Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Stimmung beim Denken an die Bibel zu versetzen. Man
müsste jammern über den Schlag, der in diesem Buche dem
Ansehen der Bibel versetzt werden sollte, wenn man nicht so-
viel Zutrauen zum gesunden Sinn unserer Zeitgenossen hegen
dürfte, dass doch die meisten von ihnen in einem solchen Vor-
gehen nur unwissenschaftliche Pseudokritik erkennen werden.

Ed. König.

Sohwaab, Dr. E., Historische Einführung in das Acht-
zehngebet. (Beiträge zur Förderg. christl.Theol., 17. Jahrg.,
5. Heft.) Gütersloh 1913, Bertelsmann (169 S. gr.8). 3.60.
Der Verf. untersucht zunächst die historische Bezeugung des
Achtzehngebets und kommt zu dem Resultat, dass es mit Aus-
nahme der 12. Benediktion im letzten Jahrzehnt des ersten
christlichen Jahrhunderts fertig vorlag, aber bereits im Tempel-
kult Verwendung fand. Noch weiter herab führt eine Unter-
suchung des Inhalts der Benediktionen und der in ihnen voraus-
gesetzten zeitgeschichtlichen Lage. Danach ist das Gebet in
antisadduzäischen, pharisäischen Kreisen entstanden, und zwar,
wie die 7. und 11. Bitte lehren, als die Pharisäer noch unter
Druok standen; es ist also noch vorchristlichen Ursprungs.
Die Sprache, die sieh mit der der Mischna am meisten be-
rührt, unterstützt diese Datierung. Unter Gamaiiel IL wurden
die 17 Benediktionen (nach der Zählung der mit Recht vom
Verf. angenommenen palästinischen Rezension) redigiert und
um die Bitte gegen die Häretiker vermehrt. Diese Minim
identifiziert der Verf. meines Erachtens richtig mit den Christen;
weil sie den väterlichen Glauben gefährdeten, wurde ihre Ver-
wünschung religiöse Pflicht, der Hass gegen sie ins Gebet
hineinbezogen.

Den Ergebnissen der gründlichen Untersuchung Btimme ich
zu. Kritische Bedenken erheben sich mir nur gegen die zeit-
liche Ansetzung einzelner Bitten nach ihrem Inhalte, z. B. der
neunten um Segen der Landwirtschaft (S. 67 ff.) und der
zehnten um Sammlung der Zerstreuten, in der vor allem auf
das auch auf Münzen der Zeit der Aufstände der Juden gegen
die Römer (66—73) sich findende Wort nwi zu grosser Wert
gelegt wird (S. 90). An dem Gesamtergebnis ändern diese Be-
denken nichts. Zu ihm bahnt sich der Verf. mit sicherer Methode
den Weg durch gründliche Verwertung aller in Betracht kom-
menden spätjüdischen Quellen.

Für die Entstehung der Ketzerbitte und die Rolle, die
Samuel der Kleine dabei Bpielt, darf ich den Verf. zur Ver-
vollständigung der Literaturangaben noch aufmerksam machen
auf die Ausführungen des Rabbiners G. Klein, „Der älteste
christliche Katechismus", Berlin 1909, G.Reimer, S. 109ff.

Paul Krüger-Leipzig.

Koetsohau, Paul (Professor Dr. Hofrat, Gymnasialdirektor
in Weimar), Origenes Werke, V. Bd. De principiis
(Uspi äp)(u>v), herausgegeben im Auftrage der Kirchenväter-
Kommission d. kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften.
(Griech. christl. Schriftsteller, Bd. 22.) Leipzig 1913, Hinriohs
(CLX, 423 8. gr. 8). 20 Mk.
Koetschau hat 1899 die zwei ersten Bände der neuen
Origenesausgabe in der Berliner Kirchenvätersammlung heraus-
gegeben; sie enthielt die Schriften „vom Martyrium" und „vom
Gebet" und vor allem die 8 Bücher gegen Celsus. Während
die beiden * nächsten Bände von Klostermann und Preuschen

herausgegeben wurden, legt nun wieder Koetschau ein Ergebnis
seiner Arbeit in einer Ausgabe von „de principiis" vor, die
Frucht langer, seit etwa 1900 begonnener Arbeiten. Die
Aufgabe, die für den Herausgeber des Textes zu bewältigen
war, war nicht gering. Wir haben ja von dem griechischen
Original nur Bruchstücke in der Philocalia, in einem Briefe
des Kaisers Justinian und sonst, die sich aber auf alle 4 Bücher
verteilen. Die Uebersetzung Rufins, dem wir ja im wesentlichen
die Erhaltung des Werks verdanken, ist nun mit ihren dogma-
tischen Korrekturen, gegen die Hieronymus polemisierte, kein
völliger Ersatz für das Original. Aher auch hier macht die
Mannigfaltigkeit der handschriftlichen Ueberlieferung der Ueber-
setzung Rufins sowie auch der hinzutretenden Zitate aus ihr
die Arbeit schwierig, umfasst dooh Koetschaus Handschriften-
katalog der Uebersetzung 34 Codices. Damit muss das ver-
bunden werden, was wir von der leider als Ganzes verlorenen
Uebersetzung des Hieronymus haben, vor allem in dem Briefe
an Avitus, doch eine ganze stattliche Anzahl von Fragmenten
aus allen 4 Büchern. Hierzu kommt dann noch, was wir von
der Rufinsehen Uebersetzung der Apologie des Origenes durch
Pamphilus haben; auch hier war eine vielgestaltige Ueber-
lieferung zu berücksichtigen, wenn auch leider von dieser Seite
her für den Text des Werkes Bich nicht besonders viel er-
kennen liess. An eine schwierige Aufgabe, die man rein theo-
retisch stellen könnte, hat sich Koetschau, wie mir scheint mit
Recht, nicht herangemacht, nämlich an die Rekonstruktion des
verlorenen griechischen Grundtextes. Koetschau hat selbst auf
ein griechisch-lateinisches Lexikon der griechischen Bruchstücke
und der entsprechenden lateinischen Rufinstellen verzichtet,
weil die Ueborsetzung Rufins so ungenau und inkonsequent
ist, dass man aus dem lateinischen Wortlaut für das verlorene
griechische Original nichts schliessen kann. Ja, hätten wir noch
die Uebersetzung des Hieronymus vollständig, dann könnte
man sich wohl an jene weiterführende Aufgabe der Rekon-
struktion des griechischen Grundtextes mit einigem Vertrauen
wagen.

Der Schwierigkeit der Aufgabe entspricht es durchaus, dass
Koetschau dem Bande eine sehr eingehende Einleitung von
160 Seiten vorausschickt, in der er von folgenden Punkten
handelt: 1. Entstehung und Bezeugung von irepl äp^uiv,
2. „Handschriftliche Ueberlieferung", 3. „Wiederherstellung von
uspl dpj((hv", 4. „Inhalt und Gliederung der Schrift" (hier wird
auch von der Buch- und Kapiteleinteilung und den Dispositions-
angaben des Origenes gehandelt) und endlich 5. Ausgaben und
Schlusswort. Das ist alles sehr umsichtig zusammengestellt
und begründet, so dass dadurch die folgende Ausgabe trefflich
unterbaut erscheint.

Die Ausgabe zeigt die bei dieser Sammlung üblich ge-
wordenen Anordnungen mit doppeltem Apparat, in der unteren
Reihe den handschriftlichen Apparat, darüber die Bibelstellen,
Parallelstellen usw. Beide Apparate, besonders der handschrift-
liche Apparat, sind möglichst knapp gehalten. Der gebotene
Text unterscheidet sich von den früheren Ausgaben besonders
dadurch, dass die bessere Handschriftengruppe <z erstmalig be-
nutzt und der nur dort erhaltene Abschnitt in I, 4. 3 de crea-
turis et conditionibus gedruckt ist. Es handelt sich im letzten
Grunde darum, die beiden Handschriftengruppen a und 7 so
zu vereinigen, dass ihr gemeinsamer Archetypus, der verlorene
codex Luculianus, d. h. der Codex, den der Diakon Donatus
im Peterskloster in Castell Lucullanum (in der Nähe von Neapel)
im Jahre 562 las, rekonstruiert und von Fehlern gereinigt
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