den
romantischen Anschauungen, an denen auch die Katholiken
teil hatten. So lagen die Dinge denn doch nicht, dass alles
von der äussersten Linken bis zur äussersten Rechten von einer
katholikenfeindlichen Stimmung getragen gewesen wäre. Einiger-
massen überraschend kommen zum Schluss noch die „Vorboten
des Kulturkampfes in Bayern, Baden und Hessen". Es ist
nicht durchsichtig, ob hier überall wirklich verwandte Er-
scheinungen oder oft nur zufällige Aehnlichkeiten vorliegen.
Man darf auf die beiden folgenden Bände gespannt sein. Erst
sie werden die interessanten Stoffe bringen und zugleich die
Auffassung des Verf.s klarer hervortreten lassen.

Friedrich Wiegand.

Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften
aus dem Gebiete der Theologie und Religionsgeschiohte.
Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck).

Nr. 73: Krüger, Dr. Gustav (Prof. in Giessen), Albrecht
loading ...