Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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den biblischen Vorstellungen von Dämonen begann es wohl,
dann werden die Engel problematisch, die Wunder, die Bibel,
die Erlösung, Christus, die Vorsehung, der lebendige persönliche
Gott. Ein Auf- und Abwogen des inneren Lebens von fast
grausamer Genauigkeit in der Schilderung zieht damit an uns
vorüber, bis endlich, endlieh eine Lösung sich anbahnt und der
Zweifelssturm gestillt wird nicht durch die Gründe und Beweis-
führungen des Verstandes, sondern durch den aus dringender
Not geborenen Entschluss, Christum und das Kreuz als die
einzige noch denkbare oder übrige Rettungsmacht zu ergreifen:
Gehorsam des Glaubens. Mit dieser Schilderung persönlicher
Erlebnisse verbindet dann Verf. aufs engste — teils zur Ein-
leitung, teils zum Abschlüsse — allgemeinere Erörterungen über
Gründe und Ursachen des Zweifels und über die Aufgaben der
gegenwärtigen Theologie in Richtung auf diejenigen Glanbens-
gewissheiten, die gerade um der sich an sie heftenden Zweifel
willen einer genaueren Bestimmung oder einer reinigenden
Durchprüfung bedürfen. Auch diese Darlegungen verdienen
wegen ihrer Klarheit und Richtigkeit ernste Beachtung. Manches
bedeutsame Licht fällt auf die Aufgaben der Erziehung, der
Predigt, des akademischen Unterrichts, und hinter allem steht
wirkliche Lebenserfahrung. Und was wichtig ist — kein
modernistisches Liebäugeln mit dem Zweifel findet statt. So
ernsthaft das Buch den Zweifel behandelt wissen will, soviel
es ihm Rechnung trägt und Rechnung zu tragen fordert, so
behandelt es den Zweifel doch von Anfang bis zu Ende als
Krankheitserscheinung. So kann und darf man das Buch gewiss
auch Zweifelnden direkt in die Hand geben; es kann sie er-
schrocken, es wird ihnen aber auch etwas zur Heilung dien-
liches schenken können. Aber auch alle anderen, die persönlich
und beruflich für das Ringen des Glaubensgeistes mit dem
Zweifel Interesse haben, werden in dem Buche Lehrreiches und
Anregendes in reicher Fülle finden. Ueber einiges Einzelnes
zu rechten versagen wir uns. Auch der Hinweis, dass selbst
das hier beschriebene Meer des Zweifels noch keineswegs alle
Zweifelsmöglichkeiten erschöpft, sei nur in aller Kürze ge-
geben. Möge das ehrliche und mutige Buch unverhüllter Selbst-
darstellung viel des Segens stiften, den der Verf. davon — mit
Fug — erhofft.

Die Uebersetzung ist, abgesehen von etlichen undeutschen
Wendungen, fehlerfrei und gut. Baohmann-Erlangen.

Hashagen, D. Fr. (Rostock), Persönliche Schrift- und
Kirchen - Studien zur Bekämpfung der modern - rationa-
listischen Schrift-Kritik. 1. Heft. Hermannsburg 1913,
Missionsbuchhandlung (195 S. gr. 8). 3 Mk.
Die Studien, deren erstes Heft hier vorliegt, sind dem Verf.
aus den Kämpfen des eigenen Lebens erwachsen. Sie sind ein
Schrei aus der Not, die dem Einzelnen wie der Kirche aus der
destruktiven Schriftkritik erwächst. Soll dem Christen die
Freudenquelle im Worte Gottes nicht getrübt oder verschüttet
werden, so muss ihm nach Hashagen der ganze Schriftkanon
untrügliche göttliche Autorität sein. Und hat unser Personen-
leben in Jesu sein Wesen gefunden, so werden wir der H. Schrift,
wie sie vorliegt, als göttlicher Offenbarung unmittelbar gewiss.
Von diesem Standpunkte aus wird die modern-rationalistische
Schriftkritik beleuchtet. Ihre Eigentümlichkeit wird dahin be-
stimmt, dass man mit einer sehr beschränkten Funktion des
Personenlebens, dem isolierten Intellekt, der Schrift Meister
werden will. Bei diesem Verfahren sind falsche Ergebnisse un-

ausbleiblich, weil die Schrift sich nur dem öffnet, der aus ihr
ewiges Leben schöpft, nicht aber dem, der sie wie ein anderes
literarisches Objekt nur verstandesmässig behandelt. — Auch in
bibelgläubigen Theologen wie Hofmann sieht der Verf. von
diesem Sauerteig, insofern bei ihnen die eigene Christlichkeit
zur Erkenntnisquelle des Heils gemacht wird. Dies habe zum
Subjektivismus auf religiösem Gebiete geführt und die Bahn
frei gemacht, nach eigenem Ermessen aus der Schrift heraus-
zufinden, was Offenbarungsoharakter hat.

Der Charakterisierung der radikalen Schriftkritik stimme
ich zu, nicht aber der ablehnenden Haltung gegenüber den
Hofmannschen Sohriftprinzipien. Auch halte ich die Meinung
für eine Selbsttäuschung, dass dem, der in Christo das Heil
gefunden hat, damit der ganze geschichtlich entstandene Kanon
zur unbedingten Autorität wird. Der Befürchtung, dass ohne
die völlige Unterordnung unter diese Autorität der Trost der
Seele in Gott ungewiss wird, ist entgegenzuhalten, dass auch
schwere innere Schädigungen erwachsen können, wenn einem
Christen eine Stellang zur Schrift zugemutet wird, die er nicht
festhalten kann. — Trotz dieser wesentlichen Abweichungen
ist mir die Lektüre des Buches wegen der religiösen Wärme
des Verf.8 und der grossen Fülle trefflicher Einzelausführungen
ein Genuss gewesen. H. Münchmeyer-Gadenstedt.

Cordes, D. A. (Stadtsuperintendent in Leipzig), Für Glauben
und Leben. Ein Botschafterdienst für Denkende und
Suchende. Hamburg 1913, Agentur des Rauhen Hauses
(223 S. gr. 8). 3 Mk.
Der Verf. hat hier eine Anzahl von Aufsätzen gesammelt,
die er zunächst als Einzelhefte in seiner früheren Gemeinde
hat verteilen lassen. Wenn sie nun dort, wie er berichten kann,
eine entgegenkommende Aufnahme gefunden und vielen einen
willkommenen Dienst getan haben, so ist das von ihnen gewiss
auch in dieser neuen Ausgabe zu erwarten. Sie nennen sich
eben Botschafterdienst für Denkende und Suchende, und sie sind
das in der Tat. Es sind Gegenwartsfragen, solche aus dem
inneren Leben und aus der äusseren Lebensführung, die hier
aufgenommen und in wahrhaft glücklicher, dem Menschen der
Gegenwart verständlicher Weise behandelt werden. W.as au
ihnen anspricht, ist die offene, ehrliche Art, mit der die gegen
die christliche Wahrheit sich erhebenden Bedenken behandelt
werden, ist ferner bei aller Entschiedenheit das weitgehende Ver-
ständnis, das der Gegenwart entgegengebracht wird. So sind
es Zeugnisse aus der Gegenwart für die Gegenwart, und darum
haben sie etwas so Gewinnendes. Der Verf. erinnert hierin
sehr an den sei. Weitbrecht, dem es bekanntlich gegeben war,
der alten Wahrheit mit besonderem Erfolg vor dem Gesohlecht
dieser Tage das Wort zu reden. Theologisch angesehen bleibt
freilich noch manche Frage übrig und ist auch einzebes zu
beanstanden, wie denn die Behandlung der Erlösungslehre der
Sache nicht ganz gerecht wird. Allein den Dienst, den das
Buch leisten will, leistet es in der Tat. Und so ist nur zu
wünschen, dass sich daran sehr viele beteiligen, ihn sich selbst
tun und zugleich es in andere Hände bringen möchten. Ins-
besondere soll es auch für die Hand unserer heranwachsenden
Jugend empfohlen Bein. Es ist ganz dazu angetan, ihr über
manche aufstossende Zweifel und Bedenken hinwegzuhelfen und
so das Verständnis für christliches Glauben und Leben näher zu
bringen. Lic Winter.
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