Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

35

36

Anfsätze Vilmars von bleibendem Wert, kirchlichen, politischen,
sozialen Inhalts hat später die Verlagsbuchhandlung von Heyder
& Zimmer in vier Bänden „Zur neuesten Kulturgeschichte
Deutschlands" herausgegeben. Gegen Vilmar richtete sich der
ganze Hass der Revolutionäre. Die bekenntnistreuen Geistlichen
aus beiden Hessen sammelto er in Konferenzen zur Besprechung
der wichtigsten Amtsfragen. Die Hoffnungen auf eine Reichs-
verfassung scheiterten. Der Kurfürst berief das Ministerium
Hassenpflug und in ihm zum Rat für Kirchen- und Schnlsachen
Vilmar. Die Ständeversammlung verweigerte, um das Ministerium
zu stürzen, die Steuern, mit Bundeshilfe wurde die Revolution
gebrochen. Bei der Neuordnung der Dinge wurden die Be-
fugnisse der Superintendenten erweitert, den Konsistorien vor-
blieb nur die äussere Verwaltung. Vilmar wurde mit Ver-
sehung der Superintendentur Kassel beauftragt. Hier erwies
er sich als Kirchenleiter auf der Höhe. Seine etwa vierjährige
Wirksamkeit in dieser Stellung hat nicht nur für die eine
Diözese, sondern für die Kirche des Landes reichen Segen ge-
habt. Nach Erledigung der Superintendentur wurde Vilmar
von den über 100 Diözesangeistlichen fast einstimmig zum
Generalsuperintendenten gewählt. Der Kurfürst aber versagte
die Bestätigung. Er fürchtete wohl die Schmälerung des Summ-
episkopats und die Lutheranisierung seiner niederhessischen Kirche.
Dazu hatte der Ernst der von Vilmar wiederhergestellten
Kirchenzucht am Hofe starke Gegner. Vilmar wurde als ordent-
licher Professor der Theologie nach Marbnrg versetzt (1855).

Sein Programm war die Broschüre: Die Theologie der
Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik. Er begann seine
Vorlesungen mit einer praktischen Erklärung der ganzen Heil.
Schrift in sechs Semestern, mit der Moral, der Lehre vom
geistlichen Amt, las bald auch Dogmatik, Pastoraltheologie,
über das evangelische Kirchenlied usw. und war der meistgehörte
theologische Professor. Daneben nahm er die Pastoralkonferenzen
mit den Geistlichen aus beiden Hessen auf deren Wunsch
wieder auf, predigte auch seit 1858 öfters auf den volkstüm-
lichen Misbionsfesten. Der schwerste Schlag traf ihn mit der
Vertreibung des Kurfürsten 1866. Im folgenden Jahre starb
seine (zweite) Gattin. Am 8. August 1868 fand man ihn am
Morgen friedlich entschlafen.

Auf seinem Grabstein steht die Inschrift: Ich habe geglaubt
eine Vergebung der Sünden, eine Auferstehung des Fleisches
und ein ewiges Leben. Amen.

Vilmar ist kein Theoretiker, auch kein Systematiker, sondern
ein Zeuge tiefer christlicher Erfahrung von ausgeprägter Eigen-
art. Wie er sich keiner theologischen Gruppe ansohliessen
konnte, werden auch seine Schüler und Jünger ihm nicht un-
bedingte Nachfolge leisten können. Schon seine Neigung,
starke Ausdrücke, an denen die Gegner sich stiessen, nur zu
steigern, wird davon abhalten. Aber wie er persönlich viele
nicht nur zum Glauben geführt, sondern ihnen aus dem Reich-
tum seines inneren Lebens immer neue Förderung und Be-
reicherung dargeboten hat, so wird man sich nicht ohne reichen
Gewinn in sein Leben versenken können. Möge das Buch
recht vielen Lesern zu reichem Segen werden und dazu helfen,
dass Vilmar in der Kirche fortlebe. D. Werner-Marburg.

Haegeholz, Wilhelm (Pastor in Zamborst), Korea und die
Koreaner. Nach englischen Quellen dargestellt. Mit
8 Tafeln und einer Karte. Stuttgart 191.'!, J. F. Steinkopf
(296 S. gr. 8). 4. 50.

Von den in miasionsgeschichtlicher Hinsicht so überaus be-
deutsamen Vorgängen, die sich im letzten Vierteljahrhundert
auf der kleinen koreanischen Halbinsel abgespielt haben, hat
der deutsche Leser fast nur durch sporadische Mitteilungen der
Missionszeitsohriften Kenntnis erhalten. Der Verfasser hat es
nun unternommen, die Vorgänge auf dem Grunde einer ein-
gehenden Darstellung des gesamten geographischen, ethno-
logischen, historischen, kulturellen und religionsgeschichtlichen
Hintergrundes dem Leser nahezubringen, wobei ihm vorwiegend
englische Quellen und an das Continuation Comittee gerichtete
Briefe aus Korea gute Dienste geleistet haben. Nach zwei
einleitenden Kapiteln über Land und Volk lässt er die an Blut
und Kämpfen reiche Geschichte Koreas vom 12. Jahrhundert
v. Chr. an auf 80 Seiten an unserem Auge vorüberziehen, um
dann in das kulturelle, soziale und kommerzielle Leben der
Koreaner einzuführen und aus allen diesen Gebieten Charak-
teristisches und Interessantes mitzuteilen. Der Religion und
Mission ist der zweite Hauptteil mit 122 Seiten gewidmet.
Die nicht einfache Darstellung der Religion ist dem Verf.
unseres Erachtens gut gelungen. An zahlreichen Erscheinungs-
formen zeigt er die religiöse Grundlage des Schamanismus und
Animismus auf, um sodann den von auswärts eingedrungenen
Einfluss des Konfuzianismus und Buddhismus zu würdigen. In
missionsgescbichtlicher Hinsicht bringt er die auf diesem Mis-
sionsfelde in wenigen Jahren gereifte beispiellose Grösse der
Ernte nicht nur zur Darstellung, sondern auch einigermassen
zum Verständnis, indem er der dort angewandten, durch das Zu-
sammenwirken besonders erfolgreicher Faktoren ausgezeichneten
Missionsmethode ein eigenes Kapitel widmet. Die grosse Er-
weckung um 1909 wird im ganzen als echte Kraft Wirkung des
göttlichen Geistes gewürdigt. Ein Kapitel über den traurigen,
mit der Verurteilung von 106 christlichen Koreanern ab-
geschlossenen Prozoss und die durch das Vorgehen Japans
über die aufblühende koreanische Kirche hereingebrochene
Krisis, zu deren gerechter Beurteilung der Verf. durch Kenntnis-
nahme von Briefen aus Korea instand gesetzt war, beschliesst
das inhaltreiche und eingehenden Studiums würdige Buch.

H. Palmer-Frankfurt a. M.

Troeltsoh, Dr. Ernst (Prof. der Theol. zu Heidelberg), Die
Absolutheit des Christentums und die Roligions-
geschichte, Vortrag. Zweite, durcbges. Aufl. Tübingen
1912, Mohr (XXVII, 150S. gr. 8). 3 Mk.
Stange, Carl (D. und Prof. der Theol. in Göttingen), Christen-
tum und moderne Weltanschauung. I. Das Problem
der Religion. Zweite Aufl. Leipzig 1913, Deichert (XX,
116 S. gr. 8). 3 Mk.
Es liegen zwei Neudrucke vor, beide fast völlig unver-
ändert, beide auch darin gleich, dass sie aus Vorträgen er-
wachsen sind. Die Verfasser habeD beide vor der Erwägung
gestanden nach ihrem Vorwort, ihre »Schrift entweder ganz um-
zuarbeiten oder sie unverändert zum zweitenmal ausgehen zu
lassen. Sie haben sich für das letzte entschieden und haben
dabei, was unbedingt neu zu sagen war, in einem Vorwort
ausgesprochen. Troeltsch gibt in seinem Vorwort wertvolle
literarische Angaben, die nahezu vollständig die Diskussion, die
sein Vortrag hervorgerufen, anführt. Ausserdem verweist er
auf sonstigo von ihm edierte Schriften, die sich mit verwandten
Problemen beschäftigen. Im übrigen gesteht er indirekt zu,
dass sein vor elf Jahren erschienener Vortrag kaum noch recht
loading ...