Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Jaden wird der Verf. etwas weitläufiger, weil dieser Stoff trotz
mancher kleineren und zerstreuten Vorarbeiten vollständig noch
nicht behandelt wurde. Er untersucht daraufhin die Schriften
des Alten Testaments, die Uebersetzung der Septuaginta, die
Apokryphen, Josephus, den Talmud und die Zauberpapyri, so-
dann das Neue Testament sowie die Dämonologie der Baby-
lonier, der Perser und Griechen, um deren Einfluss auf die
Dämonologie der Juden festzustellen. Der Einfluss der persischen
Dämonologie auf die jüdische wird zugestanden, aber die Ent-
wickeln g der Gedanken über den Satan als selbständig an-
gesehen. Auch Spuren der griechischen und der römischen
Dämonologie werden anerkannt. In der Darstellung der An-
sicht Jesu über unseren Gegenstand wird auch der Theorie
einer Täuschung und Akkommodation Jesu gedacht und wider-
legt sowie Jesu Rede Matth. 12, 22—45 und parall. erklärt.
Iiier beschäftigt sich unser Verf. auch mit den Einwänden aus
der Medizin, die von der Gleichheit der charakteristischen Züge
der Besessenheit mit den Symptomen verschiedener Krankheiten
(wie Dämonomanie, Hysterie, Doppelpersönlichkeit) ausgehen,
und sucht sie zu entkräften.

Der zweite Teil unseres Buches enthält erst die rechte
apologetisch-exegetische Behandlung unseres Gegenstandes. Es
werden da mit aller, auch textkritischer und auch auf die Zeit,
den Ort und den Zweck der Handlung sich erstreckender
Gründlichkeit die vier Perikopen behandelt, die von der Heilung
Besessener handeln, nämlich die Heilung des Dämonischen in
der Synagoge zu Kapernaum, der Dämonischen in der Gegend
der Geratener, der Tochter des kanaanäischen Weibes uud des
mondsüchtigen Knaben. Ueberau wird auch die Erklärung der
Gegner (explioatio rationalistarum) vorgeführt und widerlegt.

Das Buch zeichnet sich durch eine sozusagen vollständige
Beherrschung und Benutzung der einschlägigen Literatur aus.
Und zwar kommt nicht nur die deutsche (und lateinische),
sondern auch die französische, englische, holländische Literatur
zu Worte, zum Teil bis in die neueste Zeit. Zum Lobe des
gelehrten Buches sei hervorgehoben, dass es auch die protestan-
tische theologische Literatur sehr eingehend berücksichtigt, und
zwar nicht nur — wie es bei römisch-katholischen Theologen
so oft geschieht — die liberale, damit sie als Schreckbild diene,
sondern auch die positive, die dem Verf. oft Gelegenheit bietet,
ihren Urteilen beizustimmen. So wird z. B. König Behr oft
zustimmend zitiert, aber auch B. Weiss, Barth, Zahn usw.
Daneben werden aber auch J. Weiss, Harnaok, Bousset usw.
sehr oft angeführt. Ein sehr reichhaltiges Sach- und Namen-
register, ein Verzeichnis der Bibelstellen und ein ausführliches
Inhaltsverzeichnis erleichtern den späteren Gebrauch des Buches.

Georg Daxer-Pressburg.

Kappstein, Theod., Bibel und Sage: Sage, Mythus, Legeade
in der Bibel; die Bibel in der Legende und Anekdote.
Berlin 19i3, Haude & Spener (XI, 380 S. gr. 8). 5 Mk.
Gegen die Bibel sind schon viele Bücher geschrieben
worden, aber gewiss wenige, die mit so unwürdigen Waffen
gekämpft hätten, wie das, welches jetzt Theod. Kappstein ver-
öffentlicht hat. Man hat vom sozialdemokratischen Pamphlet
„Die Bibel in der Westentasche" gehört und Bein Bedauern
darüber ausgesprochen, dass die literargeschiehtliche Unkenntnis,
die materialistische Weltanschauung und der Klassenhass (gegen
„die Priester") das Religionsbuch der Israeliten und Christen
mit solcher Schroffheit zur Zielscheibe wählen konnten. Aber

jetzt ist ein noch niedrigerer Augriff auf dieses Religionsbuch
gemacht worden. Mit literargesohichtlicher Verkeunung und
monistischer Irreligiosität haben sich parteiisches Haschen naoh
den menschlichen Schwächen des Bibelbuchs und faunische
Lachlust zusammengesellt, um mit vereinten Kräften die Bibel
herabzuziehen und dem Gelächtor preiszugeben.

Was der Verf. iu seinern ersten Hauptteile, wie er im
Untertitel seines Buches gekennzeichnet ist, als Sprachrohr
einer Reihe von modern-liberalen Bibelkritikern, unter denen
er Gunkel und Gressmann besonders hervorhebt, vorbringt,
das soll hier nicht beurteilt werden. Denn diese Aufstellungen
über die „Sagenkränze", die man in den Erzählungen über
die Patriarchen und Mose zu finden meint, und die Zusammen-
werfung der prophetischen Religion mit der sog. Volksreligion
Israels und die evolutionistisehe Konstruktion der israelitischen
Religionsgeschichte, wonach auf die Beduinenreligion eine
Bauernreligion folgte (Marti), alle diese neueren Dogmen sind
bekannt, und wer will, kann ihre Widerlegung aus den Quellen
in meiner „Geschichte der alttest. Rel. kritisch dargestellt" (1912)
lesen. Hier sollen aus dem ersten Hauptteile des in Rede
stehenden Buches nur solche Momente besprochen werden, in
denen der Verf. über jene Bibelkritiker noch hinausgeht. Dies
tut er aber teils in mancher inhaltlichen Behauptung und teils
in dem schnodderigen Ton, in welchem er seine Auslassungen
gegen die Bibel vorträgt. Dann auch Gressmann mit seinem
Buche „Mose und seine Zeit" wird noch übertroffen, wenn
Kappstein über die aus dem sog. Priesterkodex stammenden
Partien der Mosegeschichte z. B. dies schreibt (S. 51): „Mose
wird durch Aaron in Schatten gestellt, sein levitischer Bruder
soll Mose inspirieren als Redner." Das ist die reine Verdrehung,
denn im Gegenteil soll ja Aaron der Mund = Nabi „Sprecher"
Moses sein (Ex. 4, 16; 7, 1). Den Weg der Geschichtsverdrehung
aber fortwandernd, sagt jenes Buch weiter: „Hier ist die
Priesterschaft der nachexilischen Zeit am Werk, die sich das
Hauptverdienst an der Volksbefreiung durch ihren Urahn Aaron
aufs Konto setzen möchte." In bezug auf die Geschmacklosig-
keit des Tones ferner, in welchem der Verf über die biblischen
Dinge spricht, genügt es, nur folgende Ausdrucksweisen zu er-
wähnen: „Jahve zaubert am besten" oder „ein Orakelkatalog"
oder „der Nachtspak bei der Hexe" (S. VII f.) oder „die
religiöse Tunke" (S. 71) oder „Weihrauchdttfte hinter sich
lassend (also kein Automobil)" auf S. 186. Grell hervorstechend
an dem ersten Hauptteile des Buches ist auch die sohroffe Un-
gerechtigkeit in der Würdigung der Bibel, indem mit wenigen
Ausnahmen nur die Momente hervorgehoben werden, welche
Menschlichkeiten an der Bibel ausmachen. Denn z. B. vom
Galaterbriefe wird nur dieB erwähnt, dass Paulus in 4, 21 ff.
eine allegorisierende Auslegung vorgetragen hat. Aber für
solche Partien, wie die bewundernswert scharfsinnige Ueber-
führung des Petrus zu Antiochien (2, 11 ff.) oder für Sätze,
wie „In Christus gilt nur der Glaube, der in Liebe tätig ist"
oder „die Frücht des Geistes ist Liebe, Freude usw." oder „Irret
euch nicht: Gott lässt sich nicht spotten" hatte dieser Kritiker
keinen Platz in seinem Buche.

Den Tiefenrekord in der Ungerechtigkeit gegen das Bibel-
buch hat er aber erst im zweiten Hauptteile seiner Darstellung
erreicht. Denn da hat er erstens breit entfaltet, wieviel ver-
kehrto oder läppische Auslegungen an die Bibel bei manchen
Rabbinen und Kirchenlehrern angeknüpft worden sind. Zweitens
hat er auch noch ein Kapitel über „dio Bibel in der Anekdote"
hinzugefügt, um ja seine Leser iu die ihm richtig scheinende
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