Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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zeitgemäss genannt werden mag. Denn „die Probleme haben
eich ungeheuer verschärft". Wer aber „von der damaligen
Lage heute noch ausgehen will", dem, meint er, könne die
vorliegende Neuansgabe noch einen Dienst tun. Stange hin-
gegen, dessen zweite Auflage innerhalb denkbar kurzer Frist
gefordert wurde, konnte sich lediglich von dem Bedürfnis ge-
trieben fühlen, seine Auffassung ausführlicher zu begründen;
von einer veränderten Problemstellung konnte durchaus nicht die
Rede sein.

Da Troeltsoh zur Sache selbst nichts Neues hinzufügt, viel-
mehr zu verstehen gibt, dass er sehr viel zu sagen haben
würde, was indessen erst eine ausgeführte Religionsphilosophie,
die „seine nächste Arboit sein wird", bringen soll, so können
wir uns mit der blossen Anzeige dor zweiten Auflage be-
gnügen. Anders liegt die Situation bei Stange, der in seinem
ausführlichen Vorwort sich auch äusserst gründlich mit seinen
Kritikern auseinandersetzt. Diese auf nicht weniger als 20 Seiten
sich erstreckende Auseinandersetzung gibt der neuen Auflage
auch eine neue Grundlage, die für das Verständnis der an-
gegriffenen Position wertvoll ist. Zudem erscheint die zweite
Auflage in einer veränderten Aufmachung, sofern der etwas
unverständliche Titel nunmehr als Haupttitel einer Serie von
religionsphilosophischen und dogmatischen Studien auftritt und
dem vorliegenden Buch als Sondertitel das Thema: „Das Problem
der Religion" überwiesen worden ist.

Bezüglich der erwähnton Auseinandersetzung teile ich nur
mit, dass es sich um Rezensionen von Herrmann (Christliche
Welt 1912, Sp. 717), Stephan (Theol. Literaturzeitung 1913,
Nr. 8), Hupfeld (Theol. Literaturbericht 1911, S. 2 48 ff.), Wehrung
(Die phil.-theol. Methode Schleiermachers 1911) und am aus-
führlichsten um meine in diesem Literaturblatt seinerzeit ver-
öffentlichte Kritik (1911, Sp. 131—134) handelt. Diese letzte
anf 10 Seiten ausgedehnte Erwiderung trägt zweifellos, mögen
meine Ausstellungen nun begründet Bein oder nicht, ein Er-
hebliches zum Verständnis der Stangeschen Position bei. Die
Antithese treibt auch zu Formulierungen, die in dieser Schärfe
und Bestimmtheit dem Text der ersten Auflage abgeht. Indes
ist es unmöglich, an dieser Stelle sich eingehend mit der Er-
widerung zu beschäftigen. Ich bedanre nur, dass gerade jetzt
eine eigene religionsphilosophisohe Studie ausgeht (Metaphysik
der Geschichte; Leipzig 1914, Deichert), in der ich nicht mehr
Gelegenheit nehmen konnte, in eine Diskussion mit Stange
hierüber einzutreten. Doch hoffe ich, dass mir dazu bald Ge-
legenheit gegeben wird. Dann wird jedenfalls dies eine klar
werden, dass eine grosse und erfreuliche Uebereinstimmung in
grundlegenden Punkten zwischen uub statthat, dass die Differenz
sich lediglich auf die Methode erstreckt, darauf nämlich, ob
zur Gewinnung wissenschaftlicher Urteile in Hinsicht des
Gottesbegriffs oder mit anderen Worten zur Ueberwindung der
blossen Werturteilstheorie und Skepsis ausser einer geschicht-
lich-ethischen Begründung der Religion noch eine erkenntnis-
theoretische notwendig ist. Stange bejaht dies, ich verneine
es. Ich glaube von einem revidierten Begriff des Sittlichen auB,
wie er bereits bei Luther vorliegt und wie er damalB zur Ueber-
windung des Nominalismus verhalf, so heute den Neunominalis-
mus ohne Anleihen bei einer immer höchst anfechtbaren Er-
kenntnistheorie überwinden zu können. Dies neue Verständnis
des Sittlichen ist es denn auch, was mich mit Stange eint und
von dem aus wir zu gemeinsamen Resultaten in der Religions-
philosophie gelangen. Deshalb ist es denn auch sicher über-
eilt, wenn Stange urteilt (S. XIII): dass ich durch einseitige

ethische Orientierung der Religionsphilosophie „ebenso wie
Mandel wieder in die Bahnen der Ritschl-Herrmannsehen Auf-
fassung zurücklenke". Dies Urteil dürfte bei Mandel allerdings
auch nach meiner Auffassung wenigstens nicht ganz unbe-
gründet sein; ich habe es in der erwähnten Schrift ausgeführt
Aber wenn man einen so völlig entgegengesetzten Begriff des
Sittlichen hat, als der moderne Nominalismus oder Personalismus,
dann ist auch das Resultat ein durchaus anderes. Mit dem
reformatorisch reinen Begriff des Sittlichen können wir nach
meiner Ueberzeugnng ruhig den Schritt wagen, die Religion
anf ihn allein zu basieren. Dann vormeiden wir die Skepsis
vollständig.

Von hier aus dürfte einleuchten, dass auch das Urteil von
Troeltsch über die „ungeheuer verschärfte Problemstellung in
der Gegenwart" ein höchst anfechtbares ist. Nicht die von
diesem Theologen beliebte Problemstellung, die in der Alter-
native zwischen einer erkenntnistheoretischen und einer psycho-
logischen Begründung des Idealismus in Sittlichkeit und Religion
besteht, führt uns weiter über die Skepsis des Herrmannschen
Standpunktes Linaus — diese führt nur zu immer deutlicherer
Erkenntnis, dass es sich um zwei unvereinbare, aber anch
künstliche Gesichtspunkte handelt —, sondern vielmehr die in-
haltlieh erneute Problemstellung, die inzwischen erwacht ist,
kann uns weiter helfen, und diese hat ihren Nerv in dem ver-
änderten Begriff des Sittlichen. Die Fragestellung Herrmanns
würde ich annehmen, dass wir entweder die Religion anf die
Sittlichkeit gründen oder anf rein vernnnltgemässe Erwägungen.
Stange würde sie allerdings zu erweitern wünschen, sofern er
auf eine Beihilfe aus der Erkenntnistheorie nicht verzichten
will — doch auch ihm ist diese Beihilfe nur gering, und sie
leistet lediglich einen rein negativen Gewinn, indem sie uns
sagt, was die Religion nicht sei. So urteilt Stange in seiner
Erwiderung gegen mich jetzt selbst. In dieser Schärfe redet
der Haupttext nicht. Indes muss ich mich auf diese An-
deutungen hier beschränken. Mein Wunsch ist, dass durch die
zweite Auflage der vorliegenden Schrift das erfreulicherweise
bereits entzündete Interesse für eine zwar schwierige, aber
äusserst wichtige Kardinalfrage aller Theologie, für die Frage
nach der Begründung der Religion neue Nahrung erhalte.
Täuscht uns nicht alles, so stehen wir hier vor neuen Anfangs-
stadien modern wissenschaftlicher Begründung der Theologie
der Reformation. Dunkmann.

Martonsen-Larsen, Lic. th. H. (Pfr. in Kopenhagen), Zweifel
und Glaube. Erlebnisse und Erfahrungen den Suchenden
gewidmet. Autorisierte Uebersetzung von Frieda Buhl.
Leipzig 1911, A. Deicherts Nachf. (VI, 226 S. gr. 8). 1.50.
Dass diese Besprechung so spät erscheint, ist Schuld des
Rezensenten und wahrlich nicht des Buches oder eines Mangels
von Anziehungskraft an ihm. Denn es ist vielmehr geeignet,
den Leser aufs höchste zu fesseln. So wahr und lebendig, so
ergreifend ziehen die inneren Erlebnisse, die hier beschrieben
werden, an uns vorüber. Erlebnisse nämlich sind es wirklich
und nicht eine Dichtung, Erlebnisse einer aufs äusserste mit
dem Zweifel ringenden, bis in alle Tiefen des Zweifeldunkels
hinabgerissenen Seele. Lange trug der Verf. den Zweifel halb
im Unterbewusstsein schlummernd in sich, ohne schon seine
Not wirklich zu empfinden; er hatte schon Jahre hindurch das
Pfarramt verwaltet, bis der Sturm losbrach, ihn von den Seinen,
von sich selbst, von Gott losriss und ihn fast verderbte. Bei
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