Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Legende bei seiner Beurteilung vorislamischer Kulturzustande.
Nach dieser Legende könnte es scheinen, als sei auch der
Higaz und Süd- und Nordwestarabien vor Mohammed noch der
Schauplatz von „groupements primitifs de la famille humaine".
„Das Licht Mohammed" soll aus völligem Dunkel hervor-
gestiegen sein. Darum fasst mau das W&kt-el-Jahilija, das in
Wirklichkeit Zeit der Barbarei in sittlicher und religiöser Be-
ziehung in jenen Zeiten des Niedergangs bedeutet, als Zeit
primitivster Kulturzustände auf. Alles, was die Ueberlieferung
von Trümmern vorislamischer Kultur weiss im Koran und in
den alten Erzählungen, soll nun nach Lammens auf das Konto
einer träumerischen Idealdichtung gehören, die sich über dem
Elend des armen Landes mit der Sage einstiger paradiesischer
Herrlichkeit tröstete, oder auf das Konto einer Tendenzdichtung,
die in Zeiten der Eroberung gesegneter Länder die gleiche
Schönheit dem Heimatlande, der Wiege des Islam, zuschreiben
wollte. Gewiss gab es solche dichterische Schilderungen, auch
im Koran mag manche Nachricht z. B. von demc Ad und Tamud
davon beeinflusst sein. Aber nicht alles ist so zu erklären.
Die Nachrichten eines Ptolemaios von Ruinen in Südarabien
sind durch die Funde bestätigt, und die Felsengräber der Toten-
stadt von Petra zeigen höchste Blüte der Kultur im Nabatäer-
reich. Und ein kulturelles Milieu, wie es die biblischen Er-
zählungen von Jetro, dem midianitiseben Ratgeber des Moses,
und von der Königin von Saba voraussetzen, kann sehr wohl
der Wirklichkeit der betreffenden Zeiten entsprechen. Sofern
wirklich in den Nachrichten von Trümmern älterer Kultur im
Koran und den arabischen Erzählungen Legende vorliegt, wird
sie übrigens von Lammens nicht immer richtig beurteilt. Wenn
die arabischen Dichter z. B. von Arabien als „Mitte der Erde"
oder von den Paradiesesflüssen in Arabien reden, so gehört
das in das Kapitel der orientalischen kosmischen Geographie,
die das Land ohne Rücksicht auf Grösse und Beschaffenheit
des Territoriums als Mikrokosmos betrachtete. Ebenso ist die
Mo'ammerunliteratur nicht lediglich als dichterische Spintisierung
über ein goldenes Zeitalter zu erklären, sondern sie ist be-
einflusst von der altorientalischen Weltzeitalterlehre, die eine
der glücklichen Urzeit entsprechende Endzeit erwartete.

Ueber die klimatischen Verhältnisse des Higaz, über die
Vegetation und Flora, über Ackerbau und Beduinenleben, über
die Tierwelt usw. gibt das Buch reiche und überraschende Auf-
schlüsse. Besonders interessant waren mir die Abschnitte, die
von den Juden in Arabien handeln. Aber waren die jüdischen
„Königreiche" zur Zeit Mohammeds wirklich ausschliesslich
jüdisch im ethnographischen Sinne? Es scheint doch vielmehr
so zn sein, dass den Juden, die in Arabien als Getreidehändler,
Gold- und Waffenschmiede, wohl auch als Ackerbau- und Dattel-
zuchtunternehmer arbeiteten, im grossen Stile Missionserfolge
erzielt und ganze Stämme zum Judentum bekehrt haben. Es
wäre nicht der einzige Fall in der Weltgeschichte, in dem es
dem Judentum gelungen ist, wenn auch nur vorübergehend,
wirkliche Missionserfolge zu erzielen.

Ich muss um Entschuldigung bitten, wenn ich, obwohl ich nicht
fachmännischer Arabist bin, Lammens in wichtigen Punkten zu
widersprechen wage. Sie betreffen aber allgemeine weit- und
kulturgeschichtliche Fragen, die für das Verständnis der Religions-
geschichte entscheidend sind. Die Kritik soll den Dank nicht
schmälern, den auch ich dem bedeutenden Buche schuldig bin.

Alfred Jeremias-Leipzig.

Wilke, Fritz (Universitätsprof. in Wien), Die politische
Wirksamkeit der Propheten Israels. Leipzig 1913,
Dietorich (109 S. gr. S). 2. 40.
Es ist eine kleine feinsinnige und fein ausgearbeitete Studie, die
Wilke hier vorgelegt hat. Bekanntlich hatte vor allem d er Assy riologe
Winckler die Propheten Israels in erster Linie als Politiker, als
politische Agenten auswärtiger Mächte zu verstehen gesucht.
Dem Versuche, hieraus ein Schlagwort gegen ihn zu prägen
und ihm zu imputieren, dass er damit ihre religiöse Bedeutung
verringern wolle, war er später mehrfach energisch als einem
groben Missvorständnisse seiner Auffassung entgegengetreten.
Und es lässt sich nicht leugnen, dass sich manche seiner
Kritiker etwas gar zu oberflächlich sowohl mit seinen Argu-
menten wie auch mit der Tatsache, dass mehr oder minder
alle Propheten auch eine politische Rolle gespielt haben, ab-
gefunden hatten. Wie ernst es ihm selbst mit seiner Meinung
war, sieht man aus der soeben erschienenen posthumen Schrift
des der Wissenschaft so tragisch früh entrissenen bedeutenden
Forschers „Vorderasien im zweiten Jahrtausend" S. 14 ff., in
der er unter anderem auf jene noch einmal zurückkommt.

Es ist daher sehr dankenswert, dass Wilke nun endiioh
einmal diese Frage in den grossen Zusammenhang, in den sie
gehört, hineingestellt und die gesamte politische Wirksamkeit
der Propheten einer Erörterung unterzogen hat, indem er zuerst
das freundliche Verhältnis, dann den Gegensatz des Prophetismus
zur politischen Macht und schliesslich seine grundsätzliche Stellung
zur Politik geschichtlich behandelt. Dabei gelangt er zu einer
Ablehnung der Wincklerschen These, aber nicht etwa auf Grund
eines oberflächlichen Räsonnoments, im Gegenteil, er erkennt
alles das, was für jene spricht, und die grosszügige Betrachtungs-
weise, die ihr zugrunde liegt, rückhaltlos an (S. 49. 51), führt
dann aber aus, wie sie an dem realen Tatbestände der prophe-
tischen Worte eines Arnos, Jesaja, Jeremia Schiffbruch leidet,
dass es auageschlossen ist, dass diese bei ihrer Stellang zum
Auslande einerseits, zu ihrem Volkstum und Vaterland anderer-
seits im Dienste eines fremden Grosskönigs gestanden oder von
seinem Vertreter politische Losungen entgegengenommen haben
sollten. Viele treffende neue Einzelbeobachtungen fallen bei
dieser Untersuchung ab, ich mache besonders auf S. 33 f., 73 f.,
85 f. aufmerksam. Soll ich auch eine tadeln, so ist es die Be-
hauptung, dass Arnos erst nach der Thronbesteigung Tiglat-
Pilesers (745) aufgetreten sei. Der Massstab, nach dem diese
Datierung (S. 55) gewonnen wird, scheint mir ein verfehlter zu
sein, und so gut wie Hosea kann auch Arnos das göttliche
Vernichtungswerkzeug unbestimmt, bald in Aegypten, bald in
Assur vermutet haben. Das ganze Milieu, in dem er wirkt, ist
doch zu offenkundig das der Glanzzeit Jerobeams II. Doch
dieser Dissensus macht für das von Wilke trefflich behandelte
Problem nichts aus. Sellin.

Smit, Johannes, De daemoniacis in historia evangelica.
Dissertatio exegetico polemica. Romae 1913, sumptibus
pontificii instituti biblioi (XXIV, 590 S. gr. 8). 6 Lire.
Vorliegendes Buch zerfällt in zwei Teile. Der erste Teil
gibt einen historischen Ueberblick über die Auffassungen der
Theologen und Exegeten von den Besessenen, um dann die
philosophische und theologische Frage der inneren und äusseren
Möglichkeit der Besessenheit, die Dämonologie der Juden zur
Zeit Jesu und Jesu Ansicht über die Besessenheit zu unter-
suchen. Besonders in der Behandlung der Dämonologie der
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